Soziales - Menschen mit Behinderungen leben während Corona im totalen Lockdown / Von der Politik enttäuscht Menschen mit Behinderung im totalen Lockdown: „Wir können nicht mehr“

Von 
Christian Unger
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Warendorf. Es ist nicht der Rollstuhl, der Christian Homburg an seine Wohnung kettet. Es ist nicht seine Erkrankung, die ihm Sorgen macht und ihn Kraft und Hoffnung kostet. Christian Homburg hatte ein gutes Leben, klar, mit Einschränkungen, wie er sagt. Er lebt nahe Münster in einem Haus mit seinen Eltern, nicht im Pflegeheim. Vor Corona traf er Freunde in der Kneipe oder Kollegen im Büro, fuhr in die Stadt, spielte Rollstuhl-Hockey im Verein.

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Christian Homburg, 24 Jahre alt, lebt mit einer schweren Form des Muskelschwundes, er kann nur Oberkörper, Kopf und Hände bewegen. Die Krankheit attackiert auch seine Lunge, die noch mit einem Volumen von etwa 20 Prozent arbeitet. Nachts beatmet ihn eine Maschine und entlastet das Organ. Christian Homburg kann nicht sagen, ob er eine Infektion mit Corona überleben würde. Bei allem, was er weiß, stünden seine Chancen bei einem schweren Verlauf nicht gut. Seit fast einem Jahr lebt er mit einem hohen Risiko, in einer Welt im Pandemie-Alarm. Ihm bleibt der Rückzug.

Masken und Tests

Fühlt sich in der Pandemie alleingelassen: der 24-jährige Christian Homburg. © Andreas Buck / Funke Foto Services

Mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. Nur drei Prozent kommen laut Behörden behindert auf die Welt. Was in der Pandemie lange kaum beachtet wurde: 80 Prozent der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, werden nicht in Heimen gepflegt. Sondern zuhause, so wie Homburg. Was für ihn das Leben lange erleichtert hat, wurde auf einmal zur Gefahr.

Homburg organisiert seine Pflege selbst, er stellt mit einem Budget der Sozialträger sein Pflege-Team an, schreibt Dienstpläne für knapp ein Dutzend Helfer, sorgt für Ersatz, wenn ein Pfleger ausfällt. 24 Stunden und sieben Tage in der Woche braucht er Hilfe. In der Pandemie bedeutet das: Immer ist jemand bei ihm, der das Risiko einer Infektion in seine Wohnung tragen könnte. Christian Homburg will sich schützen – und kann sich doch nicht voll isolieren.

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In der Pandemie muss Homburg gemeinsam mit seinen Pflegekräften nun auch Schutzausrüstung selbst organisieren. In der Wohnung tragen sie Masken. „Wenn eine Pflegekraft Kaffee trinkt, fahre ich in einen anderen Raum.“ Wenn einer einen Schnupfen hat, kümmern sie sich um einen Corona-Schnelltest. Alles auf eigene Kosten, erzählt Homburg. Alles kostet Zeit – und Kraft. Einmal fällt eine Hilfe eine Woche aus. „Mein Bruder ist eingesprungen“, sagt Homburg. „Sonst hätte ich das nicht geschafft.“ Christian Homburg hat eine Hoffnung. Die Impfung, sagt er, könne sein altes Leben zurückbringen. Die Freunde, den Sport, die Abende in der Kneipe. Doch als er die erste Impfverordnung vor einigen Wochen liest, sei er fassungslos gewesen. „Wir wurden schon wieder nicht berücksichtigt.“

Weltweit leben Menschen seit Beginn der Pandemie mit Einschränkungen. Viele sehen Freunde und Verwandte kaum noch, reisen nicht, gehen nicht in Restaurants. Doch es gibt Menschen wie Homburg, die in einer Art „Lockdown total“ leben. Wenn die Kälte Deutschland im Griff hat, kann er nicht einmal länger spazieren gehen. Zu kalt würde es im Rollstuhl.

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Eine Mutter, die ihren Sohn mit Down-Syndrom pflegt, berichtet, wie sie ihn nun manchmal im Auto spazieren fahre – kontaktlos über die Straßen Norddeutschlands. Eine junge Mutter aus Hessen, die in dem Artikel nur Lia genannt werden möchte, berichtet, wie ihr Sohn, 14 Jahre alt, seit fast einem Jahr nicht mehr in der Schule war. Eine Lehrerin schaltet ihn per Handy in den Unterricht zu. Klassenarbeiten schreibt er nach der Schule im Zimmer eines Lehrers. Auch Lia gehört zur Risikogruppe, hat schwer Asthma, musste an der Lunge operiert werden, als die Ärzte dort einen Tumor entdeckten.

Kein Termin bei Jens Spahn

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Christian Homburg startete eine Petition: „Impfschutz auch für schwerbehinderte Menschen außerhalb von Pflegeeinrichtungen“, bis heute haben mehr als 65 000 Personen unterschrieben. Und Homburg schickt Briefe: an den Gesundheitsminister. „Herr Spahn, wir können nicht mehr. Unsere Angst vor einer Infektion steigt mit jedem Tag, an dem die Infektionszahlen nicht sinken, mit jeder neu gemeldeten Mutation und mit jedem Corona-Fall in unserer Bekanntschaft“, schreibt er.

Der Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen hebt hervor, dass die Pandemie die Ausgrenzungen dieser Gruppe im Alltag „wie mit einem Brennglas verstärkt“ habe. „So stoßen blinde Menschen beim Internetshopping auf nicht barrierefreie Seiten“, sagt Jürgen Dusel. „Noch gravierender: Etliche Arztpraxen sind nicht für alle zugänglich.“ Minister Spahn hat bisher nicht auf Homburgs Briefe geantwortet. Und doch gibt es Verbesserungen. In der neuen Impfverordnung lässt der Staat eine „Einzelfallprüfung“ zu. Homburg freut das, einerseits. Anderseits wachsen bei ihm die Zweifel. Wer prüft nun? Sind schwerbehinderte Menschen der Willkür eines Gesundheitsamtes ausgeliefert? Und wie soll man in diesen Zeiten als Mensch im Rollstuhl zu den Terminen beim Amt fahren? Vieles, sagt Homburg, bleibe „schleierhaft“. Er wolle, dass Menschen mit den höchsten Pflegestufen automatisch in Gruppe 2 landen. Ohne Prüfung.

Bisher, sagt Homburg, wisse er noch nicht, wann er geimpft werden könne. Er wolle weiterkämpfen. Immerhin, sagt er, habe das Gesundheitsministerium auf die Petition reagiert, ziemlich knapp, in wenigen Sätzen. Man nehme das Anliegen „sehr ernst“, doch solange der Corona-Impfstoff knapp sei, müsse bei der Vergabe priorisiert werden. Für ein Gespräch im Ministerium, wie sonst üblich bei Petitionen, sei derzeit leider keine Zeit.