Morgens Aufsatz, mittags Aufschlag

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ISABELL BOGER
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Für uns", sagt Matthias Zimmermann, "gibt es kein besseres Projekt." Man muss dem Geschäftsführer des Racket Centers in Nußloch ein bisschen länger zuhören, um zu verstehen, was er damit meint. Um zu begreifen, dass das Racket Center nicht einfach Geld für ein soziales Vorhaben spendet, um sich gesellschaftliche Verantwortung auf die Fahnen schreiben zu können. Sondern dass das Äthiopien-Projekt der Sporteinrichtung mit viel Herzblut vorangetrieben wird.

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Racket Center

Das Racket Center Nußloch KG beschäftigt rund 120 Mitarbeiter. Eigentümerin ist Angelika Lautenschläger, Ehefrau von MLP-Mitgründer Manfred Lautenschläger.

Die Sport- und Freizeitanlage umfast unter anderem Tennisplätze sowie Badminton- und Squashcourts.

Bestandteil ist auch das Zentrum aktiver Prävention3 (Fitness-, Gesundheits- und Präventionstraining) mit Physiotherapie und Wellnessbereich.

Kinder und Jugendliche erhalten Kurse der Tennisakademie Rhein-Neckar, der Ballschule Heidelberg, für Ballett oder Viet Vo Dao. isa

Die Geschichte, die dahinter steht, ist eng verwoben mit der von Tariku und Desda Tesfaye. Aufgewachsen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, verlieren sie früh den Vater. Um die Mutter und die sechs Geschwister zu unterstützen, fangen sie an, im "Griechischen Club" zu arbeiten. Jeden Morgen, noch vor der Schule, säubern sie die Tennisanlage, arbeiten später als Balljungen - und kommen so auch mit den Menschen in Kontakt, die dort trainieren. Zu ihnen gehören Regierungs- und Botschaftsangehörige aus der ganzen Welt.

Irgendwann dürfen die Brüder selbst ein paar Bälle schlagen. "Mit der Zeit wurde ich besser und war ein beliebter Trainingspartner", erzählt Tariku Tesfaye heute. Einige Clubmitglieder fördern ihn, schicken ihn auf eine gute Schule und freuen sich über seinen Ehrgeiz - beim Lernen und beim Tennis.

Später, als Tesfaye längst im äthiopischen Davis Cup Team spielt, entscheidet er sich, etwas zurückzugeben. An sein Land und an die vielen Kinder, die aufwachsen, wie er es musste: in Wellblechhütten, ohne Strom und Wasser, ohne Zugang zu guten Schulen. Im Jahr 2000 gründet er das "Ethiopian Kids' Tennis Programme", heute "Tariku & Desta Kids' Education Through Tennis Development (TDKET)".

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"Wir gehen in die Dörfer und erklären, um was es geht. Die Kinder können dann zum Probetraining kommen", erklärt Tariku Tesfaye. Wer Talent hat, darf bleiben. Zweimal am Tag - vor der Schule und am späten Nachmittag - steht Tennistraining auf dem Programm. Doch nicht nur die Leistung auf dem Platz zählt, wichtig sind auch die Noten. "Es ist nicht nur ein Tennis-, sondern vor allem ein Bildungsprojekt", erklärt Matthias Zimmermann.

Durch den Sport lernten die Kinder Disziplin. Und die sei für das ganze Leben wichtig. Zimmermann begleitet das Projekt seit vielen Jahren. "Am Anfang waren wir selbst kritisch", sagt er.

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Dennoch ließ er sich überzeugen, 2008 die ersten äthiopischen Kinder ins Racket Center einzuladen. Vor kurzem war die siebte Gruppe für mehrere Wochen und insgesamt sechs Turniere in Nußloch zu Gast.Unter ihnen ist auch Sara, zehn Jahre alt. Ihre Eltern leben nicht mehr, die Nächte verbringt sie in Hütten von Verwandten. Doch gerade hat sie ein Turnier für Kinder bis zwölf Jahren gewonnen. Jetzt kann sie sich auf ein Stipendium freuen: ein Jahr Tennis - und ein Jahr Bildung auf einer Privatschule.

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Zimmermann spricht von einer "New Leadership Generation", die gefördert werden soll. Kinder, die aus dem Slum über den Tennisplatz den Weg an die Spitze schaffen. Die zur neuen Elite Äthiopiens werden, "aber nicht vergessen, wo sie herkommen und sich für die bereite Masse einsetzen". Rund 25 000 Euro steckt das Racket Center pro Jahr in das Projekt, weitere Unterstützung gewährt die Stiftung von MLP-Mitgründer Manfred Lautenschläger.

"Wenn man sich als Unternehmen sozial engagiert, muss das authentisch sein", sagt Zimmermann. Für ihn reicht es nicht aus, einfach Geld in die Hand zu nehmen. Wichtiger sei, dass die Menschen, auch alle Beschäftigten, dahinterstehen.

Wer gemeinsam mit den äthiopischen Kindern etwas Zeit im Racket Center verbringt, merkt, dass dieser Anspruch dort Realität ist. Nicht nur Zimmermann kennt jedes der sieben Kinder beim Namen. Auch die Dame an der Rezeption hat für sie ein nettes Wort übrig. Die deutschen Trainer geben letzte Tipps. Wobei, das betonen alle Beteiligten, der äthiopische Nachwuchs auch so schon auf einem außergewöhnlich hohen Niveau spielt.

Ein wichtiger Teil des Projekts sind Kontakte der jungen äthiopischen Gäste mit Kindern der Tennisakademie Rhein-Neckar - denen das soziale Engagement ebenfalls neue Erfahrungen bringt. "Ihre Maßstäbe verändern sich dadurch", weiß Zimmermann. Auch deshalb, sagt er, passen sein Unternehmen und dieses Projekt gut zusammen. Für ihn ist das wichtiger als jede Auszeichnung. Über die jüngste, eine Nominierung für den Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg, freut er sich trotzdem.