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Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit dem externen Autor Dirk Hanslik.

BOARDWALK EMPIRE: EINE DER REALISTISCHSTEN SERIEN EVER?

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Selbst wenn das heutige Atlantic City sich in Teilen noch wie früher präsentiert, so hat sich seit dem Zeitraum vor hundert Jahren, in dem Boardwalk Empire angesiedelt ist, doch sehr viel geändert. © stock.adobe.com ©creativefamily

Es gibt wohl nur wenige Serien mit historischem Setting aus den vergangenen Jahrzehnten, die so viele Furore bei Fans und Kritikern machten wie Boardwalk Empire. Die Liste von Awards, für die die HBO-Serie entweder nominiert war oder sie gewann, ist so umfassend, dass die englischsprachige Wikipedia ihr einen eigenen Artikel gewidmet hat. Von 2010 bis 2014 durften wir in 56 Folgen über fünf Staffeln verfolgen, welcher Molloch sich im „anderen Las Vegas“, Atlantic City, während der Prohibitionszeit in den 1920er Jahren bot. Dabei verknüpft Boardwalk Empire (unter Fans BE abgekürzt) gleich mehrere Erzählstränge.

Natürlich, in der Tat war damals Alkohol in den USA verboten und blühte ein gigantischer Schwarzmarkt, der das organisierte Verbrechen erst zu demjenigen Machtfaktor machte, als den man es bis heute kennt. Allerdings belässt es die unter anderem von Martin Scorsese und Mark Wahlberg für HBO produzierte Serie längst nicht dabei und kann noch mit viel mehr realistischen Details aufwarten – so realistisch, dass mancher sogar von der realistischsten Serie nach historischem Vorbild spricht.

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Ist eine solche Behauptung haltbar? Das haben wir uns ebenfalls gefragt und sind in die Geschichtsbücher eingetaucht.

(DISCLAIMER: Notwendigerweise wird ab hier bis zum Textende gespoilert. Wer die Serie noch nicht kennt, sollte das deshalb vielleicht zuerst nachholen.)

WIE REALISTISCH SIND DIE CHARAKTERE IN BOARDWALK EMPIRE?

Einer der wichtigsten Gründe, warum BE so begeistert, sind die sehr liebevoll und charakterstark gezeichneten Figuren. Bei ihnen kann die Serie besonders in Sachen Realismus vorlegen – und das selbst bei Charakteren, die nur in Nebenrollen auftreten.

Enoch „Nucky“ Thompson: Hieß im wirklichen Leben mit Nachnamen Johnson. Ansonsten stimmt jedoch praktisch alles: Er war in der Tat Stadtkämmerer von Atlantic City, zuvor dort Sheriff und wirklich ganz tief in kriminelle Machenschaften verstrickt – sowohl Alkohol als auch Glücksspiel und Prostitution. Zudem residierte er wirklich im Luxushotel Ritz. Nur an einem Punkt gibt es einen Unterschied: Zum Schluss wird der Serien-Nucky vom Sohn Jimmy Darmodys erschossen; das impliziert zumindest das Serienende. Tatsächlich lebte der echte Nucky bis 1968 und saß nur vier Jahre im Gefängnis.

Elias „Eli“ Thompson: War in Wirklichkeit Alfred „Alf“ Johnson und tatsächlich Nuckys Bruder, Sheriff von Atlantic County und in die Machenschaften verwickelt. Im Gegensatz zu seinem Serien-Ich war Alfred jedoch kinderlos – und kein Vater von acht Kids.

James „Jimmy“ Darmody: In der Tat in den 1920er Jahren als James „Jimmy“ Boyd ein junger Krimineller, der sehr enge Beziehungen zu Nucky pflegte. Hier weichen Serie und Realität jedoch ab: Mit Geburtsjahr 1906 war Body zu jung, um im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918, Kriegseintritt der USA 1917) zu kämpfen; er focht jedoch im Zweiten. Außerdem war er kein unehelicher Sohn von Nuckys Vorgänger, hatte nicht in Princeton studiert und wurde er nicht von Nucky erschossen. Vielmehr stieg er die politische Leiter von Atlantic City auf und erlangte später eine ähnliche Rolle wie sein Ziehvater – vordergründig Politiker, eigentlich jedoch Crime Boss. Übrigens war der echte Jimmy dem Vernehmen nach ebenfalls eine so bösartige Person wie sein Serien-Ich.

Margaret Schroeder: In ihr verbanden die Serienmacher zwei realistische Personen: Das Showgirl Florence Osbeck, das tatsächlich Nuckys zweite Frau war, und Mary Ill, eine Frau aus ärmsten Verhältnissen, die von Nucky Geld bekam, weil ihr Mann – in Serie und echtem Leben Bäckergehilfe – das Haushaltsgeld verzockt hatte.

Eddie Kessler: Hieß in Wahrheit Louis Kessel. Sonst stimmt jedoch alles: Nuckys deutschstämmiger Fahrer und Diener.

Louis „Commodore“ Kaestner: Ist in der Serie Nuckys Vorgänger als Stadtkämmerer und eine graue Eminenz der Unterwelt von Atlantic City, die die Stadt erst zu einem solchen Touristenmagnet machte. Tatsächlich hieß diese Person Louis Kuehnle. Er starb jedoch erst 1934 und unter natürlichen Umständen. Außerdem war er nicht der leibliche Vater des echten Jimmy Boyd.

WIE IST ES UM DEN REALISMUS DER GANZEN GANGSTER BESTELLT?

Nucky ist kein Alleinherrscher. Im Gegenteil, im Verlauf der Serie geht er immer wieder Kooperationen mit anderen Gangstern ein – oder bekämpft diese. Tatsächlich ist der Realismusgrad der Serie hier so groß, dass wir eigentlich eher auflisten müssten, wer davon keine exakt nachgezeichnete Person war.

Fangen wir mit einer der bekanntesten Spielernaturen aller Zeiten an: Der Serien-Al Capone ist extrem dicht an seinem historischen Ich. Die einzige künstlerische Freiheit der Serie besteht im nicht nachweisbaren Kontakt zum echten Jimmy Boyd. Ansonsten passt jedoch alles – von seiner anfänglichen Rolle als Bordel-Rausschmeißer unter Johnny Torrio bis zu seinem psychotisch-gewalttätigen Verhalten (Capone litt an Syphilis, die Geschlechtskrankheit greift u. a. das Gehirn an).

Jenseits von Capone und Torrio erneut Realismus pur:

  • Arnold Rothstein – der sogar seinem Seriencharakter (gespielt von Michael Stuhlbarg) ziemlich ähnelte.
  • Benjamin „Bugsy“ Siegel
  • Charles „Lucky“ Luciano
  • Die D’Alessio-Brüder (hießen bloß in Wirklichkeit Lanzetta)
  • Joe Masseria
  • Meyer Lansky – der später zum „Paten von Las Vegas“ aufstieg
  • Waxey Gordon

Alles Schlüsselpersonen des organisierten Verbrechens sowohl in BE als auch der Realität. Die einzigen Abweichungen:

Mieczyslaw "Mickey Doyle" Kuzik: Er ist eher lose an den echten William Michael Cusick / Michael "Mickey" Duffy angelehnt. Tatsächlich war Duffy jedoch in der Tat ein bedeutender Hersteller und Schmuggler von sogenanntem Bootleg Alcohol.

Giuseppe Colombano "Gyp" Rosetti: Er hat unseren Nachforschungen zufolge keinen Gegenpart in der Realität – obwohl er in Staffel 3 eine so zentrale Rolle spielt.

Dr. Valentin Narcisse: Schön gezeichnet, aber nur sehr weitläufig mit dem historischen Vorbild Casper Holstein verknüpft – zumal dieser zwar in der Tat Gangster war, aber keinerlei Verbindungen nach Atlantic City pflegte. 

Albert „Chalky“ White: Er entspringt ebenfalls weitgehend der Fantasie der Autoren. Allerdings gab es in den 1920ern tatsächlich ein afroamerikanisches organisiertes Verbrechen in den USA.

WAR ATLANTIC CITY DAMALS WIRKLICH EIN SOLCHER MOLOCH?

Ja, tatsächlich schon. Die Stadt in New Jersey war in den 1920ern seit langer Zeit bereits ein Touristenmagnet, nachdem sie in den 1870ern eigentlich als Seekurort gestartet war. Selbst während der Prohibition ebbte die Beliebtheit der Stadt nicht ab – Grund dafür war primär der echte Nucky. Er war als Schlüsselperson damit befasst, an den illegalen Spieltischen den Betrieb aufrecht zu erhalten und üppige Alkoholströme in die Stadt zu lenken.

Wichtig dafür war Nuckys Realwelt-Bruder. Als von der Öffentlichkeit gewählter Sheriff hatte er die absolute Kontrolle darüber, wie und in welcher Form das Gesetz in der Stadt durchgesetzt wurde. Naturgemäß gab es deshalb keine ernstlichen Versuche, den Alkoholschmuggel zu unterbinden.

Übrigens lebte Nucky Johnson in einem ebensolchen Luxus wie der Serien-Nucky. Da er als Boss an enorm vielen illegalen Aktivitäten beteiligt war, erhielt er immer seinen „Schnitt“ – also Anteile. Angeblich betrugen diese Einnahmen bis zu 500.000 Dollar jährlich. Die Summe mag nicht nach viel klingen. Heute allerdings wären diese 1922er Dollars knapp 8,7 Millionen wert.

GAB ES DAMALS WIRKLICH EINEN KILLER WIE RICHARD HARROW?

Richard Harrow, wunderbar gespielt von Jack Huston, dürfte zweifellos zu den absoluten Publikumslieblingen der Serie gehören. Der ehemalige Scharfschütze im Ersten Weltkrieg ist sowohl im Gesicht als auch auf seiner Seele schwerstens vom Krieg gezeichnet: Seine linke Gesichtshälfte ist entstellt, das Auge fehlt, daher trägt er darüber eine Prothese. Zudem zeigt er verschiedene Anzeichen schwerster posttraumatischer Belastungsstörungen.

Fangen wir bei dieser beliebten Figur mit dem Realismus an:

  • Ja, aus dem Krieg kamen viele Männer derart grausam entstellt zurück. Da sich die plastische Chirurgie damals jedoch noch in den Kinderschuhen befand, konnte man nur wenigen von ihnen helfen – und selbst denen nicht im Ansatz so perfekt, wie es später möglich war.  
  • Ja, damals wurden viele Soldaten schwerstens traumatisiert. Erneut befand sich die Medizin und die diesbezügliche Forschung erst am Anfang. Oftmals warf man deshalb solchen Personen Feigheit oder mangelnde Härte vor.
  • Ja, in vielen Ländern konnten sich die Veteranen des Ersten Weltkriegs nicht wieder in einer normalen Gesellschaft zurechtfinden. Speziell in den USA wurden sie daher in der durch die Prohibition explodierenden Kriminalität oftmals selbst zu Verbrechern.

Insofern ist Richard Harrow ein durch und durch realistischer Charakter; in der Serie eine geradezu tragische Figur. Doch selbst auf die Gefahr hin, manche Leser jetzt zu enttäuschen, müssen wir ehrlich sein: Einen echten Richard Harrow oder eine vergleichbare Person gab es im damaligen Atlantic City nicht. Da die Figur aber so viele historisch korrekte Tatsachen widerspiegelt, ist das nur ein Detail – es gab viele Harrows.

WAS GIBT ES SONST NOCH ÜBER DIE SERIE UND DIE DAMALIGE ZEIT ZU WISSEN?

Vor allem zwei Dinge: Nelson van Alden ist erneut einer jener Charaktere, die kein direktes Vorbild haben, aber insgesamt sehr realistisch gezeichnet sind. Diejenigen Bundesagenten, die die Prohibition durchsetzen sollten, waren nämlich in der Tat zahlenmäßig rettungslos unterlegen, unterbezahlt – und deshalb nicht selten selbst in den Alkoholschmuggel involviert.

Interessant ist zudem Nuckys immer wieder thematisierte irische Herkunft in Verbindung mit einer Unterstützung der IRA. Letzteres wiederum ist ebenfalls absolut realistisch. Zwischen 1919 und 1921 herrschte in Irland ein blutiger Krieg um die Unabhängigkeit von der britischen Krone, der nur ein Jahr später in einem Bürgerkrieg in der nunmehr freien Republik Irland mündete. Tatsächlich wurde hier zwischen Irland und den USA ein sehr schwungvoller illegaler Handel betrieben: amerikanische Waffen nach Osten, irischer Whiskey nach Westen.

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Veröffentlicht
Von
Ralf-Carl Langhals
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