Viele Straftaten gegen Juden

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Mannheim. Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wurden im Hauptlager in Auschwitz sowie im benachbarten Lager Birkenau ab 1941 mehr als eine Million Menschen umgebracht. Die allermeisten waren Juden. Aber auch Sinti und Roma sowie weitere Menschen, die nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten nicht zur Volksgemeinschaft gehörten, wurden ermordet.

Gedenktag seit 1996

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In Deutschland gibt es den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erst seit 25 Jahren. Im Januar 1996 richtete sich der damalige Bundespräsident Roman Herzog mit einem Appell an die Deutschen: „Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Mit diesen Worten erklärte Herzog laut Bundeszentrale für politische Bildung den 27. Januar zum zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den 27. Januar auch zum internationalen Holocaust-Gedenktag zu machen.

Antisemitische Gewalt heute

Die Zahl der Straftaten, die sich gegen Juden und jüdische Einrichtungen richten, erreichte 2019 den höchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnung. Aus dem im Mai 2020 vom Bundesinnenministerium veröffentlichten Jahresbericht zur „Politisch motivierten Gewalt“ lag die Zahl bei etwas mehr als 2000. Die Straftat, die am meisten Aufsehen erregte, war der Anschlag auf die Synagoge von Halle am 9. Oktober 2019 – dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Konzerne für mehr Anstrengung

Vor dem Holocaust-Gedenktag an diesem Mittwoch haben sich fünf deutsche Unternehmen für mehr Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus ausgesprochen. Mit großer Sorge blickten sie auf die Zunahme von Hass auf Juden, erklärten die Deutsche Bahn, die Autohersteller Daimler und Volkswagen, die Deutsche Bank und der Bundesliga-Verein Borussia Dortmund.

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Die Morde in Hanau, der Anschlag auf die Synagoge in Halle oder die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke seien Beispiele dieser fatalen Entwicklung. Das schrieben die Beteiligten in einer zusammen mit dem Freundeskreis der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Berlin vorgestellten Erklärung zum 76. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Grundlage für die Erklärung ist die Antisemitismus-Definition der zwischenstaatlichen Organisation International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Demnach ist Antisemitismus eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich in Wort oder Tat gegen Juden und Nichtjuden sowie religiöse Institutionen richtet oder die Existenz Israels infrage stellt.

Antisemitisch sind laut dieser jüngst von der EU angenommenen Definition auch die Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“, die Holocaust-Leugnung oder der Vorwurf, Juden fühlten sich Israel stärker verpflichtet als ihren jeweiligen Heimatländern.

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Radikalisierung in Pandemie

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Die Beratungsstelle Response für Betroffene antisemitischer, rechter und rassistischer Gewalt hat während der Corona-Pandemie wiederholt Hinweise auf Zwischenfälle oder Radikalisierung innerhalb der sogenannten Corona-Leugner erhalten. Die Bewegung mit Anhängern der Esoterik-Szene über konservativ-Alternative und Impfgegner bis hin zu Verschwörungsideologen berge „ein gefährliches Radikalisierungspotenzial“, sagte Roman Jeltsch, stellvertretender Leiter von Response.

Im vergangenen Jahr habe Response von zehn Fällen erfahren, in denen Menschen im Kontext der Corona-Pandemie antisemitische Gewalt oder anti-asiatischen Rassismus erfahren haben. Betroffene seien beispielsweise als „Coronavirus“ bezeichnet, geschubst, beschimpft und bedroht worden. Im Internet und auf Anti-Corona-Demos wurden Plakate und Jacken mit Davidsternen präsentiert, die mit der Aufschrift „nicht geimpft“ versehen waren.

Diese Art von Holocaust-Relativierung stieß auch bei jüdischen Verbänden und Organisationen auf scharfe Kritik. Maram Stern, der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, nannte es in einer Stellungnahme „besonders widerlich“, wenn sogenannte Corona-Leugner versuchten, für sich selbst eine Opferrolle in Anspruch zu nehmen, die den Opfern des Holocaust gleichkomme.

Gedenkfeiern

Die Gedenkfeier zum 76. Jahrestag der Befreiung des früheren deutschen Konzentrationslagers Auschwitz wird wegen der Corona-Pandemie statt auf dem ehemaligen Lagergelände online stattfinden. Die Feier kann über die Webseite der Gedenkstätte, über soziale Medien sowie per Youtube verfolgt werden.

Im Vordergrund der Gedenkfeier werde diesmal das Schicksal der Kinder in dem Konzentrations- und Vernichtungslager stehen. „Mehr als 200 000 Kinder wurden in Auschwitz ermordet. Dies kann durch keine Ideologie, Berechnung oder Politik gerechtfertigt werden“, sagte der Direktor der Gedenkstätte, Piotr Cywinski. Nach Schätzungen der Gedenkstätte wurden mindestens 232 000 Kinder und Jugendliche nach Auschwitz deportiert, die meisten von ihnen jüdischen Glaubens.

Auch der Deutsche Bundestag gedenkt den Opfern des Nationalsozialismus. Im Plenarsaal werden Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Charlotte Knobloch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und die Publizistin Marina Weisband Gedenkreden halten.

KZ-Außenlager in Mannheim

Im Mannheimer Stadtteil Sandhofen befand sich von September 1944 bis März 1945 eine Außenstelle des elsässischen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Mehr als 1000 polnische Männer waren dort untergebracht. Mithilfe einer Online-Datenbank soll nun an das Schicksal aller Häftlinge erinnert werden. „In der Datenbank sollen möglichst alle Personen erfasst werden, die im Konzentrationslager Natzweiler und in den mehr als 50 Außenlagern im Elsass, in Lothringen, in Württemberg, Baden, Hessen und dem heutigen Bundesland Rheinland-Pfalz inhaftiert waren“, sagte der Historiker und Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen, Marco Brenneisen. Er ist an dem Datenbankprojekt federführend beteiligt. dpa/tbö

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Veröffentlicht
Von
Eva-Lena Lörzer
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