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Unwetter

Nach Unwetter und Hochwasser: Vor Ort im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz und NRW

Von 
Markus Mertens
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Mühsam versuchen Menschen die Straßen und Keller vom Schlamm zu befreien – wissend, dass die Arbeiten noch Tage dauern werden. © Markus Mertens

Es dauert keine 24 Stunden nach den ersten Flutmeldungen, bis ich den Entschluss fasse, als Katastrophenhelfer zu all jenen zu fahren, die bei der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen alles verloren haben. Denn auch, wenn professionelle Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt längst vor Ort sind, um der größten Schäden Herr zu werden, erkenne ich: Der Hilfsbedarf ist ebenso gigantisch wie die Verwüstung, die das Wasser angerichtet hat. Zwar haben mich erste Bilder auf Schlimmes vorbereitet - doch was ich vor Ort erleben werde, sprengt jede Vorstellungskraft. Es werden prägende Tage in vier Etappen.

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Hochwasser in Deutschland

Flutkatastrophe: Eindrücke von Helfern vor Ort

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Ich fahre in den Kreis Bad Neuenahr, den die Flut besonders erbarmungslos getroffen hat. Noch Stunden zuvor konnte ich über Soziale Medien einen spontanen Aufruf starten, Hilfsgüter zusammenpacken und verladen. Mit Wasser, Hygieneartikeln und Kinderkleidung an Bord trete ich die Fahrt an. Zwei Stunden später stehe ich neben Einsatzfahrzeugen und Anwohnern im Stau all jener, die wieder in Ordnung bringen wollen, was in den zurückliegenden Tagen so gravierend in Unordnung versetzt wurde - ihre Heimat. Ich halte in Heimersheim. Der Ortsbezirk von Bad Neuenahr-Ahrweiler präsentiert sich für gewöhnlich als schmucker 3000 Seelen-Bezirk mit gepflegten Reihenhäusern und alten, massiven Einfamilienbauten. Nun dominiert hier der Matsch, der schubkarrenweise aus Kellern, Fluren und Fenstern gekippt wird. Autos hängen vollkommen ausgespült und zerstört in Bäumen und an Straßenschildern, ganze Bundesstraßen wurden ein Raub des Wassers, das Wohnwägen, Lkw und all ihre Fracht wie Spielzeug mit sich riss. In einer Nebenstraße treffe ich Reinhold und Katharina Bitzen. Die Bitzens wohnen seit 1970 in Heimersheim, sind seit 57 Jahren verheiratet und haben in ihrem selbst gebauten Haus von Geburten bis hin zu Todesfällen alles durchgestanden, was das Leben nur bieten kann. Doch im gemeinsamen Austausch spricht Reinhold Bitzen aus, was in diesen Tagen Tausende andere denken: „So etwas Unfassbares haben wir noch nie erlebt.“

Mitten in der Nacht um 2:48 Uhr hätten die Bitzens noch den Anruf einer Nachbarin bekommen, dass da „etwas Unglaubliches“ auf sie zukomme, danach sei alles zu spät gewesen. Ohne irgendetwas mitnehmen zu können, rannten die Bürger aus ihren Heimen, versammelten sich in der Dorfhalle - und mussten dabei zusehen, wie ihr Hab und Gut in der braunen Brühe untergeht. Dabei können sie alle noch froh sein, dass sie am Leben geblieben sind. Auch im Familienkreis der Bitzens erwischt die Flut einen Vater mit seinen Kindern so heftig, dass alle drei ertrinken - und sich in die weit mehr als 100 Todesopfer einreihen, die die Behörden allein in diesem Landkreis bestätigen.

Über Stunden hinweg helfe ich den Bitzens mit Bekannten, Kollegen und Nachbarn dabei, im Keller alles an Vorräten, Erinnerungen und Wertgegenständen in einen der riesigen Müllcontainer zu werfen, die dieser Tage zur raren und begehrten Ware geworden sind. Mit jedem Kasten mehr an vollgesogenen Habseligkeiten, die im Abfall landen und jedem Raum mehr, der von dem Schmutz der Flut befreit wird, lichtet sich die Verzweiflung ein wenig. Denn auch, wenn die Versicherung den Bitzens vieles nicht wird ersetzen können: Die Gewissheit, dass sie einander nicht verloren haben, wiegt schwerer als jedes materielle Leid. Zumal auch die Kraft einer Welle an Solidarität nicht zu unterschätzen ist. Immer wieder kommen Passanten vorbei, die Würste und Backwaren, Wasser und Kuchen an Helfer und Betroffene verteilen - und so die Zuversicht in Tagen der Ungewissheit siegen lassen wollen. Es sind dies farbige, bunte Akzente in Stunden matschiger Tristesse. Denn auch, wenn stabile Versorgungen mit Strom, Wasser und Gas an diesem Vormittag noch Zukunftsmusik sein mögen: Zumindest in diesem Augenblick haben sie sich, den Zusammenhalt und die Hoffnung.

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Ich laufe einige Kilometer weiter in das Industriegebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler, aus dem sonst Speditionen, Getränkelieferanten und Handwerksbetriebe ihre Ware in die Region senden. Dass die sonst so ruhig fließende Ahr nicht nur kleine Boote mitten auf Firmengelände gespült und alte Steinbrücken zerbrochen, sondern auch Sattelschlepper samt Tonnen an Pfand vollständig zerrissen hat, nötigt selbst routinierten Feuerwehrmännern, die aus der ganzen Bundesrepublik eintreffen, staunenden Respekt ab.

Besonders problematisch zeigt sich hier vor allem: Die Firmenbesitzer sind derart global betroffen, dass unklar bleibt, welcher Keller zuerst ausgepumpt, welcher Vorplatz zuerst von Tonnen an Schlamm befreit werden, in welcher Lagerhalle zuerst aufgeräumt werden soll. Diese besondere Ausnahmelage zeigt - selbst die hauptamtlichen Retter sind hier an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, teilweise auch weit darüber hinaus. Die Erschöpfung angesichts der erduldeten Stunden, sie ist nachvollziehbar. Und dennoch: Häufig haben die Betroffenen trotz all dem Schock längst selbst angefangen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, bis Einsatzkräfte eintreffen. Mit den eigenen Händen, allem an Verstärkung, was aufzubringen ist, und dem Mut der Entschlossenheit. „Heute ist mir alles genommen worden“, wie Transportunternehmer Stefan mir berichtet, „aber morgen will ich das hier alles wieder aufbauen. Das darf nicht das Ende sein!“

Mein Weg führt mich weiter nach Nordrhein-Westfalen, nach Erftstadt, wo mit der Erft ein weiterer Nebenfluss des Rheins für eine Welle der Vernichtung gesorgt hat. In den Ortsteil Blessem, im dem die Lage besonders dramatisch ist, wollen mich die Einsatzkräfte selbst mit meinem Presseausweis nicht hineinlassen. „Hier herrscht absolute Lebensgefahr“, wie mir ein Polizeisprecher unmissverständlich klarmacht und dabei deutlich auf unterspülte Häuser, akute Einsturzgefahr und die Bergung von Verletzten hinweist. Als wie gravierend sich diese Gefahr tatsächlich erweisen kann, erlebe ich auf der Brücke zwischen Radmacherstraße und Köttinger Straße. Der Blick nach unten auf die Bundesstraße 265 gleicht einem Horrorszenario. Von der Polizei werde ich später erfahren, es habe in der Nacht der Flut zunächst angefangen heftig zu regnen, viele Fahrzeuge seien stehen geblieben, um das Ende des Unwetters abzuwarten. Bis die übertretende Welle die Schnellstraße in einen reißenden Strom verwandelte und mit sich nahm, was sich ihr in den Weg stellte. Zumindest an diesem Nachmittag wird man hier keine Leichen bergen, was dafür spricht, dass alle, die hier hinter dem Steuer saßen, gerade noch rechtzeitig die Böschungen hochrennen konnten. Doch auch hier gilt: Klarheit herrscht nur dort, wo sich Experten Mensch und Maschine überhaupt nähern können. Selbst drei Tage danach steht das Wasser dafür an vielen Stellen einfach zu hoch. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hier Verstorbene finden“, wie eine Passantin besorgt anmerkt. Und in der Tat bestätigen sich die Befürchtungen, wenn auch andernorts. Denn in das Sirenengeheul zwischen Rotem Kreuz und Polizei mischen sich auch immer wieder Leichenwägen, die von Motorradstaffeln an den Ort ihres Bedarfs eskortiert werden. Das wahre Schrecken, an solchen Plätzen bekommt es Namen und Konturen. Ein paar Kilometer weiter südlich in Bliesheim herrscht dagegen fast schon Aufbruchsstimmung. Zahllose Kubikmeter an Sperrmüll haben mutige Hausbesitzer hier längst auf die schmalen Gassen gestellt - und wo immer jemand Hilfe braucht, stehen Anwohner und Helfer zusammen. In fast schon achtsamer Dramaturgie bilden sich Unterstützerketten, die Eimer voll nassem Holz, aufgequollenen Möbeln und durchweichten Büchern in Richtung Sondermüll verfrachten. Es ist eine Choreographie der Willigen, die wissen: Das Ende der Misere ist in Sicht.

Das Ende ihrer eigenen Existenz sahen knapp 700 Menschen vor wenigen Tagen in der Eifel mit eigenen Augen. Mein letzter Weg auf dieser Reise als Helfer führt mich nach Schuld, in ein Dorf, das wie vielleicht wenige sonst von der zerstörerischen Wucht des Wassers getroffen wurde. Denn während sich die Welle in anderen Ortschaften in Nebenstraßen verteilte und dort von seiner Kraft einbüßte, donnerten die Fluten hier die Hauptstraße herunter und rissen dabei Hauswände auf, drückten Fenster ein und unterspülten ganze Grundstücke so sehr, dass sich die Häuser angesichts des enormen Drucks schlichtweg auflösten. Öltanks hängen in Baumkronen, historische Gasthäuser liegen in Schutt und Trümmern - der Geruch erinnert an Verwesung. Bis die Menschen hier in Schuld wieder heißes Wasser und Heizung in Anspruch nehmen dürfen, könnten Monate vergehen, lassen mich Einsatzkräfte wissen und versuchen auch Tage nach dem Unglück noch mit schwerem Gerät in den Kratern und Einsturzstellen nach Verletzten und Opfern Ausschau zu halten. Als Helfer gibt es hier für mich nichts zu tun - auch das ist wichtig zu begreifen. Denn wo immer man professionellen Rettern im Wege steht oder Lebensgefahr herrscht, ist der eigene Einsatz so ambitioniert er auch daherkommen mag, keine Hilfe, sondern Hindernis. Und so spreche ich zum Schluss noch einmal mit Nathalie. Wie Nathalie wirklich heißt, will sie hier nicht lesen, denn in Schuld kennt man sich und trotz ihrer klaren Haltung will sie sich in ihrer Gemeinde nicht isolieren, wenn sie mir erzählt: „Wer nach solchen Katastrophen den menschengemachten Klimawandel noch bestreitet, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Entweder wir begreifen, dass wir endlich etwas tun müssen, um diese Abwärtsspirale zu vermeiden, oder dieses Unglück war nur eines von vielen, das wir in den kommenden Jahren erleben werden.“

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