Zukunft - Mehr Digitalisierung, ein stärkerer Staat – Trendforscher Eike Wenzel spricht über die Zeit nach der Isolation „Wir entwickeln durch Corona einen solidarischen Geist“

Von 
Joana Rettig
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Der Wissenschaftler Eike Wenzel glaubt: Ohne internationale Solidarität wird die Krise kaum zu bekämpfen sein. Das Bild aus Brüssel zeigt die Projektion „Europa ist die Zukunft“, mit der im Januar für die Staatengemeinschaft geworben wurde. © dpa

Heidelberg. In Zeiten des Coronavirus malen sich viele aus, wie die Welt nach der Krise aussehen wird. Einen Einblick gibt der Heidelberger Zukunftsforscher Eike Wenzel. Er glaubt fest an eine solidarische Gesellschaft, auch nach der jetzigen Extremsituation.

Forscher und Kolumnist

  • Eike Wenzel, Jahrgang 1966, ist Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung in Heidelberg.
  • Der Forscher ist als Kolumnist für verschiedene Zeitungen tätig.
  • Er ist zudem Mitglied des Nachhaltigkeitsrats der Landesregierung Baden-Württembergs.
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Herr Wenzel, CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus sagte im Bundestag: „Ich bin überzeugt, dass Deutschland nach Corona ein besseres Land ist.“ Hat er recht?

Eike Wenzel: Ein besseres Deutschland ... ich bin mir nicht so sicher, warum das ausgerechnet aus einer schweren Krise heraus kommen soll. Corona könnte aber ein Weckruf sein. Was mich optimistisch stimmt, ist, dass wir momentan einige Sachen beginnen zu verstehen.

Etwa?

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Wenzel: Etwa, dass es im Moment eine internationale Solidarität gibt. Das ist ein Phänomen, das man häufig in Krisen feststellt. Eine globale Vernetzung von Solidarität und Empathie. Der Arzt in Mannheim, der heute eine wichtige Beobachtung macht, muss das sofort dem Kollegen in Sevilla mitteilen können. Und ein zweiter wichtiger Punkt ist: Die Deutschen vertrauen wieder auf die Wissenschaft. Man sieht, da sind Menschen am Werk, die können etwas. Das heißt, wir gelangen gerade wieder in eine Wissenschafts- und Faktenorientierung, die sehr, sehr wichtig ist. Zumal wir in den vergangenen Jahren intensiv mit „alternativen Fakten“ konfrontiert waren. Auch das Vertrauen in die Medien ist gestiegen. Die Tagesschau hat eine so hohe Einschaltquote wie wir sonst bei Fußball Weltmeisterschaften haben. Menschen vertrauen momentan vor allem auch Zeitungen, auch regionalen Zeitungen.

Wie viel wird nach der Corona-Krise davon hängenbleiben?

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Wenzel: Sehr viel. Wir werden als globales Kollektiv merken: Wir brauchen einen Plan, klare Maßnahmen. Und wir haben hier jemanden, der das beobachtet und der die entsprechenden, richtigen Schlussfolgerungen zieht. Und das ist eine ganz wichtige Entwicklung. Seit dem Lauf der 2000er Jahre - kombiniert mit der Weltwirtschaftskrise - haben wir gelernt, dass Populismus im Zusammenhang mit den sozialen Medien Fakten von Informationen getrennt hat. So haben sich sehr viele Menschen von Institutionen und klassischen Medien abgewandt. Nun haben wir die Chance, diese Menschen zurückzugewinnen.

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Verändert diese Isolation zwischenmenschliche Beziehungen?

Wenzel: Ja, wir lernen aus Krisen. Wir lernen meines Erachtens im Moment, dass wir eine gewisse Robustheit erlangen. Und zwar dahingehend, dass wir merken, wir können nicht nur nach unseren eigenen spontanen Bedürfnissen leben. Diese Orientierung danach, anderen Menschen zu helfen, sich empathisch zu verhalten, wird dazu führen, dass man sich selbst besser fühlt. Diese Erfahrung machen wir im Moment.

Das klingt, wie das Zukunftsbild, das der Autor Matthias Horx zeichnete. Dass sich Menschen einander nach der Krise viel näher sind, dass wir entschleunigen ...

Wenzel: Na ja, es gibt Trendforscher, die bereits am ersten Tag der Isolation Texte veröffentlichten, und darin sagten: „Das wird alles total geil nach der Corona-Krise, denn wir werden geläutert.“ Das ist völliger Unsinn, völlig faktenbefreit. Wichtig ist, dass wir Erfahrungen sammeln, dass wir lernen und, dass wir Daten mit den richtigen Instrumenten - über die Medien, das Internet - analysieren. Es könnte ja auch sein, dass uns zu Hause die Decke auf den Kopf fallen wird. Diese lange Phase der Isolation ist natürlich schwierig, und sie macht auch etwas mit den Menschen. Wir müssen darüber reden, dass dies auch seine Grenzen hat.

Was meinen Sie damit?

Wenzel: Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir aus dem jetzigen Zustand herauskommen. Wie werden wir wirtschaftlich weitermachen, wenn die Pandemie eingedämmt ist? Wir werden über digitalen Handel, die weitere Digitalisierung des Gesundheitssystems reden - die Wirtschaft wird sich weiter ins Internet verlagern. Es muss aber auch weitere Investitionen in erneuerbare Energien geben. Der Klimawandel schert sich nicht um Corona.

Sie glauben, die Corona-Krise wird den Klimawandel beeinflussen?

Wenzel: Man sollte große Menschheitsprobleme nicht gegeneinander ausspielen, aber wir bekommen in der jetzigen Krise einen kleinen Vorgeschmack. Und zwar auf das, was uns passieren könnte, wenn wir nach wie vor verdrängen, dass der Klimawandel schnelle Handlungen von uns verlangt. Das heißt natürlich nicht, dass man uns einsperren wird, aber wir werden lernen: Es muss jetzt gehandelt werden. Und das beinhaltet eben diese Investitionen in erneuerbare Energien, Ende der Kohle bis 2030.

Sie sprachen gerade von einem faktenbefreiten Zukunftsbild. Welche Fakten haben wir schon?

Wenzel: Wir wissen, dass wir die Krise eindämmen müssen und dabei Geduld brauchen. Wir haben das Faktum, dass wir das nur mit international vernetzter Solidarität schaffen. Außerdem sehen wir in der Wirtschaft, dass wir aus dem Zeitalter der Narzissten herauskommen. Also die Ideologie, die auch US-Präsident Donald Trump verfolgt: Du kannst komplett nach deinen eigenen Maßstäben leben. Diese Phase ist jetzt endgültig vorbei. Jetzt müssen wir erst einmal physische Distanz mit sozialer Achtsamkeit leben.

Was machen wir mit den Fakten?

Wenzel: Ein Begriff der Trendforschung ist das Empowerment - also das Stärken des Einzelnen. Wir müssen die Menschen in der digitalen Gesellschaft ertüchtigen, auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Und das heißt auch, wir müssen die Verfügungsgewalt über unsere Daten bekommen.

Werden wir nach dieser Isolation wieder zusammenfinden oder setzen sich soziale Medien durch?

Wenzel: Ich sehe soziale Medien nicht an erster Stelle. Es gibt interessante Ansätze, dass wir im Social-Media-Bereich andere Wege gehen können. Ein wichtiger Punkt wird, wie schon erwähnt, die Daten-Ermächtigung des Individuums in der digitalen Gesellschaft sein. Staaten wie Taiwan oder Südkorea kommen mit dieser Krise so gut zurecht, weil sie viele Prozesse digitalisiert haben. Es ist dort für die Menschen normal, digital an politischen Entscheidungsprozessen aktiv beteiligt zu werden. Eine Trennung „Analog und Digital“ - die wird von den Menschen dort kaum noch wahrgenommen.

Was ist denn aber nun mit der echten, der analogen sozialen Nähe?

Wenzel: Dass wir uns als Gemeinschaft relativ schnell wieder selbst finden werden, dass wir uns selbstverständlich wieder in Gesellschaft wohlfühlen werden - davon ist auszugehen. Wenn wir irgendwann die Türen wieder öffnen, wird es ein anderes Gefühl sein. Das ist ja im Moment für uns sehr unnatürlich: Wir rennen draußen herum und gehen uns aus dem Weg. Aber das wird die soziale Wärme, den Kontakt zwischen den Menschen nicht negativ beeinflussen, ganz im Gegenteil.

Wir sprachen eben über den Klimawandel. Gerade steht die Industrie still, es sind weniger Autos und Flugzeuge unterwegs: Wird dies einen Unterschied in den Köpfen der Menschen machen?

Wenzel: Nicht nur in den Köpfen. Die Industrie wird in den nächsten Jahren grundsätzlich anders konfiguriert werden. Zum Beispiel wird sich also konkret ändern, dass wir Stahl mit Wasserstoff erzeugen werden. Das muss bis 2050 umgesetzt sein, daran arbeiten wir schon jetzt. Da bin ich sehr optimistisch.

So eine Pause wird das erreichen?

Wenzel: Wir haben jetzt die Chance. Und die ist sehr groß, dass wir nach diesem Breakdown bestimmte Projekte nach vorn treiben, weil wir ja schon die Vorarbeit geleistet haben. Jede Krise ist eine Chance. Wir lebten bis vor kurzem im Status des schlafwandelnden Hyperkonsums. Wir können jetzt lernen, dass es auch andere Formen der Lebensgestaltung gibt, die womöglich deutlich mehr Lebensqualität bieten, etwa die regionale Produktion oder regenerative Landwirtschaft.

Was können wir jetzt erwarten?

Wenzel: Wir haben ja darüber gesprochen, dass wir durch Corona einen solidarischen Geist entwickeln und dass wir auch bei der Bewältigung des Klimawandels faktenorientiert vorgehen müssen. Die Unternehmerseite hat das längst begriffen, da bin ich optimistisch. Was Corona jetzt aber auch zeigt: Wir brauchen in Zukunft einen Staat, der selbstbewusst ist, eng mit der Wissenschaft kooperiert, Megatrends wie Klimawandel, Ungleichheit und Digitalisierung versteht und danach handelt. Wir brauchen jetzt einen Staat, der intelligent ist, der klar sagt, wo die Leitplanken sind. Einen Staat, der konsequent agiert.

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