Studie - Diskriminierung macht Schwule, Lesben und Transmenschen krank Homosexuelle öfter depressiv

Von 
Theresa Martus
Lesedauer: 

Berlin. Am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche, im Alltag – es gibt viele Situationen, in denen Menschen, die anders lieben als die Mehrheit in Deutschland, fürchten müssen, Diskriminierung zu erleben. Viele bewegen sich deshalb in ständiger Wachsamkeit – und einige von ihnen werden darüber krank. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die dieser Redaktion vorliegt. Danach haben Menschen, die Teil der LGBTQI-Community sind, ein deutlich höheres Risiko, an bestimmten psychischen, aber auch physischen Leiden zu erkranken.

Viele queere Menschen leiden unter Diskriminierung. Feiernde gehen mit einer Pride Flagge zum Münchner Marienplatz. © dpa

Negative Erfahrungen

Was heißt LGBTQI?

Die Abkürzung LGBTQI kommt aus dem englischsprachigen Raum und steht für „lesbian, gay, bisexual, trans, queer und inter“ – unter diese Definition fallen also lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, queere und auch intersexuelle Menschen.

Die Gruppe umfasst alle, die nicht heterosexuell sind und/oder sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, dem sie bei Geburt zugeordnet wurden. Auch Menschen, die sich einem weiteren oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen, schließt sie ein. ZRB

AdUnit urban-intext1

„LGBTQI“ ist eine Abkürzung, die eine große Gruppe von Menschen umfasst: Schwule Männer und lesbische Frauen, bisexuelle Personen, Menschen, die nicht dem Geschlecht angehören, dem sie bei der Geburt zugeordnet worden, und die, die sich gar nicht innerhalb des gängigen Systems von zwei Geschlechtern verorten. Als Sammelbegriff wird häufig auch das Adjektiv queer verwendet. Trotz Bemühungen um Gleichstellung und tatsächlichen Fortschritten erleben viele Menschen aus der LGBTQI-Gemeinschaft immer noch Zurückweisung. Und diese mache sie krank, so die Untersuchung des DIW. Sowohl negative Erfahrungen selbst als auch die ständige Wachsamkeit, die daraus entsteht, würden sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken.

Für die Studie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten des Sozio-ökonomischen Panels, einer Wiederholungsbefragung von Privathaushalten, und einer Online-Befragung ausgewertet. Dabei zeigen sich je nach sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität Unterschiede: So wurde bei 26 Prozent der Befragten aus der LGBTQI-Gemeinschaft schon einmal eine depressive Erkrankung diagnostiziert.

Bei jenen, die heterosexuell sind und sich mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei Geburt zugeordnet wurden, waren es dagegen nur knapp zehn Prozent. Unter Schlafstörungen leiden demnach rund 15 Prozent der queeren Befragten, unter Burn-out knapp acht Prozent. Die Anteile liegen damit im Vergleich doppelt und fast dreifach so hoch wie in der Vergleichsgruppe. Auch von Einsamkeit berichten queere Befragte deutlich häufiger. 2019, so die DIW-Studie, war der Anteil von LGBTQI-Menschen, die länger als sechs Wochen krankgeschrieben waren, fast doppelt so hoch wie unter heterosexuellen Personen.

AdUnit urban-intext2

Besonders transgeschlechtliche Personen haben häufig mit psychischen Problemen zu kämpfen: Während unter den queeren Menschen insgesamt knapp jede zehnte befragte Person von Angststörungen berichtete, lag dieser Anteil unter der Untergruppe der transgeschlechtlichen Befragten bei 39 Prozent. Der Anteil derer, die von Essstörungen betroffen sind, war in dieser Gruppe dreimal so hoch wie im Durchschnitt der queeren Menschen.

Doch es sind nicht nur mentale Belastungen, unter denen die LGBTQI-Gemeinschaft häufiger leidet: Auch an bestimmten stressbedingten körperlichen Leiden erkranken sie öfter als andere. So berichteten queere Menschen fast doppelt so oft von Herzkrankheiten und Migräne wie andere Befragte. Während nur zwölf Prozent der Bevölkerung an chronischen Rückenschmerzen leiden, waren es unter queeren Menschen 17 Prozent. Bei Krebs, Schlaganfällen, Bluthochdruck und Gelenkerkrankungen waren die Unterschiede statistisch nicht signifikant.

AdUnit urban-intext3

Überrascht hätten sie die Ergebnisse nicht, sagt die Soziologin Mirjam Fischer, eine der Autorinnen des Berichts. „Die Studie bestätigt belastbar für Deutschland, was internationale Forschung bereits gezeigt hat.“ Der Stress, der Betroffene krank macht, entstehe einerseits durch direkte Diskriminierung und Ablehnung von außen, andererseits dadurch, dass man diese Ablehnung antizipiere und fürchte. Durch die Pandemie könnte sich die Situation noch verschärfen, fürchtet Fischer: „Wenn wir uns dann anschauen, dass LGBTQI-Menschen sich schon so viel öfter einsam fühlen, kann man leider davon ausgehen, dass sich das zugespitzt hat.“