Pandemie - In Neuseeland ist die Vision „Null Covid“ fast schon Realität / Jacinda Ardern verhängte siebenwöchigen Lockdown Weltmeister im Kampf gegen Corona dank klarer Strategie

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Barbara Barkhausen
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Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, und Ashley Bloomfield, Generaldirektor für Gesundheit, am 13. April 2020 bei einer Pressekonferenz. © dpa

Auckland/Sydney. Im historischen Leigh Sawmill Café nördlich der neuseeländischen Hafenstadt Auckland tobt am Wochenende der Bär. Sänger und Pianist Josh Clark steht auf der Bühne und sorgt mit seiner Livemusikshow „Elton John Experience“ für Laune. Acht Autostunden südlich in der Hauptstadt Wellington tanzen zwei junge Leute Salsa im Park. Auch hier sind die Cafés und Kneipen gut besucht.

Nur 25 Corona-Tote

Wegen strenger Maßnahmen und genauer Kontaktverfolgungen ist Neuseeland bislang sehr glimpflich durch die Krise gekommen.

Fast alle Corona-Fälle werden bei Reiserückkehrern entdeckt.

Ende Januar wurde erstmals seit November wieder ein lokal übertragener Infektionsfall bestätigt.

Insgesamt wurden rund 2000 Infektionen bekannt, 25 Menschen sind in Verbindung mit Covid-19 gestorben.

In dem Land mit gut fünf Millionen Einwohnern herrscht weitgehend Normalität.

Mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer wurde Anfang Februar das erste Corona-Vakzin zur Bewältigung der Pandemie vorläufig zugelassen. dpa

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Was vor einem Jahr noch ein alltäglicher Anblick gewesen wäre, mutet Europäer heute fast befremdlich an. Der Inselstaat kann es sich erlauben. Die Corona-Bilanz der knapp fünf Millionen Neuseeländer lautet: etwas über 2300 Infektionen und 25 Tote seit Beginn der Pandemie. Neuinfektionen werden nur noch unter Rückkehrern in der Quarantäne verzeichnet.

Strenge Maßnahmen

Kein Wunder also, dass Neuseeland bei einer Analyse der australischen Denkfabrik Lowy Institute in Sydney am besten abgeschnitten hat. Die Studie wertete aus, wie einzelne Länder bisher mit der Pandemie umgegangen sind und wer den größten Erfolg hatte. Neben Neuseeland lobte der unabhängige Thinktank auch Vietnam, Taiwan, Thailand, Zypern, Ruanda, Island und Australien. Doch Neuseeland steht ganz oben auf dem Treppchen. Was ist das Geheimnis der Bilanz?

„Der Hauptunterschied besteht darin, dass Neuseeland sich früh zu einer klar formulierten Null-Covid-Strategie verpflichtet und diese aggressiv verfolgt hat“, schrieben Wissenschaftler der neuseeländischen Universität von Otago in einer Analyse im Wissenschaftsmagazin „The Conversation“. Die Strategie bestand aus mehreren Elementen: Grenzkontrollen, ein Quarantänesystem, um den „Import“ von Sars-CoV-2 zu verhindern, einer Ausgangssperre gepaart mit einem strengen Abstandsgebot, um die Übertragung des Virus innerhalb der Gesellschaft zu stoppen, aus stringenten Tests und flächendeckender Kontaktverfolgung.

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Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der Neuseeland vorging. Als der Inselstaat am 14. März gerade mal sechs bestätigte Covid-19-Fälle zählte, verkündete Premierministerin Jacinda Ardern, dass jeder, der nach Neuseeland einreisen möchte, zwei Wochen in Selbstisolation muss. Am 19. März riegelte sie das Land ab. Wenige Tage später – inzwischen waren etwas über 100 Menschen positiv getestet worden – bereitete sie ihr Land auf den Lockdown vor.

Sieben Wochen verbrachten die Neuseeländer zu Hause. Sieben Wochen, die Ardern mit täglichen Briefings begleitete, um die Stimmung im Volk nicht kippen zu lassen. Ihr empathischer Ansatz ließ sich auf folgende Formel bringen: Das „Fünf-Millionen-Team“ der Neuseeländer müsse für kurze Zeit die Normalität opfern, um die am stärksten gefährdeten Menschen des Landes – ältere sowie immunschwache – zu schützen. Die Strategie funktionierte.

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Zwar haben sich nicht alle Neuseeländer an die harten Regeln gehalten, selbst der Gesundheitsminister wurde beim Strandspaziergang mit seiner Familie erwischt, doch die Mehrheit befolgte die Bestimmungen. Dies hatte auch mit der Kommunikation und der Motivation von Premierministerin Ardern zu tun. So informierte ihre Regierung die Bevölkerung von Anfang an klar und verständlich über die geplanten Schritte und nannte stets auch die Gründe, warum diese notwendig waren.

Tägliche Pressekonferenzen

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Die geplante Ausgangssperre wurde über ein Warnsystem – ein sogenanntes Alert System – mitgeteilt, das die Unterschiede von einem Level zum nächsten klar darstellte. Als der Lockdown startete, erhielt jeder Neuseeländer eine SMS aufs Handy: „Wo Sie heute Nacht sind, müssen Sie bis auf Weiteres bleiben.“ Ab diesem Zeitpunkt kommunizierte Ardern regelmäßig mit ihrem Volk. „Die tägliche Pressekonferenz um 13 Uhr ist zum Jour fixe für meine Familie geworden“, kommentierte eine deutsche Auswanderin in einem Artikel der Zeitung „New Zealand Herald“ damals.

Neben Informationen zum Coronavirus und wirtschaftlichen Hilfsprogrammen nahm sich Ardern auch Zeit für die mentale Gesundheit ihrer Landsleute. So gab sie eine Pressekonferenz nur für Kinder. Ein anderes Mal interviewte sie einen Psychologen, um Tipps einzuholen, wie Teenager am besten durch die schwierige Zeit kommen. Gelegentlich meldete sich Ardern von zu Hause aus bei der Bevölkerung und sagte über Facebook Hallo. Sie sprach über das, was Menschen in dieser Zeit schwerfiel, und gestand dabei auch ein, was ihr selbst Probleme bereitete. „Ich vermisse andere Menschen.“ Immer wieder sprach sie auch Mut zu und forderte zum Zusammenhalt auf: „Bleiben Sie stark und bleiben Sie freundlich“ wurde zu ihrer Parole.

Der Inselstaat ist mit Ausnahme eines Clusters in Auckland, den das Land im August mit einem kurzen lokalen Lockdown samt Kontaktverfolgung besiegte, coronafrei. Auch wirtschaftlich geht es wieder bergauf. Nur die Touristen fehlen noch, die Außengrenzen sind weiter geschlossen. Und die Neuseeländer haben das schnelle Handeln ihrer Regierungschefin belohnt: Bei der Parlamentswahl im Oktober feierte Ardern mit ihrer sozialdemokratischen Partei einen Erdrutschsieg.