Jörg Quoos zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Die Politik muss sich endlich ehrlich machen Gescheitert

Von 
Jörg Quoos
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Fast 20 Jahre sind Bundeswehrsoldaten schon in einem militärischen Einsatz in Afghanistan. Keine Auslandsmission hat bislang so viele Tote und so viel Geld gekostet wie die am Hindukusch, knapp 5000 Kilometer von deutschem Boden entfernt. Jetzt stellt sich gemeinsam mit der neuen US-Administration die Frage: bleiben oder abziehen?

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Aus militärischer Sicht gibt es darauf nur eine Antwort. Auch nach fast zwei Dekaden hat sich keine stabile demokratische Zivilgesellschaft in Afghanistan entwickelt. Daher ist das langfristige Ziel des Einsatzes verfehlt. 59 deutsche Soldaten ließen ihr Leben, auch unzählige unschuldige Zivilisten starben.

Jedes Jahr verschlingt der Einsatz eine halbe Milliarde Euro an Steuergeldern, und eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Der Einfluss der Taliban ist wieder stärker geworden. Korrupte Kasten vergreifen sich an Hilfsgeldern, der Dorfälteste hat immer noch mehr zu sagen als der Dorfpolizist. Frauen, die sich in die Politik einmischen, setzen ihr Leben aufs Spiel.

Hätten allein die Generäle das Sagen, wären die deutschen Truppen längst wieder in der Heimat und aus Afghanistan abgezogen. Schon vor zehn Jahren urteilte der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, enttäuscht: „Wenn man das Ziel zum Maßstab nimmt, ein Land und eine Region zu stabilisieren, dann ist dieser Einsatz gescheitert.“

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Es ist die Politik, die sich bei diesem gefährlichen Mandat von Verlängerung zu Verlängerung hangelt. Und es war der verstorbene SPD-Verteidigungsminister Peter Struck, der Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigen wollte und dafür viel Zuspruch fand. Aber wer diese Verteidigung auch heute noch will, muss bereit sein, für immer zu bleiben. Das ist eine bittere Wahrheit – und kein Politiker wagt es, sie offen auszusprechen.

Der Punkt für einen geordneten Abzug ist längst verpasst. Es hätte ihn gegeben – nach dem Ausschalten der gefährlichsten Terrorkräfte nach den Anschlägen vom 11. September. Aber der Anspruch, mit Waffengewalt und viel Geld aus Afghanistan ein blühendes demokratisches Land zu machen, war ehrenhaft, jedoch nicht zu erfüllen.

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Wenn das Volk in 20 Jahren nicht in der Lage ist, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, können es fremde Soldaten schon gar nicht schaffen. Und auch das Geld hat in Afghanistan nur begrenzte Macht. Mit über 130 Milliarden Dollar haben die Vereinigten Staaten inflationsbereinigt mehr Geld nach Afghanistan gepumpt als mit dem Marshallplan in den Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Ergebnis ist erschreckend mager.

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Das große Afghanistan-Dilemma ist: Ein heutiger Abzug hat genauso große Nachteile wie die Fortsetzung der gefährlichen Mission. Ein von den Taliban zurückerobertes und regiertes Afghanistan wäre der gleiche Nährboden, der Osama bin Laden und seine Todesflieger hervorbrachte. Das Ende der internationalen militärischen Präsenz bedroht die zarten demokratischen Kräfte, raubt dem Land die letzte Hoffnung auf eine sichere Zukunft und macht für Mädchen, die Bildung wollen, den Schulweg wieder zur tödlichen Falle.

Kurzum: Es wäre fast alles umsonst gewesen. Genau das macht eine Entscheidung über den Abzug so schwer. Ob die Bundeswehr und andere verbündete Armeen bleiben oder abziehen – die Konsequenzen werden in jedem Fall schwer wiegen und weiteres Blutvergießen kosten.

In Afghanistan bestätigt sich einmal mehr ein alter militärischer Grundsatz, aus dem in der Politik bis heute niemand gelernt hat: Bevor du in ein Land einmarschierst, musst du stets einen guten Plan haben, wie du wieder herauskommst.