Interview - Grüner Energieexperte Oliver Krischer attestiert der Bundesregierung beim Windkraft-Ausbau massive Versäumnisse „Nur ein Tropfen auf den heißen Stein“

Von 
Werner Kolhoff
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Berlin. Der Ausbau von Windkraftanlagen ist im ersten Halbjahr regelrecht eingebrochen, die Branche ist alarmiert. Den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und Energieexperten der Grünen, Oliver Krischer, ärgert das. Er drängt auf ein klares Bekenntnis der Regierung.

Oliver Krischer bei einer Sitzung im Deutschen Bundestag. © dpa
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Herr Krischer, im ersten Halbjahr 2019 wurden nur 86 Windräder errichtet, davon lediglich 35 an neuen Standorten. Woran liegt es?

Naturschützer

  • Oliver Michael Krischer wurde am 26. Juli 1969 in Zülpich (Nordrhein-Westfalen) geboren.
  • Nach Abitur und Zivildienst begann er ein Biologie-Studium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.
  • Krischer ist einer der fünf stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.
  • Er engagiert sich beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und bei der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien. (red)

Oliver Krischer: Die Bundesregierung bremst den Windkraftausbau schon seit Jahren. Die ausgeschriebenen Zubau-Mengen waren viel zu gering. Dazu kommen bürokratische Hürden, die viele Standorte blockieren. Die Projekte brauchen heute Planungsvorläufe von mindestens fünf Jahren.

Gefährdet das die deutsche Windkraftindustrie?

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Krischer: Ja, massiv. Die Politik der Bundesregierung hat in der Windbranche schon mehr Arbeitnehmer den Job gekostet, als in der Braunkohle überhaupt beschäftigt sind. Nach der Photovoltaik drohen wir jetzt die zweite große Säule der erneuerbaren Technologien an China zu verlieren.

Aber die Koalition hat gerade erst eine Sonderausschreibung von je 1000 Megawatt Wind- und Solarenergie zusätzlich beschlossen.

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Krischer: Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und kann nicht ausgleichen, was in den vergangenen Jahren schon versäumt worden ist. Die Koalition will bis 2030 auf einen Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energien am Strommarkt kommen. Wenn sie so weitermacht, wird sie das genauso krachend verfehlen wie schon die Klimaschutzziele. Wenn die ersten alten Anlagen aus der EEG-Förderung fallen, droht ab den 2020er Jahren sogar ein Rückgang der Windstromerzeugung.

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Könnten die Netze überhaupt viel mehr Windstrom transportieren? Schließlich stockt der Ausbau dort auch.

Krischer: Beim Netzausbau geht es jetzt endlich besser voran. Meine neue Sorge ist eher, dass wir in ein paar Jahren zwar die Netze haben, dass dann aber die erneuerbaren Energien fehlen, die wir dort einspeisen wollten. Darauf läuft die aktuelle Entwicklung hinaus.

Was muss Ihrer Ansicht nach kurzfristig passieren, um die Windkraft hierzulande wieder flott zu machen?

Krischer: Nötig ist ein klares Bekenntnis der Bundesregierung, dass die Windenergie neben der Photovoltaik die zentrale Säule unserer zukünftigen Energieversorgung ist. Der Wirtschaftsminister ist aufgefordert, sich endlich um diese wichtige Frage zu kümmern. Wir haben hier kein Erkenntnisdefizit, wir haben hier ein Umsetzungsdefizit. Um die Ziele der Energiewende zu erreichen, müssten wir jährlich 5000 Megawatt zubauen, also etwa 1000 neue Windräder. Davon sind wir derzeit weit entfernt.

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