Interview - Entwicklungsminister Gerd Müller kündigt massive Investitionen an – und wirbt für den Tourismus „Kaum Impfungen in Afrika“

Von 
Jochen Gaugele
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Eine Ärztin wartet auf Patienten, die zu einem Covid-19-Test in die Ndlovu-Klinik, 200 km nordöstlich von Johannesburg (Südafrika), kommen. © dpa

Berlin. Es wird eine Premiere für US- Präsident Joe Biden, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrieländer (G7) an diesem Freitag zu einem virtuellen Gipfel zusammenschalten. Dabei geht es um die Pandemiebekämpfung, gerade in Entwicklungsländern. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagt im Interview mit dieser Redaktion, welchen Beitrag Deutschland leistet.

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Herr, Müller, wie schlimm wütet Corona in den ärmsten Ländern?

Der Katholik



Gerd Müller wurde am 25. August 1955 in Krumbach (Bayern) geboren.

Sein Abitur hat Müller auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Er studierte Pädagogik, Psychologie sowie Politik- und Wirtschaftswissenschaften.

Von 1989 bis 1994 gehörte der CSU-Politiker dem Europäischen Parlament an, seit 1994 ist er Mitglied des Bundestags und seit gut sieben Jahren Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Müller ist katholisch, verheiratet und hat zwei Kinder. ZRB

Gerd Müller: Das Virus hat auf dem ganzen Globus zugeschlagen und trifft die Ärmsten am härtesten. Afrika und auch Lateinamerika sind sehr stark betroffen, Mexiko hat 175 000 Tote zu beklagen. Wir müssen verstehen, dass wir Corona nur mit einer weltweit abgestimmten Strategie besiegen können. Wenn wir uns allein auf Deutschland und die Industriestaaten konzentrieren, werden wir noch Jahre mit der Pandemie zu tun haben.

Können Sie die Lage in Afrika beschreiben?

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Müller: Obwohl die Zahlen deutlich ansteigen, wütet das Virus in Afrika mit seiner jungen Bevölkerung nicht so dramatisch wie ursprünglich befürchtet. Aber die Auswirkungen des Lockdowns haben die Menschen verheerend getroffen. Die Logistik ist zusammengebrochen, Nahrungs- und Medikamentenketten sind abgerissen. 300 Millionen Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. In Afrika fehlen Arzneimittel für Malaria, Tuberkulose, Aids. Die Kranken können nicht mehr versorgt werden. Die Entwicklung zeigt, dass auf dem afrikanischen Kontinent zwei Millionen Menschen an den Folgen des Lockdowns sterben werden.

Wird dort inzwischen geimpft?

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Müller: Impfen ist der Weg aus der Pandemie. Allerdings haben sich die reichen Industriestaaten zwei Drittel der weltweit verfügbaren Impfdosen gesichert, die 16 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Und ganze 0,5 Prozent der Impfungen fanden bisher in den ärmsten Ländern statt. In Afrika hat es – mit Ausnahme von Südafrika – so gut wie keine Impfungen gegeben. Das kann und darf nicht sein. Aus humanitären Gründen und im eigenen Interesse ist der weltweite Zugang zu Impfstoffen nötig.

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In Südafrika, wo sich eine Virusvariante ausbreitet, hat sich das Vakzin von Astrazeneca als wenig wirksam erwiesen. Ist die Impfkampagne gestoppt?

Müller: Es geht darum, die Wissenschaftler der Welt und ihre Forschungsergebnisse stärker zu vernetzen, um alle Synergien zur Weiterentwicklung wirksamer Impfstoffe zu nutzen. Nur so können wir die passenden Antworten auf Virusvarianten in unterschiedlichen Weltregionen geben. Die G7-Staaten und die EU sollten dazu ein globales Forschungs- und Entwicklungsprogramm auflegen und die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem Weltpandemiezentrum ausbauen.

Warum engagiert sich Deutschland dafür nicht stärker?

Müller: Deutschland geht voran. Mit unserem weltweiten Corona-Sofortprogramm – drei Milliarden Euro im vergangenen Jahr – haben wir Diagnostik und Laborkapazitäten in Entwicklungsländern ausgebaut, Notfallkrankenhäuser gebaut und die Ernährung von Millionen Menschen sichergestellt. Die Kanzlerin wird beim G7-Gipfel eine erhebliche Verstärkung der Mittel bekannt geben. Dafür bin ich dankbar. Wir stärken damit die globale Impfplattform Covax. Diesem Zeichen müssen sich die Europäer und die G7 anschließen. Das Ziel muss sein, bis Jahresende mindestens 20 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern gegen das Coronavirus zu impfen. Dazu fehlen im Augenblick 27 Milliarden Euro. Das ist inakzeptabel. Eine weltweite Impfkampagne darf nicht am Geld scheitern.

Eine Impfquote von 20 Prozent klingt nicht sehr ambitioniert.

Müller: Das ist ein wichtiger Anfang – eine Milliarde Menschen werden geimpft. Das Durchschnittsalter liegt in Afrika bei 20 Jahren. Mit einer Impfquote von 20 Prozent könnten alle Älteren und das Gesundheitspersonal komplett durchgeimpft werden. Aber wir müssen auch an morgen denken – die Viren mutieren. Die Pandemie ist ein Weckruf, Strukturen für kommende Herausforderungen zu schaffen. Notwendig ist der Aufbau von Produktionskapazitäten in den Entwicklungsländern durch eine Lizenzproduktion von Impfstoffen und den Transfer von Technologien. Das geht nur in internationaler Kooperation.

Viele Entwicklungsländer leben vom Tourismus. Welche Aussichten haben sie in diesem Jahr?

Müller: Ich mache mir große Sorgen. Unsere Tourismusbranche zu Hause ist hart getroffen. Auch in den Entwicklungsländern ist der Tourismus eine Schlüsselbranche und häufig wichtigste Einnahmequelle und Arbeitgeber. Beispiel Namibia: Es brechen jetzt Strukturen zusammen, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Der Tourismus trägt auch massiv dazu bei, Artenschutz und Naturschutz zu finanzieren. Die 54 afrikanischen Länder dürfen nicht pauschal als Risikogebiet eingestuft werden. Wer sagt, dass Reisen nach Afrika grundsätzlich nicht möglich sind, gefährdet Natur- und Tierschutz und den Weg aus der dramatischen Wirtschaftskrise.

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