Corona - Erste Produkte für den Hausgebrauch kurz vor der Zulassung – Experten erhoffen sich viel davon Mehr Freiheit durch Selbsttests?

Von 
Julia Emmrich
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Schnelltests soll es künftig nicht mehr nur in der Apotheke geben oder im Testcenter, sondern auch zuhause. © dpa

Berlin. Zähneputzen, Morgengymnastik, Corona-Test. So könnte für Millionen Bundesbürger der Start in den Tag aussehen. Voraussetzung: zuverlässige und bezahlbare Selbsttests für Laien, die in gigantischer Stückzahl produziert werden. Die ersten dieser Tests stehen jetzt kurz vor der Zulassung – bei Preis und Menge aber gibt es noch große Fragezeichen. Können uns Selbsttests die Freiheit zurückbringen?

Wie funktionieren Selbsttests eigentlich?

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Bislang sind in Deutschland nur Schnelltests für den professionellen Einsatz zugelassen: In der Regel Antigen-Tests, die über einen Abstrich mit einem Stäbchen tief in der Nase oder im Rachen funktionieren. Bei den Selbsttests dagegen sind nun auch Gurgel- und Spucktests im Gespräch sowie Tests, bei denen der Abstrich weiter vorn in der Nase entnommen wird und die deutlich einfacher anzuwenden sind.

Muss der Selbsttest auch noch ins Labor?

Während man bei Abstrich- und Spuck-Tests das Ergebnis nach wenigen Minuten vor Ort sieht, muss die Gurgelflüssigkeit im Labor untersucht werden. Wichtig zu wissen: Schnelltests sind dafür geeignet, eine hohe Virenlast nachzuweisen. Das bedeutet, dass Personen, die stark ansteckend sind, gut erkennbar sind – umgekehrt aber auch, dass Infektionen mit geringer Virenlast unerkannt bleiben können. Zudem sind die Tests immer nur eine Momentaufnahme – schon am nächsten Tag kann die Viruslast bereits gestiegen und nachweisbar sein, ein negativer Test heißt also nicht, dass man das Virus nicht schon in sich trägt.

Wann ist mit Zulassungen zu rechnen?

Aktuell sind bis zu 30 Selbsttest-Kandidaten für den Privatgebrauch im Zulassungsprozess beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Im Moment prüft das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Studiendaten zur Anwendung und Zuverlässigkeit. Während in Österreich Selbsttests bereits zum Alltag gehören, rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit ersten Zulassungen „nicht vor März“.

Gibt es dabei Risiken?

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht die Sache mit gemischten Gefühlen: Für eine Zulassung komme es auf die Qualität an, denn wenn die Tests viele falsch negative Ergebnisse liefern sollten, „dann steckt darin auch ein Risiko“. Auch Ärztevertreter sehen diese Gefahr und mahnen deswegen gut aufbereitete und verständliche Informationen für die Anwendung der Tests und für die Interpretation der Testergebnisse an. „Negative Testergebnisse dürfen nicht zu einer Scheinsicherheit führen und zu einem sorglosen Umgang mit den Gefahren des Virus verleiten“, warnt Ärztepräsident Klaus Reinhardt. Andere Experten dagegen argumentieren, eine hundertprozentige Sicherheit sei nicht notwendig. Es reiche möglicherweise, wenn 90 Prozent der Menschen, die das Virus weitertragen können, rechtzeitig durch den Test erkannt werden könnten.

Wie viele Tests sind lieferbar?

Beim Medizintechnikhersteller Nal von Minden machen sie sich große Hoffnungen auf eine Zulassung: Bereits jetzt stellt das mittelständische Unternehmen mit Sitz am Niederrhein jeden Monat 80 Millionen Antigen-Schnelltests für professionellen Einsatz her, das Land Berlin ist einer seiner Großkunden. Sollte das BfArM im März auch den Selbsttest (per Abstrich im vorderen Nasenbereich) zulassen, könnten sie auf Anhieb monatlich 30 bis 40 Millionen Tests ausliefern, sagte eine Sprecherin dieser Redaktion.

Gibt es eine Verschreibungspflicht?

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Fest steht: Eine Apothekenpflicht soll es für die Selbsttests nicht geben, sie können auch über Drogeriemärkte oder andere Läden verkauft werden. Eine Erstattung durch die Krankenkasse ist ebenfalls nicht geplant. Unklar ist dagegen noch, ob die Selbsttests in die nationale Teststrategie aufgenommen und dann auch staatlich gefördert werden.

Wie viele Selbsttests wären überhaupt nötig?

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Damit sich rund 80 Millionen Bundesbürger regelmäßig testen können, wären Milliarden Selbsttests nötig. Martin Walger, Geschäftsführer des Verbands der Diagnostica-Hersteller, ist optimistisch: Die Erfahrungen mit Antigen-Tests für den professionellen Einsatz hätten gezeigt, dass die industriellen Hersteller schnell in der Lage seien, qualitativ hochwertige Tests in größeren Mengen zu liefern. „Dies wird auch nach erfolgter Zulassung für Antigen-Schnelltests für den Laiengebrauch der Fall sein“, sagte Walger.

Was ist, wenn es zu wenige Tests gibt?

Die SPD fordert von Spahn rasches Handeln: Nach einer Zulassung müsse der Bund Geld in die Hand nehmen, um als Erstes Schulen und Kitas mit den Selbsttests auszustatten, forderte Fraktionsvize Bärbel Bas. „Wir dürfen nicht erneut wie beim Impfen Schlusslicht einer Entwicklung werden, die uns aus der Krise helfen könnte“, warnte sie. Grünen-Chef Robert Habeck verlangte eine staatliche Abnahmegarantie für die Hersteller. Ärztepräsident Reinhardt warnt vor sozialen Schieflagen: Corona-Schnelltests für den Eigengebrauch könnten echte Erleichterungen schaffen, sagte Reinhardt dieser Redaktion. Nicht nur in Schulen und Kitas, auch bei der schrittweisen Öffnung von Kulturveranstaltungen und für den Freizeitsport. Voraussetzung sei aber, „dass ausreichend Tests zur Verfügung stehen und dass sie für alle Menschen bezahlbar sind.“ Keinesfalls dürfe es zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten zu sozialer Ausgrenzung kommen, weil sich Einkommensschwache die Tests nicht leisten könnten.

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