Glaube - Kirchenvertreter pochen auf schnelle Lockerungen bei den Gottesdiensten, reden in der öffentlichen Debatte aber kaum mit „Sehnsucht nach Seelsorge“

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Christoph Driessen
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Zurzeit nur für individuell betende Menschen geöffnet: Ein Teil der Kirchenbänke im Kölner Dom ist abgesperrt. © dpa

Berlin. „Je früher, desto besser.“ Das ist die Faustformel von Kardinal Rainer Maria Woelki, Chef des größten katholischen Bistums in Deutschland. Gottesdienste müssten jetzt unter Einhaltung von Hygieneregeln zum Schutz vor Corona wieder zugelassen werden, fordert der Erzbischof von Köln in einem Tweet. „Die Sehnsucht der Menschen nach Seelsorge, Orientierung, Gottesdienst ist gerade jetzt groß.“

Laschet für Öffnung

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat dafür plädiert, Kirchen, Synagogen und Moscheen möglichst bald wieder zu öffnen. „Wenn man Läden öffnet, darf man auch in Kirchen beten“, sagte Laschet im Deutschlandfunk.

Dass sich Menschen nicht zu Gottesdiensten treffen dürften, sei eine massive Einschränkung der Grundrechte.

Vertreter von Religionsgemeinschaften und Kirchen wollen in den kommenden Tagen gemeinsam mit Bund und Ländern ein Konzept erarbeiten, wie Gottesdienste in Deutschland bei Einhaltung der Hygieneregeln zum Schutz vor Corona schrittweise wieder möglich werden. dpa

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Tatsächlich dürfte es schon bald soweit sein: Bei einem Treffen am Freitag einigte sich das Bundesinnenministerium mit Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften, dass ein Konzept ausgearbeitet werden soll. Die Deutsche Bischofskonferenz regt ein System mit begrenzter Teilnehmerzahl und markierten Sitzen oder Platzkarten an. Das seien „kluge Vorschläge“, sagte der CDU-Politiker Philipp Amthor der Deutschen Presse-Agentur in Schwerin. Sachsen will öffentliche Gottesdienste unter Auflagen sogar schon ab diesem Montag wieder ermöglichen.

Es besteht Konsens darüber, dass die Religionsfreiheit eines der wichtigsten Grundrechte ist und deshalb nicht länger als unbedingt nötig außer Kraft gesetzt werden darf. Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht die derzeitigen Einschränkungen für rechtens erklärt: Die Karlsruher Richter sehen in der Corona-Krise den Schutz von Leib und Leben an oberster Stelle – zeitlich befristet. „Dass in den letzten Tagen etwa für Friseure und Baumärkte sinnvolle und notwendige Perspektiven aufgezeigt wurden, für Gottesdienste derzeit aber noch nicht, ist für mich nicht nachvollziehbar“, kritisiert Amthor.

Gestiegene Einschaltquoten

Nun ist es in der Tat so, dass die Kirchen – wenn nicht gerade Heiligabend ist – kaum mit dem Problem der Überfüllung zu kämpfen haben. „Man muss das Ganze ins Verhältnis setzen zu den anderen Lockerungen, und da scheint mir, dass die Möglichkeit der Kontaktvermeidung in den Gottesdiensten besser gegeben ist als etwa in Geschäften“, meint der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster.

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Daneben pochen die Kirchen darauf, dass sie gerade jetzt besonders gebraucht würden. Dabei können sie auf die stark gestiegenen Einschaltquoten bei der Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen verweisen. Das Kölner Domradio meldet, dass an Ostern über eine Million Menschen seine Liveübertragungen im Internet verfolgt hätten. Man erreiche fünfmal so viele Zuschauer wie gewöhnlich.

„Im Flugzeug gibt es bei Turbulenzen keine Atheisten“, heißt es oft. Gemeint ist: In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Kirchen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa Consulere für die Zeitung „Tagespost“ ergibt allerdings ein anderes Bild: Demnach sind nur zwölf Prozent der Bevölkerung dafür, Vor-Ort-Gottesdienste auch während der Pandemie zu erlauben.

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Auch wissenschaftliche Daten bestätigten die Krisen-Theorie nicht, sagt Professor Pollack: „Wir können zwar beobachten, dass in dem Maße, in dem Menschen das Gefühl haben, dass es ihnen gut geht, sie Religion für nicht mehr so wichtig halten. Aber wenn es ihnen dann plötzlich schlechter geht, bleibt ein Rückkehr-Effekt aus.“

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Was die Kirchen beunruhigen muss, ist die untergeordnete Rolle, die sie bisher in der öffentlichen Debatte gespielt haben. Es ist eher die Stunde der Wissenschaft, wie der quasi prophetische Status der Virologen zeigt. Auch Wirtschaftswissenschaftler, Bildungsforscher und viele andere hätten sich neben den Politikern mit ihrer jeweiligen Kompetenz eingebracht, sagt Pollack. Für die Kirchen gelte das nicht in gleicher Weise, und das müsse nachdenklich stimmen. Die Krisendeutungskompetenz der Kirchen werde nur begrenzt in Anspruch genommen.

Eine etwas andere Sicht dazu vertritt der italienische Vatikankenner Marco Politi. Anfangs ja, da sei die Kirche abgetaucht und habe das Feld den Virologen und Ärzten überlassen, sagt er. Danach habe Papst Franziskus seinen Platz auf der Weltbühne aber zurückerobert. „Dieser Papst, der sagt, dass die Epidemie keine Strafe Gottes ist, sondern ein Moment, in dem die Menschen entscheiden sollen: Wie wollen sie ihr Leben und die Gesellschaft gestalten?“ Politi verweist auch auf die mehr als 100 Priester, die in Italien schon infolge der Pandemie gestorben seien, nachdem sie zum Beispiel Kranken die Sterbesakramente erteilt hätten. dpa