Pandemie - Afrikanische Staaten haben früh Maßnahmen ergriffen / Ausstattung in Krankenhäusern aber dürftig Die Virus-Gefahr aus Europa

Von 
Judith Raupp
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Ein Motorradfahrer fährt in Bukavu (Kongo) an einem Plakat mit der Aufschrift „Ebola“ vorbei. Jetzt kommt auch noch der Kampf gegen das Coronavirus dazu. © dpa

Goma. Gisle Bagheni schüttelt den Kopf und ruft, „das ist unglaublich“. Die Corona-Pandemie bringt ihr Weltbild ins Wanken. Bisher dachte die Kongolesin, wie viele Afrikaner, dass Krankheit, Krise und Tod vor allem in armen Ländern wie dem ihren vorkommen. Aber nun sterben die Reichen in Europa und den USA. Das kann sich die Aktivistin kaum vorstellen.

Länder gehen sehr verschieden mit Infektionsgefahr um

  • Als eines der letzten Länder der Welt hat das von Südafrika umgebene Gebirgskönigreich Lesotho eine erste Coronavirus-Infektion bestätigt.
  • Das autoritär regierte Burundi in Zentralafrika hat vier Vertreter der Weltgesundheitsorganisation grundlos des Landes verwiesen.
  • Tansania will sich wieder dem Tourismus öffnen – Urlauber müssen nicht in Quarantäne.
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Bagheni klärt für eine Hilfsorganisation in der ostkongolesischen Stadt Goma Jugendliche über Gesundheit auf. Sie weiß, dass in ihrer Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, Ärzte, Pfleger und Maschinen fehlen. Im ganzen Land mit 84 Millionen Einwohnern vermutet man gerade einmal ein paar Dutzend Beatmungsgeräte. „Wie soll das bei uns werden, wenn das Coronavirus wütet“, fragt sie. Angst hat sie aber nicht, jedenfalls noch nicht.

Bisher kommt Afrika relativ glimpflich davon. Der Kontinent verzeichnet offiziell weit weniger Infizierte und Tote, als Experten vorhergesagt haben. Viele afrikanische Regierungen haben sehr schnell den Notstand ausgerufen, Grenzen, Flughäfen, Schulen und Universitäten geschlossen. Kirchen, Bars und Restaurants müssen den Betrieb ruhen lassen. Versammlungen sind verboten. In den Kongo kam das Virus Anfang März. Geschäftsleute, Politiker und Entwicklungshelfer haben es von ihren Flugreisen mitgebracht. Die wahre Zahl der Infizierten kennt niemand. Das einzige Labor in der Hauptstadt Kinshasa kommt mit dem Testen nicht nach. Ein „Massensterben“ hat Covid-19 bisher aber nach allem Anschein nicht ausgelöst.

Aufklärung per Radio

Dagegen kosten Ebola, Malaria, Masern, Cholera, komplizierte Geburten, Verkehrsunfälle auf schlechten Pisten und Überfälle von Milizen im Kongo seit Jahrzehnten Millionen Menschen das Leben.

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Aktivistin Bagheni klärt nun über Corona auf. In Radiosendungen rät sie ihren Landsleuten, Hände zu waschen und Abstand zu halten. Das kommt nicht immer gut an. „Mit welchem Wasser sollen wir uns in Goma ständig die Hände waschen“, schimpft der Gärtner Anastase Mushamuka.

Jeden Morgen drängen sich die Mädchen am Kivusee, schöpfen Wasser und schleppen die 20-Liter-Kanister auf dem Rücken nach Hause. „Es hilft nur beten“, behauptet Mushamuka und ärgert sich, dass die Gottesdienste verboten wurden. „Mir bereitet das Virus Sorgen“, erzählt Mamie Simire. Dass sie krank werden könnte, hält sie aber für das kleinere Übel. Simire arbeitet für einen Familienbetrieb und verdient 120 Dollar im Monat.

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Seit die Grenze zur ruandischen Nachbarstadt Gisenyi wegen Corona-Gefahr geschlossen ist, kosten Lebensmittel doppelt so viel. Zuvor haben Marktfrauen aus Ruanda Obst und Gemüse zu Fuß nach Goma getragen. „Ich weiß nicht, wie wir über die Runden kommen sollen. Mein Lohn hat schon vorher nie gereicht“, klagt Simire. Ihre fünf Kinder bekommen nur noch ein Mal am Tag etwas zu essen. Sie hat gehört, dass Regierungen in anderen Ländern Lebensmittel an Bedürftige verteilen. „Das sollte es bei uns auch geben“, fordert sie.

Ausländer abgereist

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Früher konnte Simire auf ihren Bruder in Kinshasa zählen. Er hat Geld geschickt, wenn sie in Not war. Aber im Stadtteil, wo er lebt, herrscht strikte Ausgangssperre, weil dort sehr viele Infizierte wohnen. Der Job ruht deshalb, der Bruder bekommt keinen Lohn und muss schauen, wie er seine eigenen Kinder ernährt.

„Sehr wahrscheinlich sind die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Ausgangssperre wesentlich höher als der Nutzen“, sagt Ursula Kölbel, Leiterin der Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor in Kinshasa. Sie findet, die Regierung hätte zuerst einmal das Personal auf Hygiene einschwören sollen, das das Virus bekämpfen soll. Innerhalb kurzer Zeit haben sich in einem Krankenhaus 15 Pfleger und Ärzte angesteckt. Zahlreiche Ausländer sind mit Sonderflügen aus dem Kongo abgereist. Sie wollen nicht krank werden in einem Land ohne Intensivstationen.

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