Beziehungen - Die Europäische Union bietet der Türkei trotz viel kritisierter Entwicklungen eine engere Partnerschaft an

EU-Spitzen treffen Erdogan

Von 
Anne Pollmann, Mirjam Schmitt, Ansgar Haase
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Ursula von der Leyen und Charles Michel nach Gesprächen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan in Ankara. Bei einem Treffen diskutierten die EU-Politiker unter anderem über eine Stärkung einer wirtschaftlichen Kooperation. © dpa

Ankara. Die EU lotet ungeachtet scharfer Kritik von Menschenrechtlern einen möglichen Ausbau der Beziehungen zur Türkei aus. Bei einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Ankara diskutierten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel am Dienstag unter anderem über eine Stärkung der wirtschaftlichen Kooperation. Sie könnte nach Angaben von der Leyens eine Modernisierung der Zollunion und eine intensivere Zusammenarbeit bei Zukunftstechnologien im Bereich Umwelt und Digitales umfassen.

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Strategie der EU: Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“

Die Europäische Union zieht einen Ausbau der Beziehungen mit der Türkei trotz derzeitiger Entwicklungen in Erwägung, um eine Eskalation von Konflikten abzuwenden. Wenn dies nicht gelingen sollte, fürchtet die EU, dass die Türkei die Zusammenarbeit in der Migrationspolitik einstellt und die mehreren Millionen Geflüchteten aus Syrien im Land zur Weiterreise in Richtung EU animiert.

Zudem besteht große Sorge, dass der Seegebietsstreit zwischen Griechenland und Zypern sowie der Türkei wieder eskalieren könnte.

Um den Konflikt im östlichen Mittelmeer zu entschärfen, hatte die EU die Türkei 2020 nach dem Motto „Zuckerbrot und Peitsche“ vor eine Wahl gestellt. Sie lautete: Wenn ihr Bereitschaft zeigt, die Streitigkeiten durch Dialog und im Einklang mit dem Völkerrecht beizulegen, können wir über eine „positive Agenda“ in Wirtschaft und Handel reden – wenn nicht, werden Sanktionen erlassen. dpa

Es gehe um eine stärkere Kooperation, die für beide Seiten profitabel sei, sagte die CDU-Politikerin. Dazu zählten auch die Zusammenarbeit in der Flüchtlings- und Migrationspolitik sowie der Ausbau der Kooperation im Rahmen des EU-Forschungsprogrammes Horizont und des Austauschprogramms Erasmus. Es gebe weiter Uneinigkeiten, aber auch neue Chancen, sagte Michel.

Besuch scharf kritisiert

Zugleich machte von der Leyen deutlich, dass die EU auch in Zukunft nicht zögern werde, negative Entwicklungen anzuprangern. Sie und Michel hätten deutlich gemacht, dass die Achtung der Grundrechte und der Rechtsstaatlichkeit für die EU von entscheidender Bedeutung sei und die Türkei die internationalen Menschenrechtsregeln einhalten müsse, sagte sie. Der Rückzug der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen sei zutiefst besorgniserregend und das „falsche Signal“. Man dränge die Türkei darauf, die Entscheidung rückgängig zu machen.

Hintergrund der Gespräche mit Erdogan waren Beschlüsse des EU-Gipfels vor eineinhalb Wochen. Bei ihm hatten sich die Staats- und Regierungschefs darauf verständigt, die Beziehungen zur Türkei schrittweise wieder auszubauen. Mit dem Beschluss will die EU die Eskalation weiterer Konflikte abwenden.

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In der Migrationspolitik und besonders im Rahmen des 2016 abgeschlossenen Migrationsdeals mit Ankara zählt die EU auf die Türkei als Partnerin, um Geflüchtete an der Weiterreise in Richtung Europa zu hindern. Im vergangenen Jahr hatte sich zudem der Streit zwischen Griechenland und der Türkei wegen umstrittener Erdgasforschung Ankaras im östlichen Mittelmeer gefährlich zugespitzt. Die EU hatte der Türkei im Dezember scharfe Sanktionen angedroht. Ankara beendete später die umstrittenen Erdgaserkundungen und signalisierte Gesprächsbereitschaft. Die Türkei hatte zuletzt mit einer Reihe innenpolitischer Entwicklungen für Empörung gesorgt: Der zweitgrößten Oppositionspartei, der pro-kurdischen HDP, droht ein Verbot, zahlreichen Oppositionspolitikern soll der Abgeordnetenstatus aberkannt werden. Das Land war außerdem aus einem internationalen Abkommen zum Schutz von Frauen ausgetreten.

Auch vor diesem Hintergrund wurde der Besuch von vielen Seiten kritisch kommentiert. Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen teilte anlässlich der Reise mit: „Wer in diesen Tagen zu politischen Gesprächen in die Türkei reist, sollte die unzähligen politischen Gefangenen, darunter dutzende Deutsche, in den Knästen der Türkei besuchen, statt Autokrat Erdogan im Palast die Aufwartung zu machen!“ Auch Cem Özdemir kritisierte den Besuch in Ankara als „Brüsseler Selbstverzwergung“ und „Hohn für alle Demokrat*innen der Türkei.“

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Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kommentierte: „Je dreister der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird, desto ruhiger wird die Europäische Union.“ Diese sollte ihren Ansatz dringend überprüfen und sichtbare Fortschritte in Sachen Menschenrechte an die Aufnahme von Gesprächen über eine Zollunion knüpfen. Eine „positive Agenda“, die gegen EU-Werte verstoße, sei nicht positiv.

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Menschenrechte angesprochen

Von der Leyen und Michel betonten hingegen, dass die „positive Agenda“ aus ihrer Sicht einen harten Kurs in anderen Fragen nicht ausschließe. Menschenrechtsfragen seien „nicht verhandelbar“, sagte von der Leyen mit Blick auf den in der Türkei inhaftieren Kulturmäzen Osman Kavala und den ehemaligen pro-kurdischen Oppositionsführer Selahattin Demirtas. Kavala sitzt seit 2017 in Untersuchungshaft, Demirtas ist seit 2016 im Gefängnis. In beiden Fällen hatte die Türkei Urteile des EGMR zur Freilassung nicht umgesetzt, obwohl sie als Mitglied des Europarats eigentlich an die Urteile gebunden ist.