Halle - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht Tatort in Sachsen-Anhalt / Betroffenes Viertel steht unter Schock Nach den tödlichen Schüssen herrscht Trauer und Ratlosigkeit

Von 
Franziska Höhnl
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Halle. Im Minutentakt kommen Menschen und legen Blumen vor die Synagoge in Halle. Einige weinen, alle halten inne und wirken bedrückt. Anwohner hängen am Donnerstag spontan ein selbstgemaltes Transparent an ihr Fenster: „Humboldstr gegen Antisemitismus + Hass“ steht darauf. Die Hausgemeinschaft habe ein Zeichen setzen wollen gegen die Aktion des 27 Jahre alten Mannes, der für den Anschlag auf die Synagoge und zwei Tote und mehrere Verletzte verantwortlich sein soll, sagt Benjamin Leins (32). Die Gedanken hinter der Tat, der Hass, sei bei vielen Leuten präsent. „Und deswegen finden wir es wichtig, dass man auf die Schnelle ein Zeichen dagegen setzt.“

Nehmen Anteil: Präsident Frank-Walter Steinmeier (M), seine Frau Elke Büdenbender und Ministerpräsident Reiner Haseloff. © dpa
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Dieses Zeichen wollen am Tag nach dem weltweit registrierten Anschlag viele setzen. Auf dem Marktplatz von Halle entsteht ein Kerzen- und Blumenmeer, ebenso an den Tatorten vor der Synagoge und an einem nahen Dönerladen. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist vor Ort, zusammen mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Amtskollegen aus dem Land, Holger Stahlknecht (CDU), und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, besucht er die Synagoge und den Tatort am Döner-Imbiss.

Jüdischer Alltag in Deutschland

Nach einer Ende 2018 veröffentlichten Umfrage im Auftrag der EU-Grundrechteagentur fühlen sich Juden in Deutschland häufiger angefeindet als in anderen EU-Staaten.

41 Prozent der Befragten in Deutschland gaben dabei an, im zurückliegenden Jahr Opfer einer Belästigung geworden zu sein, die gegen sie als Juden gerichtet war. Im EU-Durchschnitt lag der Wert bei 28 Prozent.

Drei Viertel der Juden in Deutschland verzichten auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit.

Der Davidstern sei aus der Öffentlichkeit verschwunden, weil viele Juden Angst vor Angriffen hätten, sagt Gideon Joffer, der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde.

Radikale Szene präsent

Sie alle strömen ins Paulusviertel, am Rand der Innenstadt. Es ist eine der begehrtesten Wohngegenden. Viele Familien leben dort – und Studierende in Wohngemeinschaften. Die Ludwig-Wucherer-Straße, an der der Dönerladen liegt, in dem der Attentäter einen Mann erschoss, hat sich zu einem belebten Viertel mit Cafés und Ateliers entwickelt.

Damit steht es sinnbildlich für die Entwicklung der ganzen Stadt. Sie profitierte in den vergangenen Jahren auch vom Boom der sächsischen Nachbarstadt Leipzig. Wegen steigender Mietpreise dort wohnen inzwischen viele Studierende in Halle. Seit Kurzem hat Halle mit seinen mehr als 239 000 Einwohnern die ebenfalls wachsende Landeshauptstadt Magdeburg überholt und ist größte Stadt im Land.

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Doch auch die rechtsextreme Szene ist in der Stadt präsent. Montags hält ein bekannter Rechtsextremist regelmäßig Demos ab. Nur wenige Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt gibt es eine Immobilie, die der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung gehört.

Die Stadt gehe konsequent gegen Rechts vor, beteuert Stadtchef Bernd Wiegand im Fernsehen. Der parteilose Politiker hofft, bei der anstehenden Oberbürgermeisterwahl wiedergewählt zu werden. Die erste Runde ist an diesem Sonntag. Ihm werden gute Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt. Wiegand verwies darauf, dass Rechtsextremismus wie Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Probleme seien. „Wir waren bedauerlicherweise Ort des Terrorismus an diesem Tag, aber insgesamt müssen die gesellschaftlichen Anstrengungen weitestgehend und vielfältig erhöht werden.“