Corona - Bundesweit liegen noch rund 2,3 Millionen Dosen im Kühlschrank / Vom Astrazeneca-Serum bleibt besonders viel liegen Wohin mit übrigem Impfstoff?

Von 
Julia Emmrich, Jochen Gaugele, Miriam Hollstein
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Berlin. Wie bei jedem Rennen geht es auch beim Wettlauf gegen Sars-CoV-2 vor allem um eins: Tempo. Je schneller geimpft wird, desto besser. Wie passt es da ins Bild, dass so viel kostbarer Impfstoff in den Kühlschränken der Impfzentren lagert? Welche Gründe gibt es dafür – und was könnte hier anders laufen? Muss die Impfreihenfolge geändert werden? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Eine Helferin impft einen Rentner in einem sogenannten „rollenden Impfzentrum“ in Bannewitz bei Dresden (Sachsen). Rund © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wie viel Impfstoff bleibt überhaupt liegen?

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Seit knapp 60 Tagen läuft die Corona-Impfkampagne in Deutschland. Bis Montag wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums über 7,5 Millionen Impfstoffdosen von Biontech/Pfizer, Astrazeneca und Moderna an die Bundesländer ausgeliefert. Rund 5,2 Millionen Impfstoffdosen wurden bis dahin verabreicht, rund 2,3 Millionen Dosen liegen noch im Kühlschrank. Ein Teil davon ist für bald anstehende Zweitimpfungen reserviert. Der größte Teil aber, nach Schätzungen bis zu zwei Millionen Dosen, bleibt derzeit ungenutzt im Lager der Impfzentren. Das hat mancherorts logistische, oft aber auch psychologische Gründe: „Beim Impfstoff von Astrazeneca bleiben aus weitgehend irrationalen Gründen leider jeden Tag viele Impfstoffdosen liegen“, beklagt der Virologe Thomas Mertens. In den letzten Wochen hatte es vor allem Absagen wegen vermeintlich zu starken Nebenwirkungen und einer im Vergleich etwas geringeren Wirksamkeit des Vakzins gegeben.

Wie entscheidet sich, wer als Nächster an der Reihe ist?

Wenn jemand die Impfung nicht annimmt, wird sie dem Nächsten angeboten, der an der Reihe ist. „In der Praxis ist es aber oft schwierig, zu identifizieren, wer im konkreten Fall der Nächste ist, und diesen auch zu erreichen“, sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) dieser Redaktion. „Hier sollte es unbedingt in allen Impfzentren Listen geben, die festlegen, wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben.“ Damit kein Impfstoff verworfen werde, könne man auch geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen vorziehen. Das müsse pragmatisch vor Ort geregelt werden, die Übergänge zwischen den Stufen dürfe man nicht als harte Grenzen verstehen. Mertens hat hier vor allem Menschen mit hohem Infektionsrisiko im Blick.

Muss die Impfreihenfolge aufgehoben werden?

Um das Impfen zu beschleunigen und keine Impfdosen liegen zu lassen, wäre es im Fall des Astrazeneca-Vakzins denkbar, die Impfreihenfolge auszusetzen und die Verteilung an alle Willigen beziehungsweise zum Beispiel an sämtliche Lehrer, Polizisten oder Beschäftigte im Einzelhandel zu ermöglichen. Stiko-Chef Mertens ist dagegen: „Wir können von der Impfreihenfolge in besonderen Lagen abweichen, wir dürfen die Impfreihenfolge aber nicht aufheben. Es darf nicht passieren, dass zum Beispiel schwer kranke Risikopatienten leer ausgehen, weil ganze Berufsgruppen mit starker Lobby unabhängig von der evidenzbasierten Prioritätsstufe vorgezogen werden.“

Wer profitiert von den übrig gebliebenen Impfdosen?

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Das Land Berlin etwa will mit einem Teil der übrig gebliebenen Astrazeneca-Dosen (mehr als 30 000) nun die rund 3000 Obdachlosen in den Notunterkünften impfen. Obdachlose sind in der zweiten Prioritätsstufe eingruppiert. „Es ist in der aktuellen Situation nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herumliegen“, sagte die zuständige Senatorin Elke Breitenbach (Linke) dieser Redaktion. Bei der aktuellen Diskussion dürften Obdachlose als besonders vulnerable Gruppe nicht aus dem Blick geraten: „Im Winter kommen viele von ihnen in einer Notunterkunft unter. Die Gelegenheit ist günstig.“ Auch andere Länder wollen früher als geplant mit Impfungen in der zweiten Prioritätsgruppe beginnen, zu der demnächst auch Erzieher und Grundschullehrer gehören sollen. Schneller als erwartet könnten ab Mitte März auch die ersten Regierungsmitarbeiter geimpft werden: Wie der „Spiegel“ berichtet, soll der Impfstoff von Astrazeneca durch die Bundeswehr ab Mitte März an „prioritär zu impfende Angehörige“ der Bundesministerien verimpft werden.

Welche Rolle spielen die Arztpraxen?

Große Hoffnung ruht auf dem nächsten Schritt: wenn nicht nur in den Impfzentren, sondern auch in den Arztpraxen geimpft wird. „Die niedergelassenen Ärzte sollten so schnell wie möglich bei den Impfungen eingebunden werden“, mahnt Mertens. Dies sei aber erst möglich, wenn genügend Impfdosen vorhanden seien. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) forderte mehr Tempo: „Es wäre jetzt sinnvoll, Astrazeneca an die Hausärzte abzugeben“, sagte Kubicki dieser Redaktion. Die Ärzte sollten sich an der geplanten Impfreihenfolge orientieren, könnten aber im Bedarfsfall hiervon auch abweichen.