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Eine begehrte Braut

Erst bettelte Mannheim, dann einige Käfertaler Bürger, zeitweise gab es Widerstand und schließlich drohte gar mal Zwang vom Großherzog: Vor 125 Jahren erfolgte die Eingemeindung von Käfertal nach Mannheim. Von Peter W. Ragge

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Streit mit Käfertal – den gibt es eigentlich immer, seit es Mannheim gibt. Zwar zählt die Gemarkung des Vororts „zu einem der am wenigsten geklärten Gebiete unserer engen Heimat“, wie der Ortshistoriker und ehemalige Rektor Leo Pfanz-Sponagel mal in einer Veröffentlichung bedauert hat. Immer wieder aufflammende Grenzstreitigkeiten und Disput darüber, wer hier die Steuer eintreiben darf, sind indes seit dem Mittelalter aus dieser Gegend überliefert – was sich bis ins 19. Jahrhundert auswirkt.

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Die „Kolonie Waldhof“

Der Grund ist das seit 766 belegte Dorf Dornheim, das westlich der Au bis zum heutigen Mannheimer Hauptfriedhof verortet wird – der Neckar und der Rhein verlaufen ja seinerzeit noch ganz anders. Der Fluss muss diese Siedlung bei einem Hochwasser im 13. Jahrhundert weggerissen haben; jedenfalls verschwindet es 1236 für immer von der Landkarte und die Bewohner siedeln sich weiter nordöstlich im heutigen Käfertal an, das in einer auf „Cheverndal“ ausgestellten Urkunde des Pfalzgrafen erstmals 1227 belegt ist. Doch wer auf einst zu Dornheim zählendem Land Steuer erheben und die Gerichtsbarkeit ausüben darf, bleibt Streitpunkt.

Bei der Gründung von Festung und Stadt 1606 werden die Gemarkungen von Dornheim ebenso wie die von Rheinhausen (heute Schwetzingerstadt) Mannheim zugeschlagen. Damit ragt das Gebiet der neuen Quadratestadt wie ein Keil in Käfertaler Fläche hinein, bis zum heutigen Bäckerweg und tief in den Wald kurz vor dem – damals noch nicht existierenden – Karlstern. Dagegen erstreckt sich das wohlhabende Bauerndorf Käfertal weit westlich bis an den Rhein. Mannheim erhebt aber immer mal wieder Ansprüche, und die – mehrfach unterbrochenen – Verhandlungen unter Beteiligung des Großherzogtums ziehen sich bis zu einem Kompromiss 1882.

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Damit sind aber nicht alle Konflikte ausgeräumt. Die Käfertaler ärgert, dass ihr Pfuhlloch, also die Fäkaliengrube im heutigen Wohlgelegen, auf fremder Gemarkung liegt. Dabei brauchen sie den Dung, weil ihre Sandäcker sonst nicht genug Ertrag abwerfen. Mannheim wiederum braucht den Käfertaler Wald. Dort erwirbt die Stadt von der Gemeinde Käfertal 1884 für 64·000 Mark das Recht, ein Wasserwerk zur Versorgung ihrer stark wachsenden Bevölkerung zu errichten. Es wird 1886 bis 1888 gebaut, aber zu klein – man kalkuliert keine Erweiterung ein, und als sie nötig wird, reagieren die Käfertaler störrisch.

Zu jener Zeit entstehen auch innerhalb von Käfertal immer mehr Konflikte. Die alte Kerngemeinde ist sehr stark landwirtschaftlich-dörflich geprägt. Doch die bis zum Altrhein reichende „Kolonie Waldhof“ mit der 1853 auf billigem, weil nicht sehr fruchtbaren Sandboden gegründeten Spiegelfabrik (zuletzt Saint Gobain) und der Spiegelsiedlung mit ihren Arbeiterhäusern wird zum sehr stark wachsenden Industriestandort. 1869 kommen der Verein Chemischer Fabriken (später Weyl), ab 1882 Boehringer Mannheim (heute Roche), dann eine Eisengießerei und die Draiswerke dazu. Daher siedeln sich dort nun zahlreiche Arbeiter an.

Bauern in der Minderheit

1895 passiert es dann, dass im alten Käfertaler Dorf 3121 und damit erstmals weniger Menschen leben als auf dem zur Industriesiedlung gewandelten Waldhof, das 3541 Einwohner zählt – nicht gerechnet die Mannheimer Bürger, die in den Fabriken auf dem Waldhof Arbeit finden. Der Badische Staat ordnet die ganze hier entstehende Industrie – wozu auch die Zellstofffabrik auf Sandhofener Gemarkung zählt – ohnehin einfach Mannheim zu. Die Bauern, die lange Käfertal geprägt haben, geraten also in die Minderheit. Aber sie haben die größeren Rechte. Wer zu den alten Dorfbewohnern zählt, dem steht sogenannter „Bürgernutzen“ zu – kostenloses Brennholz aus dem Gemeindewald, Weiderechte auf gemeindeeigenen Feldern oder die Möglichkeit, deren Ackerflächen zu bewirtschaften. Zugezogene dürfen das nicht. aa

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