Bildung - Laut einer aktuellen Umfrage wünschen sich Schüler mehr Digitalisierung – doch das virtuelle Klassenzimmer hat seine Tücken Frühstücken, Anziehen, Lernzeit, Kreativzeit

Von 
Stefanie Ball
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Nicht alle Eltern haben Zeit, ihren Kindern bei Aufgaben zu Hause zu helfen. © dpa

Mannheim. Seit Mitte März haben in ganz Deutschland die Schulen geschlossen und seitdem läuft unter dem Titel „Homeschooling“ ein großes bildungspolitisches Experiment – mit vielen Unbekannten.

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Problem Nummer eins: der Tagesablauf. Während die Kultusministerien betonen, Strukturen seien wichtig, es sei aber nicht Aufgabe der Schulen dafür zu sorgen, haben manche Schulen dennoch einen Plan entworfen. Zum Beispiel das Mannheimer Bach-Gymnasium: „Frühstücken, Bett machen, Anziehen, Zimmer in Ordnung bringen“, heißt es unter Punkt 1 „Aufwachen“. Von neun bis elf Uhr folgt die Lernzeit, später gibt es die Bewegungszeit, Mittagszeit, Kreativzeit und am Ende des Plans heißt es: Bettzeit. Verbände wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft betonen, dass viele Eltern mit dieser Aufgabe überfordert seien; manche wären auch gar nicht zu Hause, weil sie arbeiten müssten.

Problem Nummer zwei: die Lerninhalte. Wie diese zu den Kindern gelangen, ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Manche Schulen, vor allem die Grundschulen, haben den Kindern sämtliche Bücher mitgegeben und Wochenpläne entworfen. Dort steht dann für jeden Tag, was zu tun ist: Lesen, Rechnen, Schreiben. Andere Schulen kommunizieren mit ihren Schülern per E-Mail oder aber schicken das Material per Post. Daneben existieren Portale wie etwa „Moodle“, wo Lehrkräfte Materialien und Aufträge einstellen sowie Lerngruppen einrichten und Arbeiten der Schüler entgegennehmen können. Einige Schulen hatten diese Portale schon vor Corona, haben sie aber selten genutzt.

Problem Nummer drei: die Gestaltung des virtuellen Unterrichts. Der Lernumfang schwankt von Schule zu Schule – zwischen einer Stunde und vier bis fünf Stunden. Der Schwerpunkt liegt auf der Wiederholung, es werden aber auch neue Themen begonnen. Es gibt Lehrer, die in selbstgedrehten Videos Stoff präsentieren, andere laden zu einer virtuellen Klassenkonferenz ein, wieder andere lassen schlicht Aufgaben aus dem Buch erledigen. Ob die Schüler das tun, bleibt offen, zumal wenn die Ergebnisse nicht kontrolliert werden. Das hessische Kultusministerium betont, dass es in der derzeitigen noch kurzen Phase des Homeschooling nicht darum gehe, den Unterricht eins zu eins nach Hause zu verlagern. Vielmehr sollten Angebote gemacht werden, damit der Lernprozess nicht abreiße.

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Problem Nummer vier: die technische Ausstattung. Ein Computer für jedes Kind, ein Drucker und Scanner – daran hapert es in so manchem Haushalt. Dass auch die Schulen in Deutschland schlecht ausgestattet sind, ist kein Geheimnis. Vor einem Jahr wurde der Digitalpakt gestartet, der den Schulen über einen Zeitraum von fünf Jahren für die digitale Aufrüstung fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Bislang wurde nur ein Bruchteil davon abgerufen. Im Übrigen hat der Lobbyverband Bitkom Anfang des Jahres eine Umfrage unter Schülern weiterführender Schulen durchgeführt. Zentrales Ergebnis, das jetzt vorgestellt wurde: Acht von zehn Schülern sehen in der Digitalisierung eine Chance, sie wünschen sich vernetzte Schulen und virtuelle Klassenzimmer. Dass dies gelingen kann, zeigt sich immerhin jetzt in der Krise. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann stellte fest: „Positiver Nebeneffekt der aktuellen Ausnahmesituation: Dadurch, dass die Kollegen ‚gezwungen‘ sind, mit Moodle zu arbeiten, erkennen gerade sehr viele völlig überrascht, wie einfach und praktisch es zu handhaben ist.“

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