Pandemie - Portugal hat die höchste Ansteckungsrate weltweit / Vor allem die britische Mutante verbreitet sich rapide / Am Sonntag ist Präsidentenwahl Lissabons Krankenhäuser am Limit

Von 
Ralph Schulze, Michael Backfisch
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Madrid/Lissabon. Die Leichenhalle des Krankenhauses Barreiro Montijo in Lissabon ist voll. So voll, dass vor dem Hospital zwei Kühlcontainer aufgestellt wurden. Dort sollen die Corona-Toten bis zur Bestattung gelagert werden. Immer mehr an Covid-19 erkrankte Menschen sterben in Portugal, weil es auf den Intensivstationen keine freien Betten mehr gibt. „Die Krankenhäuser befinden sich am Limit“, sagt Gesundheitsministerin Marta Temido. Deswegen werden nun im ganzen Land Feldlazarette aufgebaut. Zwei wurden in der Hauptstadt Lissabon installiert: auf dem Uni-Campus und auf dem Trainingsgelände des nationalen Fußballverbandes.

Die 89-jährige Rosa Gordo übergibt in ihrem Altenheim in Montijo südlich von Lissabon ihren Stimmzettel für die Präsidentschaftswahlen. © dpa
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Man müsse inzwischen vielerorts die „Triage“ anwenden, sagt Miguel Guimarães, Chef der Ärztekammer. Es ist das, was Mediziner unter allen Umständen vermeiden wollen: Wenn es für zwei Notfallpatienten nur ein Beatmungsgerät gibt, müssen Ärzte entscheiden, wer die besseren Überlebenschancen hat.

Derzeit rollt ein Corona-Tsunami über Portugal. Das Land am Atlantik wurde zum aktuell schlimmsten Hotspot der Welt, was die Zahl der Neuansteckungen angeht. Nach Berechnungen der Johns-Hopkins-Universität gab es zuletzt pro 100 000 Einwohnern 750 Neuinfektionen binnen sieben Tagen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist damit fast sieben Mal so hoch wie in Deutschland.

Täglich kommen momentan annähernd 14 000 neue Infektionsfälle hinzu. Alle 24 Stunden werden derzeit mehr als 200 neue Corona-Tote gemeldet. Die Situation sei „dramatisch“, warnt der sozialistische Regierungschef António Costa. Fachleute sind alarmiert: Vor allem die britische Virusmutation wirkt als Infektionstreiber. „Vergangene Woche hatte die britische Mutation einen Anteil von acht Prozent an allen Fällen. Diese Woche sind es 20 Prozent. Und nach den Prognosen können es bald 60 Prozent sein“, so Costa.

Viele Briten leben im Land

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Ein Dominoeffekt: Mehr als 30 000 Briten leben in Portugal. Kontakte mit der alten Heimat lassen die Corona-Zahlen nach oben schießen. Der britische Erregertyp B.1.1.7 ist auf dem Weg, zur vorherrschenden Variante in dem Küstenland zu werden. „Dieser Virusstamm breitet sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit aus“, diagnostiziert Maria João Brito, Chef-Epidemiologin des Lissaboner Krankenhauses Dona Estefânia. In ganz Europa ist man besorgt, auch in Deutschland. Das Worst-Case-Szenario, das jeder vermeiden will: Die britische Virusmutante schwappt über die eigene Landesgrenze, facht die Zahl der Neuinfektionen extrem an und macht die Pandemie unkontrollierbar.

Im Frühjahr war noch alles anders. Während der ersten Corona-Welle wurde Portugal als Musterknabe gefeiert. Ein Land, das dank einer disziplinierten Bevölkerung und vorausschauenden Regierung im Anti-Viren-Kampf alles richtig gemacht hatte, so die Lobeshymne. Doch möglicherweise hat die Nation am Südwestzipfel Europas zu sehr darauf vertraut, dass sie auch diese neue Viruswelle nur am Rande streifen würde. Über Weihnachten und Silvester fanden zudem viele Familien- und Freundestreffen in Privaträumen statt. Bars und Restaurants waren geöffnet. Sicherheitsabstand? Maskenpflicht? Fehlanzeige.

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Ausgerechnet inmitten der Virusexplosion finden am Sonntag in Portugal die Präsidentenwahlen statt. Ein Urnengang, bei dem neun Millionen Berechtigte zur Stimmabgabe aufgerufen sind. Spät und nach langem Zögern hatte die Regierung das Land in der vergangenen Woche in den Lockdown geschickt: Gastronomie, Einzelhandel und Schulen sind geschlossen. Die Menschen dürfen nur aus „zwingend notwendigen“ Gründen vor die Tür. Inzwischen gibt Premier Costa zu, dass es ein Fehler war, über Weihnachten und Silvester die Zügel lockerzulassen.

Auch Spanien arg getroffen

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In Spanien mit seinen 47,3 Millionen Einwohnern nahm die lockere Corona-Tour einen ähnlich verhängnisvollen Ausgang. Das Königreich liegt im globalen Corona-Ranking der Johns-Hopkins-Universität ebenfalls auf den vorderen Plätzen.

27 000 Menschen liegen mit Covid-19-Erkrankungen in den Hospitälern. Davon befinden sich 3700 auf den Intensivstationen. Auch in Spanien scheint sich der laxe Umgang mit der Epidemie zu rächen. In Madrid gab es in den letzten Monaten keine nennenswerten Einschränkungen. Spaniens staatlicher Chef-Epidemiologe, Fernando Simón, drückte es so aus: „Vielleicht haben wir es mehr krachen lassen, als es angebracht gewesen wäre.“