Impfgipfel Merkels Prognose: Alle Bürger erhalten Impfangebot bis Ende des Sommers

Von 
dpa
Lesedauer: 
Michael Müller (SPD, l-r), Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern und Vorsitzender der CSU, kommen zur Pressekonferenz. Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder hatten sich zuvor zu einem «Impfgipfel» zusammengeschaltet. © Hannibal Hanschke

Berlin. Auch nach viel Kritik am Start der Corona-Impfkampagne in Deutschland hält Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Prognose fest, dass jedem Bürger bis zum Ende des Sommers ein Impfangebot gemacht werden kann. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lieferzusagen der Hersteller könne diese Aussage aufrechterhalten werden, sagte Merkel am Montag in Berlin nach einem Spitzengespräch zum Impfen.

AdUnit urban-intext1

Zum Ende des dritten Quartals könne ein Impfangebot gemacht werden. Dies gelte sogar, wenn lediglich die bereits zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca verimpft werden könnten, ohne dass bis dann weitere Impfstoffe zugelassen sind. Auch in diesem Fall könne den 73 Millionen erwachsenen Menschen hierzulande ein Impfangebot gemacht werden, für Kinder seien die Impfstoffe nicht vorgesehen. Sollten andere Hersteller dazukommen, gebe es ein größeres Angebot.

Bund und Länder haben sich zuversichtlich gezeigt, dass die Organisation der Corona-Impfungen auch bei stark steigenden Impfzahlen ohne chaotische Zustände funktioniert. Wenn es immer mehr Impfstoff gebe, könnten die Impfungen auch in den Hausarztpraxen stattfinden, sagte Merkel. Rund 45 Millionen Menschen seien nicht in den Gruppen, die mit Vorrang geimpft werden. Vor allem diese könnten dann auch jenseits der Impfzentren mit weniger Aufwand geimpft werden. So hätten große Konzerne bereits signalisiert, dass die Impfung ihrer Belegschaften gut organisiert werden könne. Die Länder wollen die Menschen weiter auf unterschiedliche Weise zu den Impfungen einladen, wie ihre Vertreter deutlich machten. 

Impf-Kritik: Kretschmann regt sich über "Schlaumeier-Debatten" auf

AdUnit urban-intext2

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Kritik an der Impfpolitik scharf zurückgewiesen. "Diese Schlaumeier-Debatten hinterher besorgen keine einzige Impfdosis mehr", sagte er nach dem "Impfgipfel" von Bund und Ländern bei einer Veranstaltung zur Europapolitik am Montagabend in Stuttgart. Nun müsse man den Mangel verwalten, aber das Besserwissertum nütze nichts.

Die Engpässe lägen an der Produktion und nicht an irgendwelchen Verträgen, sagte er mit Blick auf Kritik an der EU. "Die Firmen arbeiten absolut an der Kante." Das hätte man durch nichts beheben können. Man werde im ersten Quartal des Jahres noch Probleme haben, die sich im zweiten Quartal auflösen würden, im dritten Quartal sei die Verfügbarkeit des Impfstoffs nicht mehr der begrenzende Faktor.

AdUnit urban-intext3

Der "Impfstoffgipfel" war nach Einschätzung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) "wichtig für eine weitere verlässliche Planung". Sie gehe nach wie vor davon aus, dass jeder Rheinland-Pfälzer sich bis zum 21. September gegen Corona impfen lassen könne, sagte Dreyer am Montagabend in Mainz nach dem Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Bis zum nächsten Treffen der Ministerpräsidenten am 10. Februar wolle der Bund mit den Ländern einen ersten nationalen Impfplan mit verlässlichen Liefermengen vorlegen. "Kein Hersteller kann ganz genau sagen, was jede Woche kommt." Aber: "Wir werden mehr Planungssicherheit haben." 

AdUnit urban-intext4

Bei dem "Impfgipfel" sei auch vereinbart worden, dass der Bund prüfe, wie Lieferketten für Verpackungsmaterial und Zubehör des Impfstoffs sichergestellt werden könnten, sagte Dreyer. Zudem solle gemeinsam mit der EU geschaut werden, dass bessere Lieferketten für notwendige Rohstoffe für die Impfstoffe wie knappe Lipide erreicht werden könnten. Die Ständige Impfkommission habe auch beim Impfstoff von Astrazeneca vor allem die gefährdetesten Bevölkerungsgruppen im Blick und wolle die Impfung zunächst noch nicht für Lehrer, Erzieher und Polizisten empfehlen, berichtete Dreyer. Das Vakzin ist nur für Menschen bis 65 Jahre zugelassen. Der "Impfgipfel" sei ein "sehr gewinnbringendes Gespräch" gewesen, sagte Dreyer. Nicht alle Akteure hätten sich vorher gekannt.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat vor überhöhten Erwartungen an die Corona-Impfgeschwindigkeit in den kommenden Wochen gewarnt. Diese Zeit werde für die Geduld der Menschen noch einmal eine echte Herausforderung, sagte Söder nach dem "Impfgipfel". Im ersten Quartal werde es nach aktuellem Stand nicht mehr Impfstoff geben. Man müsse aber nun versuchen, das Beste daraus zu machen.

Söder berichtete nach den Gesprächen auf dem "Impfgipfel", eine "punktgenaue Planung" sei aus Sicht der Unternehmen schwer möglich. Dafür seien zu viele Variablen im Spiel, etwa was die Produktion angehe. Deshalb könne man das Ganze nicht mit der Stechuhr oder Stoppuhr machen. Er warnte deshalb davor, Hoffnungen zu wecken, die nicht erfüllbar seien. Die Unternehmen könnten Zusagen machen, aber keine hundertprozentigen Garantien geben, sagte der CSU-Chef. Söder lobte, dass Merkel das Thema Impfen nun zur "Chefsache" gemacht habe, auch gegenüber der Europäischen Union. Dies sei aber als Anerkennung gemeint, betonte er auf Nachfrage, und "nicht anders".

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat sich zufrieden gezeigt mit den Ergebnissen des "Impfgipfels". Für Länder und Kommunen sei der nun vereinbarte nationale Impfplan gegen Corona sehr wichtig, sagte der SPD-Politiker. Sie benötigten mehr Klarheit darüber, was wann in welchen Mengen verimpft werden könne, damit sie sich rechtzeitig räumlich, mit Personal und ihrem Einladungssystem darauf einstellen könnten. "Das wir uns dem jetzt gezielter zuwenden, ist ein ganz wichtiger Schritt", sagte Müller.

"Man mus ehrlicherweise, Stand heute, sagen: Es wird im ersten Quartal knapp bleiben", fügte der aktuelle Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz mit Blick auf den verfügbaren Impfstoff hinzu. Die Erwartungen der Menschen könnten hier noch nicht zu 100 Prozent erfüllt werden, weil die Produktion - das sei in der Runde am Montag deutlich geworden - eben nicht beliebig erweiterbar sei. Ab dem zweiten Quartal werde dann so viel Impfstoff zur Verfügung stehen, dass es "in großen Schritten" vorangehe, zeigte sich Müller überzeugt.

EU-Kommissionspräsident Juncker verteidigt Impfpolitik 

Auch der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verteidigte die Impfpolitik der Europäischen Union. Es sei richtig, dass sich die EU um die Beschaffung des Impfstoffes kümmere. Zwar räumte Juncker ein, dass alles zu langsam gegangen und nicht maximal transparent gestaltet gewesen sei. Aber wenn jeder Nationalstaat sich auf eigene Faust um die Beschaffung des Impfstoffes gekümmert hätte, hätten ärmere und kleinere Staaten keinen Zugang mehr zu den Märkten gefunden.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder berieten per Videokonferenz über den Stand der Impfungen, die vor gut einem Monat angelaufen sind. Angesichts knapper Mengen, teils unsicherer Lieferungen und oft überlasteter Telefon-Hotlines für Impftermine hat sich massive Kritik aufgestaut. Länder und Kommunen fordern mehr Zuverlässigkeit bei Lieferangaben, damit die regionalen Impfzentren vor Ort besser planen können.

Am «Impfgipfel» nahmen auch die Pharmabranche und die EU-Kommission teil. Mit dabei waren unter anderem Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides und Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton sowie Vertreter der Firmen Biontech, Pfizer, Curevac, IDT, Moderna, Astrazeneca, Johnson&Johnson, Sanofi, Bayer und Schott.