Pandemie - Die Idee für das IT-System „Sormas“ entstand in der Ebola-Epidemie und soll nun in Deutschland ausgerollt werden Europa lernt von Afrika

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Carsten Hoffmann
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Berlin. Fax-Maschinen und ein Flickenteppich der Systeme in der Corona-Krise: Geht es nach der Bundesregierung, soll das IT-System „Sormas“ den Austausch von Behörden und Gesundheitsdiensten in der Corona-Pandemie beschleunigen. „Sormas“ (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) hat sich bei der digitalisierten Krankheitsüberwachung und dem Ausbruchmanagement in Afrika bewährt. Bis Ende Februar soll es bundesweit in den Gesundheitsämtern ausgerollt werden.

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Damit nimmt das Entwicklungsprojekt einen ungewöhnlichen Weg, bei dem Europa von Afrika lernt: Erdacht wurde „Sormas“ in Nigeria als Antwort auf die Ebola-Epidemie in den Jahren 2014 bis 2016, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sabine Ablefoni, Ökonomin mit einer Spezialisierung für das öffentliche Gesundheitswesen, arbeitet seit Ende 1993 für die GIZ. „Am Anfang gab es Zweifel bei den Verantwortlichen in Nigeria. „Sormas“ konnte dann überzeugen, als es beim Ausbruch der Affenpocken 2018 eingesetzt wurde und Echtzeitdaten liefern konnte. Da war der politische Wille geboren“, sagt sie.

Das System gebe der Zusammenarbeit eine Struktur. „Fälle werden erkannt. Dann sind es erstmal Verdachtsfälle. Proben werden untersucht, ein Labor gibt Entwarnung oder der Fall wird als positiv bestätigt. Es geht um den Austausch von Daten und Prozessanleitungen. Im Prinzip ist dann durch das System klar, welcher Akteur welche Aufgaben umsetzen muss.“

Kritik an Gesundheitsämtern

Entwickelt wurde „Sormas“ durch ein Konsortium aus dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, dem afrikanische Netzwerk für Feldepidemiologie und dem Nigerianischen Zentrum für Krankheitskontrolle. Von EU und GIZ finanziert, ist ein Open-Source-Tool entstanden, das als öffentliches Gut eingestuft ist und – so sagt es Ablefoni – auch die Daten der Patienten schützt.

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Wo kann das System hier helfen? „Wir leben seit einem Jahr in der Pandemie und jeden Montag heißt es, dass die Daten noch unvollständig sind“, sagt Ablefoni, bremst aber auch Erwartungen. „Das ist nichts, was von heute auf morgen geht.“ In Nigeria habe das Pilotsystem Ende 2017 begonnen und jetzt „ist das Rollout gelungen.“ Alle, die damit „arbeiten, sind begeistert.“

In Deutschland aber scheinen viele Gesundheitsämter skeptisch. Laut Deutschem Landkreistags ist mit „Sormas“ eine Entlastung der Gesundheitsämter „von unnötigem Aufwand“ nicht zu erreichen. Kritik kommt aus dem Bundestag. Mehrfach hätten Bund und Länder sich auf die Einführung von „Sormas“ für die Gesundheitsämter verständigt, doch nur ein Drittel nutze es, klagte etwa SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis. dpa