Pandemie - Mainzer Virologe Bodo Plachter warnt vor Unvernunft und verteidigt Vorgehen der Experten „Wenn wir nicht aufpassen, verspielen wir unsere Situation“

Von 
Stefanie Ball
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Mannheim. Der Mainzer Virologe Bodo Plachter fürchtet, dass viele Menschen die Corona-Pandemie schon für überwunden glauben und Abstands- und Hygieneregeln nicht ernst genug nehmen. Weitere Lockerungen sieht der stellvertretende Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Mainz deshalb mit Skepsis. Zugleich betont er, dass es nicht Virologen sind, die die Entscheidungen treffen, sondern die Politik. Das werde allerdings oft anders wahrgenommen. „Schuld ist nicht mehr das Virus, sondern sind die Virologen. Hier verwechseln Leute das Virus mit denjenigen, die vor ihm warnen.“

Wann Spielplätze geöffnet werden, muss die Politik entscheiden.. © dpa
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Herr Plachter, erstmals wird in Deutschland ein neuer Corona-Impfstoff an Menschen erprobt. Die Mainzer Firma Biontech hat am vergangenen Donnerstag die notwendige Genehmigung dafür erhalten. Wie realistisch ist das Ziel, dass schon im nächsten Frühjahr ein Impfstoff zur Verfügung steht?

Infektionsepidemiologe

  • Bodo Plachter hat an der Universität Erlangen- Nürnberg Medizin studiert.
  • Er ist Arzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie.
  • Nach Stationen in Koblenz und Erlangen kam er an die Universitätsmedizin Mainz.
  • Dort ist er inzwischen als stellvertretender Direktor der Virologie tätig. Er lehrt in Mainz medizinische und molekulare Virologie. sba

Bodo Plachter: Das kann keiner vorhersagen. Man wird in den Studien jetzt sehen, ob der Impfstoff verträglich ist und ob er auch wirkt, also einen Schutz gegen das Virus hervorruft. Die klinischen Studien jetzt sind nur die erste Phase, es gibt weitere Phasen, und bis Ergebnisse vorliegen, wird es eine gewisse Zeit dauern.

Wie überbrücken wir die Zeit? Der Exit aus dem Shutdown hat vor einer Woche begonnen, und Virologen äußern die Sorge, dass dies womöglich zu früh war und eine neue Infektionswelle drohen könnte. Teilen Sie die Sorge?

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Plachter: Ich möchte mich hier ein wenig zurückhalten. Inzwischen heißt es ja, die Virologen seien an allem Schuld – am Lockdown und an der wirtschaftlichen Misere. Schuld ist nicht mehr das Virus, sondern sind die Virologen. Hier verwechseln Leute das Virus mit denjenigen, die vor ihm warnen. Das ist so, als würde man den Meteorologen für den Hurrikan verantwortlich machen. Dabei braucht man kein Fachmann zu sein, um zu wissen, dass es sich hier um ein potenziell gefährliches Virus handelt.

Also sollten wir weiter auf Abstand gehen?

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Plachter: Ich habe nichts gegen vernünftige Schritte zur Lockerung, aber die notwendigen, hygienischen Maßnahmen müssen dann auch eingehalten werden.

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Und das tun die Menschen nicht?

Plachter: Es scheint in der Tat so zu sein, dass einige denken „es ist vorbei, jetzt machen wir weiter wie vorher“. Das ist nicht der Fall, wir werden sicherlich noch monatelang mit der Situation leben müssen. Und wenn wir nicht aufpassen, verspielen wir unsere gute Situation in Deutschland.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Infektionszahlen wieder steigen und es einen Rückfall gibt?

Plachter: Das hängt stark vom Verhalten jedes einzelnen ab. Wenn sich die Menschen an die Regeln halten, Masken tragen, auf Abstand gehen, sich nicht in großen Gruppen treffen, kann das funktionieren.

Mehrere Bundesländer planen weitere Lockerungen, darunter in der Gastronomie. Ist das eine gute Idee?

Plachter: Das Risiko einer Ansteckung wird davon abhängen, welche Schutzmaßnahmen ergriffen und dann von den Gästen eingehalten werden. Ob das in einem Biergarten gelingt, wo die Menschen an einem Tisch sitzen, Bier trinken und vermutlich keinen Mundschutz tragen, ist die Frage. Dass die Wirtschaft insgesamt, die Gastronomie und die Hotels massive Probleme haben, ist klar. Wir müssen eine Lösung, im besten Fall einen Mittelweg finden, den die Politik vorgeben muss.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Virologe?

Plachter: Wir können nur aufklären, wir können sagen: Das wissen wir, und das wissen wir nicht. Und beim neuartigen Coronavirus müssen wir leider sagen: Wir haben ganz vieles noch nicht verstanden.

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