Die Welt als Wille und Vorstellung

Von 
Sophia Gehr
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Symboldbild. © Boris Roessler

Landau. Im sozialen Netzwerk Facebook kursierte ein Foto, auf dem reihenweise Särge zu sehen sind. Das Bild sollte aus der italienischen Stadt Bergamo stammen. Dort hatte es durch das Coronavirus viele Todesfälle gegeben. Tatsächlich war das Foto aber im Jahr 2013 auf der italienischen Insel Lampedusa aufgenommen worden und zeigt Särge afrikanischer Flüchtlinge. Verschwörungstheoretiker nutzen in sozialen Medien verstärkt Möglichkeiten der Bild- und Video-Manipulation. Stephan Winter, Professor für Medienpsychologie an der Universität Koblenz-Landau, erläutert diese Methoden.

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In welchen Formen tauchen gefälschte Bilder und Videos auf?

Corona ist ein Plan dunkler Mächte, das Virus wird durch Handystrahlen übertragen und Bill Gates hat die Weltgesundheitsorganisation gekauft. Das sind nur einige der Verschwörungstheorien, die über die sozialen Netzwerke - vor allem über Facebook- und WhatsApp-Gruppen - während der Corona-Krise verbreitet werden. Zu diesen Theorien werden immer wieder Fotos von Textnachrichten geteilt, die Politiker versendet haben sollen, oder sogenannte Memes, die Persönlichkeiten wie Kanzlerin Angela Merkel mit angeblichen Zitaten zeigen.

Mit welchen Techniken werden Bilder manipuliert?

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Ein beliebtes Mittel ist die Wahl eines bestimmten Bildausschnittes. „Dadurch kann ein anderer Zusammenhang nahegelegt werden als der, in welchem das Foto entstanden ist“, sagt Winter, Leiter des Instituts für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik, im Gespräch mit dieser Redaktion. Über Fotoshop könnten Bilder sogar direkt manipuliert und verändert werden. „Auch bei Videos gibt es Möglichkeiten, Sequenzen sinnentstellend zusammenzuschneiden“, so Winter. Die gezielte Unterlegung mit Musik könne zudem beispielsweise den Eindruck erwecken, das Video stamme aus einem anderen Land, schreibt die von der EU geförderte Initiative saferinternet.at. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, beim „sicheren, kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit Medien“ zu helfen.

Was wollen Verschwörungstheoretiker durch die Fälschungen erreichen?

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Bilder - und damit eben auch veränderte Fotos oder Videos - dienen dazu, eine bestimmte Aussage anzureichern. Sie können gezielt eingesetzt werden, um als Beleg oder Erläuterung zu fungieren. Bei Verschwörungstheorien stehe zwar in erster Linie die Erzählung im Vordergrund. Aber auch hier könnten Bilder dazu führen, dass die Theorie authentischer wirke, so Winter. „Sie sind leicht zu verarbeiten und legen eine gewisse Authentizität nahe“, sagt der Medien-Experte. Gleichzeitig könnten sie aber auch leicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Gerade bei Memes lasse sich häufig nicht einmal mehr die Ursprungsquelle entdecken.

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Wie können manipulierte Bilder entlarvt werden?

„Hier gelten im Prinzip die gleichen Grundregeln wie bei der Überprüfung von textlichen Informationen“, sagt Winter. Also: Auf die Quelle achten, die Plausibilität der Information hinterfragen, und recherchieren, ob das Bild auch in anderen journalistischen Medien auftaucht. Mit einer umgekehrten Bildersuche im Internet lässt sich außerdem der tatsächliche Ursprung eines Fotos aufdecken. Dazu muss das Bild über Suchmaschinen wie images.google.com oder tineye.com hochgeladen werden. Ob ein Bild oder Video bereits als Fälschung enttarnt wurde, lässt sich laut saferinternet.at. über die Webseite hoaxsearch.com prüfen.

Welche Gefahr geht von manipulierten Fotos und Videos aus?

Fälschungen von Fotos und Videos aufzudecken ist Winter zufolge oft sehr schwierig. „Das kann ein Grund dafür sein, warum bei Falschnachrichten häufig Bilder eingesetzt werden“, sagt er. „Die größte Gefahr liegt darin, dass die Möglichkeiten der Bild- und Video-Manipulation Nutzern gar nicht so präsent sind.“ Memes sind dabei ein Sonderfall: Diese Form der Bildbearbeitung hat meist einen humoristischen Anstrich. Die Aussagen werden als Witz verkauft, „verbreiten aber vielleicht trotzdem eine Agenda, die mit Verschwörungstheorien zusammenhängt“, so Winter. Er hält es für möglich, dass ein größeres Publikum erreicht werde, wenn Informationen ansprechend aufbereitet werden. 

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