Neckar-Bergstraße - Weltweiter Hit schon lange im Repertoire des Odenwälder Shanty Chors / Große Freude über Revival des Genres Der „Wellerman“ macht gute Laune

Von 
Peter Jaschke
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Was braucht der Mensch, um in bedrängter Lage Hoffnung und Trost zu empfinden? Antwort: Manchmal gar nicht viel. Für Walfänger des 19. Jahrhunderts mag es die Vorfreude auf das Proviantschiff mit „Zucker, Tee und Rum“ gewesen sein. Davon erzählt jedenfalls das alte Seemannslied, mit dem ein bisheriger Postbote aus Schottland in dieser weltweit schwierigen Zeit Millionen von Zuhörern in den sozialen Netzwerken ein Lächeln ins Gesicht zaubert. So auch Matz Scheid aus Großsachsen und der Weinheimerin Lenya Krammes, die in Heddesheim und Ladenburg aufgewachsen ist.

Links zu „Wellerman“

Die Version von Nathan Evans: https://bit.ly/3rqBTvF

Der Remix von The Kiffness: https://bit.ly/3jdGhv2

Die Abwandlung von Lenya Krammes: https://bit.ly/3rmBJ8i

Der Odenwälder Shanty Chor: https://bit.ly/3aBDl7B

Das Original von The Longest Johns: https://bit.ly/3oIS0CN

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Dabei eint den auf einer Hochebene bei Glasgow lebenden Nathan Evans und die beiden Bergsträßer aus der großen Familie des Odenwälder Shanty Chors (OSC) sogar etwas: Alle haben jenen plötzlich weltberühmten Song „Wellerman“ interpretiert. Dass der 26-jährige Schotte nach dem Riesenerfolg seiner Version auf der Social-Media-Plattform TikTok den Briefträgerjob aufgeben kann, um nun von seiner Musik zu leben, gönnt ihm Scheid: „Ich finde das super“, freut sich der erfahrene musikalische OSC-Kapitän über das Revival des Shanty-Genres und mit dem jungen Sänger.

Augenzwinkernd und hinreißend

Dieser sorgt nur mit ein wenig Hilfe von Freundinnen und Freunden sowie sparsamer Instrumentierung für richtig gute Laune. Genau das gelingt dem OSC seit mehr als 30 Jahren. Pflegt doch das Ensemble ebenso augenzwinkernd wie hinreißend die „alte Tradition des Absingens von Seemannsliedern in völlig trockener Umgebung“. So formuliert es OSC-Erzähler Manfred Maser alias Professor Alfons Netwohr vom „Institut für spekulative Heimatgeschichte“ gerne. Er spinnt das Seemannsgarn des mehrfachen Weltumseglers Schann Scheid aus Fränkisch-Crumbach im Odenwald humorvoll und reich an regionalen Bezügen zu Shantys aus aller Welt.

Und so hat der OSC – Fans wissen es längst – schon vor 20 Jahren seine „Wellerman“-Version auf die Bühne gebracht. Als Livenummer ist sie, mit Anja Spilger an der Querflöte, auf der CD „Odyssee im Odenwald“ (2002) zu hören. „In der relativ kleinen Shanty-Community, in der wir unterwegs sind, ist das Lied bekannt“, erklärt Scheid, der laut Legende ein Nachfahre von Seemann Schann sein soll. „Trotzdem dachte ich zuerst an einen Hörfehler, als es jetzt sogar im Radio lief“, erzählt der 64-Jährige. „Wir hatten es damals aufgenommen, weil es zu uns passt, aber es wäre verwegen gewesen, das zu einem solchen Hit machen zu wollen“, erkennt der vielseitige Künstler den ohne neue Medien unvorstellbaren Erfolg des jungen Kollegen neidlos an. Dass Evans hauptberuflich bislang ausgerechnet als Zusteller unterwegs war, dürften OSC-Fans natürlich als witzig finden, da in den witzigen Chorprogrammen die mit Ludger Krammes besetzte Figur des Postboten oft eine Rolle spielt.

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Shanty-Chorist Krammes ist aber vor allem der Vater der Sängerin, Pianistin und Instrumentalpädagogin Lenya. Die 35-Jährige war zunächst über die Plattform Instagram auf den „Wellerman“-Hit aufmerksam geworden. „Ich habe mich dann riesig gefreut, als Matz und der Chor mit ihrer Wellerman-Version kürzlich in der SWR-Radiosendung Musik-Klub zu Gast waren“, erzählt Lenya. „Da habe ich mir gesagt: Dazu mache ich auch was“, so das frühere „Shantychor-Kind“, das aber kein Mitglied ist.

Früh bei Auftritten dabei

Sie war fünf, als der OSC 1989 gegründet wurde. „Papa hat mich früh zu Auftritten mitgenommen“, schildert die Künstlerin (und ebenso Tochter von Jutta Hölzer) ihre enge Bindung zum OSC. Davon und durch Evans inspiriert, entsteht in ihrer Wohnküche am iPad-Computer eine witzige „Wellerman“-Adaption aus der Region: Lenya singt die erste Stimme ein und nimmt nacheinander weitere Stimmlagen auf, also Alt und Bariton, die im Remix des Schotten Freunde beisteuern.

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„Ich kann relativ dunkel singen, aber für den Bass habe ich meine Stimme per Software eine Oktave tiefergelegt“, verrät Lenya. „Sie ist eine tolle Musikerin“, findet Scheid. Und das nicht nur, weil Lenya für den OSC aus alten Fotos und Filmschnipseln ein Video produziert, das bald auf dem Videokanal des Shanty Chors erscheinen soll: Scheid schätzt auch die Zusammenarbeit von Lenya und Schlagzeuger Tobias Stolz bei „Iron Balloon“ mit Gastgitarristen wie Markus Vollmer (Mannheim) und Weinheims virtuosem Daniele Aprile.

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Ihre Corona-konforme Arbeitsweise an unterschiedlichen Orten übers Internet beschreibt Lenya so: „Den Song loslassen und gucken, wo es hingeht.“ So hat es schließlich auch beim schottischen „Wellermann“ funktioniert. Doch hofft jetzt Nathan Evans ebenso wie Matz Scheid und Lenya Krammes sehnsüchtig auf „Zucker, Tee und Rum“, sprich: bald „echte“ Proben und Auftritte vor Publikum im selben Raum. Hat doch etwa der Odenwälder Shanty Chor sein Jubiläumsprogramm wegen Corona erst wenige Male gezeigt.

Freie Autorenschaft Peter Jaschke ist von Haus aus Diplom-Geograf (Universität Mannheim) und Landschaftsgärtner. Er ist Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband, freier Mitarbeiter seit 1997 und macht überwiegend regionale Berichterstattung, nimmt aber auch Sport- und Kultur-Termine wahr. Er ist einer der Ko-Autoren der Stadtchronik "Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte" und schreibt u.a. für ein Fachmagazin.