Ladenburg/Ilvesheim - Gemischte Gefühle bei den Sonderpädagogen an Martinsschule und Schloss-Schule / Impfung als Wunsch Ladenburg/Ilvesheim: Keine Spur von Lockdown, große Zweifel bei den Lehrern

Von 
Peter Jaschke
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Auf den meisten Schulhöfen ist es deutlich ruhiger als sonst: Der reguläre Bildungsbetrieb ruht Corona-bedingt. Dennoch ist die Martinsschule in Ladenburg täglich Ziel einer großen Zahl von Fahrzeugen, die Schüler bringen. Der Grund: Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung sind weiterhin geöffnet. Die Martinsschule macht ebenso Präsenzangebote wie die Ilvesheimer Schloss-Schule im Bildungsgang Geistige Entwicklung.

Die Skulptur des Heiligen Martin vor der nach ihm benannten Schule: Diese ist trotz Lockdowns geöffnet. Das ruft gemischte Gefühle hervor. © Peter Jaschke
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Wie funktioniert das aber dort, wo viel über körperliche Nähe passiert und sich Kontaktbeschränkungen kaum vermitteln lassen? Wenn Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Handicaps keinen Mundschutz tragen können? Immerhin kamen nach den Weihnachtsferien zwei Drittel und inzwischen noch rund die Hälfte der 225 Martinsschüler ins Haus.

Was sind SBBZ?

Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sind laut Landesbildungsserver Baden-Württemberg ein wesentlicher Bestandteil des Schulwesens im Land.

Diese Einrichtungen richten sich an Schüler mit Behinderung und einem festgestellten Anspruch auf ein sonderpädagogisches Angebot, die ihren Bildungsanspruch nicht an einer allgemeinen Schule wahrnehmen.

Die SBBZ unterscheiden sich nach Förderschwerpunkten wie zum Beispiel Lernen, Sehen und geistige sowie körperliche Entwicklung, halten selbst Bildungsangebote vor und unterstützen die allgemeinen Schulen bedarfsgerecht bei der sonderpädagogischen Beratung, Unterstützung und Bildung.

„Wir sind hin- und hergerissen“, sagt eine Lehrerin der Ladenburger Einrichtung, die ihren Namen nicht in den Medien lesen will. Gleichwohl plagt es sie, dass in der Öffentlichkeit – und ihrer Ansicht nach selbst im Kultusministerium – kaum bekannt sei, womit sie sich zurzeit konfrontiert sehe: Immer wieder müssten Lehrer in Quarantäne oder häusliche Isolation, weil Schüler infiziert seien. „Wir lieben unsere Arbeit, aber die Bedingungen sind eine große Herausforderung“, fasst die Pädagogin im Telefonat mit dieser Redaktion Zwiespalt und angestauten Frust zusammen – und wohl auch die Angst vor noch aggressiveren Virusvarianten.

Fernunterricht kaum möglich

„Die Kinder freuen sich und brauchen das, in die Schule zu gehen“, weiß sie. Es ist ihr auch klar, dass die Mehrheit durch Fernunterricht, den es jedoch auch an der Martinsschule gibt, nur schwer zu erreichen ist. Genau so begründet auch das Kultusministerium, warum SBBZ offenbleiben, und führt weiter aus, dass die Eltern Pflege und Unterstützung häufig nicht alleine leisten könnten. Eltern ist jedoch freigestellt, ihre Kinder auch zu Hause zu lassen. Viele Eltern befinden sich wegen des deutlich höheren Ansteckungsrisikos für ihre Kinder in einem ähnlichen Zwiespalt wie Lehrer.

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Was könnte helfen? Die Bildungsgewerkschaft GEW macht sich, ungeachtet des herrschenden Impfstoffmangels, dafür stark, dass sich die an SBBZ Beschäftigten sofort gegen Covid-19 impfen lassen dürfen. Das Land riskiere andernfalls die Gesundheit der Beschäftigten. Die GEW-Kritik am Umgang mit den SBBZ im Lande würde jene Pädagogin sofort unterschreiben: „Wir fühlen uns wie Lehrer zweiter Klasse.“

Die Schulleiter Steffen Funk (Martinsschule) und Stephanie Liebers (Schloss-Schule) tun indes alles ihnen Mögliche für sichere und tragfähige Lösungen, wie in Telefongesprächen deutlich wird. Dass es beim Personal auch Unmut gibt, kann Funk dennoch nachvollziehen. Das sieht er dem Umstand geschuldet, dass die beiden SBBZ-Bereiche körperliche/motorische und geistige Entwicklung die einzigen waren, die zu Schuljahresbeginn wieder aufmachen mussten. „Wir kamen uns alleingelassen vor“, sagt Funk. Viele Lehrer vermissten „eine gewisse Wertschätzung, die wir Schulleiter aber gerne aussprechen“.

Verletzlich wie Senioren

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Da einige Schüler ähnlich verletzlich seien wie Senioren, und das Personal teils wie auf Pflegestationen arbeite, würde Funk (ebenso wie Liebers) eine vorrangige Impfung begrüßen: „Das wäre ein positives Zeichen an die Belegschaften.“ An der Martinsschule ließen sich alle Klassenzimmer gut lüften, aber aktuell habe man wieder Quarantänesituation für zwei Klassen. „Das streut aber nicht“, betont er. Bei den Eltern hätten die Nerven anfangs blankgelegen. „Inzwischen konnten wir viel zur Beruhigung beitragen“, so Funk.

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Wie ihr Kollege bestätigt Stephanie Liebers, dass ihr Haus mit Schutzausrüstung für Präsenzunterricht gut ausgestattet sei. Dieser werde derzeit zu 60 Prozent genutzt. „In den anderen Bildungsgängen und in den Kindergärten bieten wir Fernlernen, Lernen mit Material und Notgruppen an“, so die Direktorin. Die Wahlmöglichkeit sei hilfreich für Eltern. Ihr Fazit: „Die Stimmung ist angespannt, aber die Belegschaft sieht auch die Notwendigkeit, Familien zu unterstützen, wobei eine bevorzugte Impfung hilfreich wäre.“

Freie Autorenschaft Peter Jaschke ist von Haus aus Diplom-Geograf (Universität Mannheim) und Landschaftsgärtner. Er ist Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband, freier Mitarbeiter seit 1997 und macht überwiegend regionale Berichterstattung, nimmt aber auch Sport- und Kultur-Termine wahr. Er ist einer der Ko-Autoren der Stadtchronik "Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte" und schreibt u.a. für ein Fachmagazin.