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Demokratie - Experten sehen in Desinformation große Gefahr für die Gesellschaft / Mehr Wissensvermittlung in Schulen nötig

Fake News als Reformkiller

Von 
Walter Serif
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Mannheim. Die Fragestellung der Online-Veranstaltung des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Donnerstagabend ist plakativ: „Wie viel Unwissen verkraftet die Demokratie?“ Bei der Antwort kommt es darauf an, wie hoch die Messlatte liegt. „So lange die demokratischen Parteien die Mehrheit behalten. Das lässt sich dann sogar in Prozenten ausdrücken“, sagt Politikwissenschaftler Willi Scholz. Na ja, so klar ist das doch nicht, denn er relativiert sich selbst mit der rhetorischen Anschlussfrage: „Was ist denn eine demokratische Partei?“ Da kann man bei der AfD ins Grübeln kommen.

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Anna Kerkhof vom Münchner ifo-Institut sieht die Gesellschaft mit Blick auf die Bundestagswahl am 26. September vor einer Herausforderung: „Die Gefahr ist groß, dass Bürger die falsche Partei wählen, weil sie auf Fake News hereinfallen.“ Brexit und Donald Trump lassen grüßen. Wer im Netz unterwegs ist und sich auf abseitigen Kanälen über die Pandemie „informiert“, kann ihre Eindrücke jedenfalls nur bestätigen: „Es ist abenteuerlich, was in den sozialen Netzwerken steht. Das ist eine regelrechte Infodemie.“

Anonymität erhöht Hass

Ein „Querdenker“ steht mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Fake News“ bei einer Kundgebung in Dresden gegen die Corona-Regeln vor zwei Pressevertretern. Falschinformationen über die Pandemie dominieren die Sozialen Medien im Netz. © dpa

Man muss nicht gleich die Angst vor einer russischen Bots-Armee schüren, aber: „Bots wären ohne Anonymität nicht möglich. Diese baut gewisse Hemmschwellen ab, erhöht Hass und das Teilen von Fake News“, sagt Kerkhof. Sie verbreiten sich sekundenschnell und erreichen Millionen Menschen. „Und werden nicht immer entdeckt“, warnt sie. Dennoch will Kerkhof die Sozialen Medien nicht verteufeln. „Es kann auch in die andere Richtung gehen, in Autokratien sind sie wertvoll.“

Die Dynamik im Netz ist jedenfalls faszinierend und beängstigend zugleich: Die Nutzung der Sozialen Medien hat sich nach Kerkhofs Angaben in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt. Die Hälfte der Weltbevölkerung treibt sich inzwischen dort herum. „Nur zum Vergleich: Die ,Bild’ hat eine Auflage von 1,2 Millionen“, sagt Kerkhof. Anders als bei der Zeitung setze aber nicht die Redaktion die Themen, die Inhalte kommen vom User selbst. „Jeder ist Redakteur und Konsument. Und es gibt im Vergleich zu den klassischen Medien keine Qualitätskontrolle.“ Das alles führt zu den berühmt-berüchtigten Echokammern. „Wenn ich eine Tageszeitung lese, habe ich ein Bündel an Informationen, die mich gleichzeitig erreichen. Im Netz kann ich mir alles rauspicken. Die Nutzer werden in ihren eigenen Ansichten bestärkt.“

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Können die Medien mit seriösen Faktenchecks gegensteuern? „Die wissenschaftlichen Studien geben da kein klares Bild ab. Faktenchecks können sogar schädlich sein und eine Trotzreaktion hervorrufen“, sagt Kerkhof. Davon will sich ZEW-Forscher Friedrich Heinemann nicht abschrecken lassen. Er fordert Faktenchecks. Eine unabhängige Kommission könne wie in den Niederlanden Wahlprogramme der Parteien wissenschaftlich begutachten. „Da wäre ein Anreiz für die Parteien, konkrete und gegenfinanzierte Reformvorschläge zu machen“, sagt er.

Heinemann kritisiert das „krasse Missverhältnis“ in der politischen Debatte. „Man sollte mehr über Programme statt über Personen reden.“ Allerdings bringt das auch nur etwas, wenn die Leute informiert sind. Das Team um Heinemann berichtet über eine noch unveröffentlichte Studie, die zum Ergebnis kommt, dass die Bürger eine „verzerrte Wahrnehmung der wirtschaftspolitischen Lage“ haben, wie es ZEW-Experte Sebastian Blesse ausdrückt. Das fängt bei der „massiven Überschätzung der Arbeitslosigkeit“ an, die Befragten bezifferten sie auf 20 Prozent, es waren damals aber tatsächlich vier Prozent. Auch mit der Benennung des Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund haben die Deutschen Probleme. Sie bezifferten ihn auf 30 Prozent, es sind aber nur 15 Prozent. Schweden, Briten, Franzosen und auch Polen sind besser informiert. Deutschland liegt beim 22-Länder-Vergleich nur auf Platz acht.

Woran liegt das? Nur 41 Prozent der jungen Menschen in Deutschland interessieren sich laut Studie für Politik, sie ist für sie schwer nachvollziehbar, daraus entsteht Politik- und Parteiverdrossenheit. Und hier schließt sich der Kreis: Die Sozialen Medien schaffen mit den Echokammern Plattformen ohne Gegenmeinungen. Die Ergebnisse der neuen ZEW-Studie decken sich also mit der Forschung der ifo-Expertin Kerkhof.

Interessant ist aber der Kern der Untersuchung. Wer sich mehr informiert, ändert auch seine Ansichten. Damit lassen sich auch neue politische Mehrheiten bilden. Ein Beispiel: Viele schätzen sich ärmer ein als sie sind. Wenn sie aber genauer darüber informiert werden, wo sie einkommensmäßig im Vergleich stehen, haben einige plötzlich keine Lust mehr auf Umverteilungspolitik. „Wer sich gut informiert, ist eher offen für Reformen, Fehlinformationen sind dagegen ein Reformkiller“, sagt Heinemann. Und was hilft? „Auch der Bildungsauftrag der Wissenschaft ist ausbaufähig. Vielleicht sollten wir mehr Schulen besuchen.“ Willi Scholz kann das nur begrüßen: „Für Jugendliche sind Veranstaltungen mit Experten, gerne von Angesicht zu Angesicht, sehr wichtig. Das schult die Kultur des Zuhörens.“

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Redaktion Reporter für Politik und Wirtschaft

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