Pandemie - Öffnen und testen – so macht es Österreich / An den Grenzen schottet sich die Alpenrepublik ab Kunden strömen wieder

Von 
Stefan Schocher
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Die Einkaufstaschen sind wieder voll: Kunden gehen über den Stephansplatz in der Wiener Innenstadt. © dpa

Wien. Die Schlange vor dem Outlet-Store in der Mariahilfer Straße in Wien ist gut 200 Meter lang. Viele warten eine Stunde oder länger in der Kälte. „Wegen des Valentinstags sind wir hier“, sagt ein Mann um die 30. Seine Freundin hat sich bei ihm untergehakt und grinst. Am Eingang vor dem Outlet-Laden steht ein Mann in gelber Warnweste mit einem Zähler in der Hand. Geht einer raus, darf einer rein.

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Seit Montag gilt in Österreich nach sechs Wochen hartem Lockdown wieder ein weicher Lockdown. Alle Geschäfte und viele Dienstleistungsbetriebe sind nun wieder auf. Auch der Friseurbesuch ist nun möglich, allerdings nur bei Vorlage eines negativen Corona-Tests. Die Schulen öffnen auch ihre Pforten.

Allerdings geht der weiche Lockdown mit punktuellen Verschärfungen einher: Für alle Innenbereiche, etwa Supermärkte, gelten seit Montag strengere Abstandsregeln sowie FFP2-Maskenpflicht. Alle Grundschüler werden künftig zweimal pro Woche getestet – nur für sie beginnt der Präsenz-Unterricht in vollem Umfang. Alle älteren Kinder werden künftig in Schichten unterrichtet. Zugleich werden die Einreisebestimmungen verschärft.

Für den Handel – mit Ausnahme von Supermärkten, Drogerien, Apotheken und Tabakläden – sind das also die ersten Verkaufstage nach Weihnachten. Der Umtausch der Weihnachtsgeschenke war bislang nicht möglich. Kurz nach den Feiertagen fielen die Rollläden.

Die große Rabattschlacht

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Nun kommt es zur großen Rabattschlacht: Minus 30 Prozent gibt es auf Schulartikel, minus 50 Prozent auf Jacken und Mäntel. Auch bei Möbeln, Sportsachen und Elektronik wurden die Preise heruntergesetzt. Vor Weihnachten hatten die Bilder von vollgepackten Parkplätzen vor Einkaufs-Zentren sowie von langen Schlangen vor Läden für Unmut in der Politik gesorgt.

Der Handel entschuldigte sich diesmal gleich im Voraus. Wie der Handels-Obmann in der Wirtschaftskammer, Rainer Trefelik, schon vor Öffnung der Läden sagte, „wird es ohne Rabatte nicht gehen“. Die Lager sind voll, der Handel geht unter in Lagerbeständen. Laut dem Spartensprecher rechnet die Branche auch weiter mit hohen Verlusten, weil durch die Hygienevorschriften die Anzahl der Kunden deutlich reduziert werde. Denn von Montag an gilt: Pro 20 Quadratmeter Verkaufsfläche darf es nur einen Kunden geben.

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Damit hat man in einem kleinen Modeladen in der Neubaugasse kein Problem. Auf die neue Flächen-Regel angesprochen lacht die Verkäuferin hinter der Theke und sagt: „Da darf dann nur ein halber Kunde rein.“ In ihrem Laden sei ohnehin selten mehr als ein Kunde.

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Problematischer dagegen sind die Dienstleistungsgeschäfte. Friseure etwa. Denn es gilt: Erst Corona-Test, dann waschen, schneiden und legen. Es obliegt den Coiffeuren, die Test-Gültigkeit zu kontrollieren. Fraglich ist, ob das greifen wird.

Nicht gegriffen haben jedenfalls die Überlegungen des Gesundheitsministeriums mit Blick auf Tirol. Dort haben sich große Cluster mit der südafrikanischen Mutation des Virus gebildet. Auch von einer Tiroler Mutation ist die Rede. Angedacht worden waren in Wien Maßnahmen von einer lokalen Verlängerung des Lockdowns bis hin zu einer Abriegelung des Bundeslandes. In Tirol allerdings kamen diese Planspiele weniger gut an: kategorische Ablehnung von allen Seiten. Am Sonntag sollte entschieden werden. Wurde aber nicht. Und so kroch auch Tirol am Montag aus dem Lockdown.

Das Land legte ein Maßnahmenpaket vor. Zentraler Punkt: Künftig soll die Benutzung von Seilbahnen nur mit einem negativen Covid-Test erlaubt sein. Auch soll die Einhaltung der anderen Maßnahmen verstärkt überwacht werden. Nur: Das Vertrauen Wiens gegenüber Tirol ist begrenzt angesichts der bisher aufgetretenen Schlupflöcher.

Man sei gesprächsbereit, heißt es nun aus Innsbruck. Faktisch hat sich Tirol in der Sache stillschweigend gegen Wien durchgesetzt. Welche epidemiologischen Folgen das haben wird, ist nicht abzusehen. Rückendeckung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Gerangel mit den ÖVP-Parteifreunden in Tirol dürfte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) nicht erhalten haben. Kurz, der sich gerne einmischt, wenn es etwas zu gewinnen gibt, wies alle Verantwortung Anschober zu.

Die Pisten bleiben damit also offen. Der Handel jammert nicht mehr allzu laut. Auf der Mariahilfer Straße werden Take-Away-Pommes und Bekleidung gekauft, als gäbe es kein Morgen. Was bleibt, ist der Blick auf die Zahlen. So viel hat Anschober jedenfalls angekündigt: Diese neue Normalität endet bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200. Derzeit liegt Österreich bei 107,6. Zuletzt aber hielt sich diese Zahl trotz Maßnahmen stabil und ging kaum zurück.

Das könnte an Mutationen liegen, aber auch an einer zuletzt um sich greifenden Disziplinlosigkeit der Österreicher. Durchaus möglich, dass die neuen Regeln mit leichten Öffnungen eher akzeptiert werden und daher besser greifen. Ein Blick auf die Mariahilfer Straße ernüchtert: Vor einem Buchladen steht einer der Verkäufer, um den Zustrom in das Geschäft zu regulieren.

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