Analyse - Emmanuel Macron nutzt den G7-Gipfel für Eigenwerbung / Innenpolitik der kommenden Monate hält schwere Brocken bereit „Frankreich hat geglänzt“ – und der Präsident gleich mit

Von 
Birgit Holzer
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Hat es verstanden, den unberechenbaren US-Präsidenten Donald Trump (links) im Zaum zu halten: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. © dpa

Biarritz. Emmanuel Macron ist wieder in Paris, mit gebräuntem Teint nach seinen wenigen Ferientagen am Mittelmeer und dem G7-Gipfel in Biarritz an der Atlantikküste, der am Montag zu Ende ging. Noch am Abend rundete er diesen mit einem Interview im französischen Fernsehen ab, bei dem er sich zufrieden mit sich selbst zeigte: „Der Gipfel ist uns toll gelungen. Frankreich hat geglänzt.“ Und der Präsident, so schwang mit, glänzte mit.

Einstiger Politjungstar

  • Emmanuel Macron hat 2017 mit 39 Jahre die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewonnen.
  • Hinter Macron steht die von ihm 2016 gegründete politische Bewegung „En Marche!“ (In Bewegung).
  • Macron ist unkonventionell, er will „weder rechts noch links“ sein. Er gilt als Mitte-Links-Politiker, seine Ausrichtung ist sozialliberal.
  • Der Arztsohn war bis 2012 gut bezahlter Investmentbanker bei Rothschild & Cie.
  • Verheiratet ist er mit der älteren Brigitte Macron. Er kennt sie seit seiner Schulzeit in Amiens. (dpa)
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In der Tat war die Begegnung der sieben Staats- und Regierungschefs der wichtigen Industrienationen unter schwierigen Vorzeichen gestartet. Bei vielen Themen auf der Agenda von den Handelsstreitigkeiten bis zu den Konflikten im Iran und der Ukraine schienen die Positionen festgefahren. US-Präsident Donald Trump hatte schon im Vorfeld mit hohen Zöllen auf deutsche Autos und französischen Wein gedroht. Ihn fing Macron allerdings von Anfang an ein, im dem er auf freundschaftliche Tätscheleien und persönliche Nähe setzte. Er ließ dem US-Präsidenten eine Sonderrolle zukommen, indem er entgegen der Tradition am Ende des Gipfels gemeinsam mit ihm vor der Presse Bilanz zog. Trump zeigte sich denn auch von einer überraschend milden Seite, sah alle Probleme plötzlich lösbar, lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel als „brillante Frau“ und Macron als „tollen Kerl“.

Gastgeber mit viel Ehrgeiz

Konkrete Beschlüsse blieben zwar wie erwartet aus. Doch als Erfolg bewerten lässt sich der Gipfel von Biarritz zumindest atmosphärisch, organisatorisch und für Macrons Image, der sich als dynamischer Gastgeber mit großem außenpolitischen Ehrgeiz präsentierte. Kühnheit und Durchsetzungskraft habe er geschickt als diplomatische Hebel eingesetzt, urteilte gestern die Zeitung „Le Monde“. Vor allem konnte er durch das überraschende Auftauchen des iranischen Außenministers Mohammad Dschawad Sarif Bewegung in den Konflikt mit Iran bringen – und will bei einer möglichen baldigen Begegnung zwischen dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani und Trump eine Vermittlerrolle einnehmen. Auch eine kleine europäische Macht, gab er damit zu verstehen, hat Möglichkeiten, im Weltgeschehen ausgleichend zu wirken.

War die Furcht vor Ausschreitungen oder Anschlägen am Rande des Gipfels groß, so ließ ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften und eine weitgehende Abriegelung der Stadt potenziellen Krawallmachern kaum eine Chance. Vielleicht sei man es mit den Sicherheitsvorkehrungen ein wenig übertrieben worden, räumte am Ende ein Polizist ein. Zugleich habe es in seinen Augen „in den vergangenen Jahren keinen G7- oder G20-Gipfel mit so wenigen Zwischenfällen gegeben“. Nebenbei sollten die Bilder von Biarritz und den Besuchen der First Ladies in die liebliche Region in die Welt ausstrahlen. Im Pressezentrum, in dem mehr als 2000 französische und ausländische Journalisten arbeiteten, präsentierten lokale Produzenten für die Region typisches Gebäck, Käse- und Wurst-Spezialitäten.

Schwierige Reformen

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Unter dem Eindruck der Proteste der „Gelbwesten“-Widerstandsbewegung und der wachsenden Aufmerksamkeit für Klimaschutz hatte Macron eigentlich den Kampf um mehr Gerechtigkeit sowie eine Öko-Agenda zu Prioritäten erklärt – für beides ließ er es in den Augen seiner Kritiker an Engagement vermissen. Spontan kamen auch die Amazonas-Brände auf die Agenda, für die 20 Millionen Dollar freigemacht wurden – welche Brasilien allerdings ablehnte.

Vor allem das Thema der sozialen Ungleichheit wird Macron bald wieder einholen, wenn er sich nun wieder der Innenpolitik zuwendet. Im Herbst stehen heikle Reformen der Arbeitslosen- und Rentenversicherungssysteme an, die Gegner rüsten sich schon. Sie lehnen gerade das spielerisch Selbstsichere ab, das Macron in Biarritz so half.

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In ihrer Analyse verbindet unsere Frankreich Korrespondentin Birgit Holzer Fakten und ihre eigene Meinung zum Thema.

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