Prozess - Vor zwei Gerichten müssen sich eine 95-Jährige und ein 100-Jähriger wegen schwerer NS-Verbrechen verantworten Tausendfache Beihilfe zum Mord

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Diana Zinkler
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Das Eingangstor zu der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg spiegelt sich in einer Pfütze. © dpa

Berlin. Das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig war ein Umschlagplatz menschlicher Grausamkeit. Die Nationalsozialisten verschleppten zunächst Intellektuelle aus dem Raum Danzig, im Laufe des Zweiten Weltkriegs überwiegend Juden. Wer von den Gefangenen arbeitsfähig war, wurde in andere Lager mit Rüstungsproduktion gebracht, Frauen mussten in Stutthof schwere Erdarbeiten leisten. Wer schwach oder krank war, dem drohte das Hauptlager, in Sterbezonen wurden die Menschen dort sich selbst überlassen. „Sie wurden durch gezieltes Unterlassen ermordet“, erklärt der Historiker Stefan Hördler in einem Prozess zum KZ Stutthof.

Vier Jahre Untersuchungen

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Lagerkommandant Paul Werner Hoppe erhielt im Sommer 1944 den Befehl zur Tötung der Juden. 65 000 Menschen starben im KZ Stutthof. Welche Verantwortung Irmgard F. dabei trägt, hat die Staatsanwaltschaft Itzehoe vier Jahre lang untersucht. Die heute 95-Jährige arbeitete von Juni 1943 bis April 1945 als Schreibkraft für den Kommandanten Hoppe. Der wurde später wegen seiner Verbrechen in Stutthof vor einem Bochumer Gericht zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt.

An Voraussetzungen geknüpft

Eine Strafverfolgung wegen NS-Verbrechen ist in Deutschland nur noch wegen Mord oder Beihilfe dazu möglich.

Nur bei Todes- und Vernichtungslagern, deren Zweck die systematische Tötung sämtlicher Gefangener war, gilt nach der deutschen Rechtsprechung bereits die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft auch ohne konkretere Tatnachweise als Mordbeihilfe.

Seitdem der Bundesgerichtshof 2016 ein Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning bestätigte, der im Konzentrationslager Auschwitz als „Buchhalter“ gearbeitet hatte, fällten deutsche Gericht zuletzt mehrere Urteile gegen frühere SS-Wachmänner.

Für die Anklage gegen seine damalige Sekretärin hat die Staatsanwaltschaft Zeugen in den USA und Israel vernommen. Darüber hinaus wurde ein Historiker beauftragt, der zur Rolle der Angeschuldigten in dem Konzentrationslager forschte. Nun sind die Ermittlungen abgeschlossen, die Staatsanwaltschaft hat Anklage vor der Jugendkammer des Landgerichts Itzehoe erhoben. Der Vorwurf: „Die damals Heranwachsende soll in über 10 000 Fällen Beihilfe zum Mord geleistet haben“, sagt Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Sie soll bei der systematischen Tötung von jüdischen Gefangenen, polnischen Partisanen und sowjetrussischen Kriegsgefangenen Hilfe geleistet haben.

Irmgard F. soll heute in einem Altenheim im Kreis Pinneberg leben. Einem NDR-Reporter habe sie vor einem Jahr bestätigt, zwar für Hoppe gearbeitet, aber von den Morden im Lager erst nach Kriegsende erfahren zu haben – und das, obwohl ihr Arbeitsplatz direkt vor dem Haupteingang zum KZ gelegen habe. Nach einem Bericht der ARD-„Tagesschau“ aus dem vergangenen Jahr war die 95-Jährige bereits mehrfach als Zeugin befragt worden. 1954 habe sie ausgesagt, dass der gesamte Schriftverkehr mit dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt über ihren Schreibtisch gelaufen sei. Kommandant Hoppe habe ihr täglich Schreiben diktiert und Funksprüche verfügt. Über die Vergasung von Menschen sei ihr jedoch kein Schreiben bekannt gewesen.

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Das Verfahren gegen die 95-Jährige befindet sich in einem sogenannten Zwischenverfahren. Das Gericht Itzehoe muss entscheiden, ob nach vorläufiger Bewertung des Akteninhaltes eine Verurteilung wahrscheinlich ist und keine Strafverfolgungshindernisse bestehen, teilte eine Sprecherin des Gerichts mit. Fast zeitgleich mit der Anklage gegen Irmgard F. wurde ein weiteres Verfahren gegen einen inzwischen 100-jährigen ehemaligen Wachmann im KZ Sachsenhausen eröffnet. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin wirft dem Mann Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen vor. Er soll zwischen 1942 und 1945 „wissentlich und willentlich“ an der Ermordung von Lagerinsassen mitgewirkt haben: der Erschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen im Jahr 1942, Beihilfe zur Ermordung von Häftlingen durch das Giftgas Zyklon B und der Tötung der Häftlinge durch die Schaffung und Erhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen.

KZ mit Genickschussanlage

Durch die Nähe zur Berliner Gestapozentrale hatte Sachsenhausen bei Oranienburg eine besondere Rolle im KZ-System. Das Lager war gleichzeitig Ausbildungsstätte für KZ-Kommandanten und Wachpersonal. 200 000 Menschen wurden nach Sachsenhausen deportiert. Durch eine Genickschussanlage sollen etwa 13 000 bis 18 000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet worden sein. Insgesamt sollen mehrere Zehntausend Gefangene getötet worden sein. Laut Staatsanwaltschaft sei der 100-Jährige, der in Brandenburg leben soll, „eingeschränkt verhandlungsfähig“. Auch in diesem Fall muss das Landgericht Neuruppin entscheiden, ob es die Anklage zulässt. Im Falle seiner Verurteilung drohe ihm eine Freiheitsstrafe zwischen 3 und 15 Jahren.

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Auf diese Prozesse haben die Überlebenden des Holocausts, die auch alle hochbetagt sind, „ihr ganzes Leben gewartet“ sowie darauf, „dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden“, sagte Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee. „Dass dies erst jetzt geschieht, ist ein Versagen und ein Versäumnis der deutschen Justiz, das sich über Jahrzehnte erstreckt hat.“

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Zum tödlichen Räderwerk der deutschen Konzentrationslager gehörten auch die jetzt angeklagte Sekretärin und der Wachmann. „Nicht nur für sie hat die Gerechtigkeit kein Verfallsdatum.“ Deshalb seien diese Prozesse noch immer wichtig. Auch wenn es für die Überlebenden fast bizarr wirke, dass diese Prozesse in einer Zeit stattfänden, „in der neue Nazis schon wieder zu Hass aufrufen und das verherrlichen, was in den Lagern geschehen ist“, so Heubner.

Sowohl das Landgericht Itzehoe als auch Neuruppin wollten sich auf Nachfrage nicht auf einen Prozessbeginn festlegen.