Pflege - Hilfskräfte aus dem Ausland fallen weg – so wird Versorgung zu Hause besonders schwierig / Heime sollten sich auf Anfragen vorbereiten, sagt Experte Michael Isfort „Jetzt kommt die Betreuungskrise“

Von 
Joana Rettig
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Viele Pflegebedürftige werden von ausländischen Kräften betreut. © dpa

Mannheim/Köln. Ein Pflegenotstand in Zeiten des Coronavirus? „In der Pflegekrise sind wir seit Jahren“, sagt Michael Isfort, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln. „Jetzt kommt die Betreuungskrise.“ Noch sei die Situation in Altenheimen relativ entspannt. Aber: Viele Menschen würden zu Hause gepflegt, und zwar von Hilfskräften aus dem ost- und mitteleuropäischen Ausland. Die meisten fallen durch geschlossene Grenzen oder extreme Auflagen nun weg.

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In Deutschland gibt es laut dem Statistischen Bundesamt etwa 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Dreiviertel davon, so Isfort, würden zu Hause gepflegt. Und die Hälfte von der Familie. „Das bedeutet zu großen Teilen, dass sie von ebendiesen Hilfskräften aus dem Ausland betreut werden“, erklärt er. Viele Familien nutzten das Pflegegeld, um jemanden anzustellen, der sich kümmert. „Das sind meist Frauen zwischen 40 und 55 Jahren mit Familie zu Haue“, sagt Isfort. Oft, so Isfort, würde dieser Job aber in Schwarzarbeit gemacht. „Und das ist das Gefährliche“, erklärt er. „Jetzt sind die Grenzen dicht, viele können nicht wiederkommen – und eine Familie wird kaum zum Amt gehen und zugeben, dass sie jahrelang jemanden illegal beschäftigt hat.“ Eine Grauzone also, die es schwierig macht, Notleidende zu finden.

Im Normalfall wechselten sich die Hilfskräfte alle drei Monate ab. Das geht nun aber nicht mehr. „Es verlängern nun einige ihre Einsatzzeit, damit sie weiter unterstützen können – das zeugt von großer Solidarität“, sagt Isfort. Aber trotzdem: Es sei schwer, jetzt diejenigen zu finden, die Hilfe brauchen. „Wir müssen vermeiden, dass wir Türen aufmachen und sehen: Da hätte jemand versorgt werden müssen.“

Wie kann man gegensteuern? Isfort fordert, dass die Grenzregelung für Hilfskräfte aus dem ost- und mitteleuropäischen Ausland gelockert wird. Außerdem: „Die Altenheime müssen gut vorbereitet sein“, sagt der Forscher. „Es werden nun viel mehr Anfragen kommen.“ Dabei müsse auch der Gesetzgeber unterstützen. Es müssten Kapazitäten geschaffen werden. Und Gesetze gelockert. Etwa sollten Doppelzimmer wieder zugelassen werden. „Das ist für Menschen in Pflegeheimen natürlich nicht komfortabel, aber wir befinden uns in einer Krise. Da können wir nicht nach der Norm arbeiten.“ Außerdem sollten die ambulanten Pflegedienste bei Patienten nachfragen, sich bei den Familien umhören, damit so wenige wie möglich unbetreut blieben.

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Aber auch die Dienste kommen zurzeit in Schwierigkeiten. In Deutschland gebe es rund 15 000 ambulante Agenturen. Ein Mitarbeiter habe am Tag zwischen zehn und 15 Patientenkontakte. Hier sei es besonders wichtig, die Beschäftigten mit dem richtigen Material auszustatten. „Sie sind Multispreader“, erklärt Isfort. Das heißt: Kommt ein Mitarbeiter in Kontakt mit einem Corona-Infizierten und steckt sich selbst an, trägt er die Krankheit weiter – und zwar in unterschiedliche Haushalte. „Die Pflegedienste waren auf eine solche Krankheit natürlich nicht ausgerichtet.“ Diese Ausstattung sei eine zusätzliche finanzielle Belastung.

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Von
Angela Boll
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