Rechtsextremismus Der Schmerz von Hanau

Von 
Markus Kowalski, Christian Unger
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Ein Foto der ermordeten Mercedes Kirpac am Brüder-Grimm-Denkmal auf dem Marktplatz in Hanau. © epd

Hanau. Vor einem Jahr tötet Tobias R. neun Menschen. Die Angehörigen der Opfer leben bis heute mit vielen offenen Fragen – sie fordern eine lückenlose Aufklärung. Doch Zweifel an den Schutzmechanismen des deutschen Rechtsstaats bleiben.

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Kaloyan und Vaska chatten kurz, wie sie es so oft machen, auch schon früher an diesem Tag. Sie sagt, sie wolle am Wochenende feiern gehen, in Frankfurt, eines ihrer liebsten Restaurants richte einen Abend aus, mit Live-Musik aus ihrer Heimat Bulgarien. Alles klar, machen wir, antwortet Kaloyan. So, wie er immer dabei ist, wenn ein lustiger Abend in der Luft liegt, gutes Essen, gerne mit Fleisch, und ein paar Getränke.

Ach, und ob er ihr nach der Schicht am Tresen noch eine Packung Zigaretten mitbringen könne, fragt Vaska ihren Cousin. „Leg die Schachtel einfach vor meine Tür“, sagt sie. Die beiden wohnen in einem Haus, sie im zweiten Stock, er im dritten. Ja, klar, mache er. Und dann noch: „Schlaf gut!“

Nicht einmal zehn Minuten später betritt der 43 Jahre alte Deutsche Tobias R. die Bar „La Votre“. An diesem Abend hat er sich bewaffnet, mit einer Walther PPQ, einer Ceska und einer Sig Sauer P226, genutzt auch von vielen Polizeieinheiten. Sieben Schuss feuert R. auf Kaloyan Velkov ab, einer trifft die Wand hinter dem Tresen, sechs treffen seinen Körper.

Die Angst bleibt

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Vaska Zlateva steht vor der verschlossenen Tür. Heute gibt es die Bar nicht mehr, das „Café Aras“ gewährt nun „Zutritt ab 18“. Aber jetzt, Mitte Februar, ist ohnehin wegen Corona alles dicht. Ein Zettel klebt noch an der Glasscheibe. „Hygienehinweise“. Und vorn, vor der Treppe, ein weißes Blatt Papier mit dem Porträt von Kaloyan Velkov, ein kantiges, schweres Gesicht, glatt rasierte Frisur, man ahnt die breiten Schultern. „Sechs Kugeln auf einen Menschen“, sagt Zlateva. „Was ist das für ein Hass?“

Ein Jahr nach dem Mord steht Kaloyan Velkovs Cousine vor der Glastür, zeigt mit der Hand in Richtung Tresen und macht die Schüsse des Täters nach. „Ich habe eine bisschen Angst, wenn ich hier bin.“

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Der Täter schießt in dieser Nacht nicht nur auf Velkov. Im „La Votre“ und der Shisha-Bar nebenan sterben drei Menschen. Der Täter fährt wenige Minuten in seinem Auto und biegt auf einen Parkplatz an einer Einkaufspassage ein. In der „Arena Bar“ hatten junge Männer aus dem Viertel Pizza bestellt. Der Täter mordet auch hier und daneben im „Kiosk 24/7“, sechs Menschen sterben. Alles dauert nur Sekunden.

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Das Attentat von Hanau ist eines der größten rechtsextremen Attentate in Deutschland. Alle Opfer stammen aus Familien mit Zuwanderergeschichte. Der Generalbundesanwalt hält fest: Tobias R. tötete aus einer „zutiefst rassistischen Gesinnung“. Er suchte die Orte in dieser Nacht gezielt auf. Die Tat von Hanau reiht sich ein: der Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke, der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Dann Ha-nau. Es sind Monate des rechten Mordens, die Deutschland erlebt.

Vaska Zlateva ist zum Gespräch in den Raum in der Krämerstraße gekommen. Nur wenige Meter vom Ort entfernt, an dem ihr Cousin starb. Sie trägt eine schwarze Bluse, das Haar blond, die Lippen geschminkt. Hier in der Hanauer Innenstadt haben linke Aktivisten einen Raum angemietet und die „Initiative 19. Februar“ gegründet. Blumen stehen auf Tischen, darum Sessel aus Leder, an der Wand hängen Porträts der Getöteten, in der Ecke liegen Flyer für die Demonstrationen am Jahrestag. „Wir klagen an“, steht auf einem Blatt.

Angehörige treffen sich bis heute

Oft und immer wieder treffen sie sich hier. Die Gültekins. Die Hashemis. Die Unvars. Die Kurtovics. „Es ist ein bisschen wie unser Wohnzimmer“, sagt Vaska Zlateva. Es ist auch ein Gedenkort. Eine Art Therapieplatz, an dem die Familien über die Tat und die Zeit danach sprechen. Ein Ort, an dem sie sich verabreden für Aktionen. An dem die Angehörigen selbst Zeugen einladen, Akten der Polizei besprechen. Es ist ihr Ermittlungsraum zum Attentat von Hanau. Viele der Angehörigen der Opfer sagen ein Jahr danach, dass sie noch immer Fragen haben. Dass sie endlich „lückenlose Aufklärung“ wollen.

Manche der Familien sagen, dass sie nicht das Gefühl hätten, jemand habe ihnen zugehört nach dem Attentat. Die Polizei kam, stellte Fragen zu den Ermittlungen. Habe Warnungen ausgesprochen, man solle nicht an Rache denken. Vaska Zlateva sagt, sie habe sechs Tage lang nicht gewusst, wo Kaloyan ist. Erst dann klingelten Beamte an ihrer Tür, erklärten ihr die Lage.

In der Nacht der Tat verfolgt der junge Vili-Viorel Paun den Attentäter in seinem Auto, von der Innenstadt bis zur „Arena Bar“. Mehrere Male, das zeigen Polizeiakten, ruft er die „110“ an. Und kommt nicht durch. Die Polizeistation in Hanau ist in dieser Nacht völlig überlastet. Anrufe können nicht weitergeleitet werden. Auf dem Parkplatz tötet der deutsche Täter den 22-Jährigen mit Schüssen in Brust, Schulter und Stirn.

Es sind diese Geschichten, die bei Familien wie den Unvars oder Gültekins Zweifel wachsen lassen – daran, ob sie diesem Staat vertrauen können. Ob er sie schützt. Polizei und Staatsanwaltschaft geben auf Nachfrage wenig Auskunft zu Details der Tatnacht. Sie verweisen auf die laufenden Ermittlungen. Die Bundesregierung hat insgesamt 1,2 Millionen Euro an die Familien als Hilfe gezahlt, „Kontaktbeamte“ der Polizei sind laut hessischem Innenministerium „aktiv auf die Betroffenen zugegangen“. Die Polizei werde zudem alle Erkenntnisse mit den Angehörigen teilen – wenn die Ermittlungen beendet sind. Dienststellen wurden umgebaut, Notrufe werden nun in einer Leitstelle angenommen.

Am Jahrestag des Attentats an diesem Freitag werden wieder alle nach Hanau blicken. Der Bundespräsident kommt, das Fernsehen überträgt live. Für die Familien seien das wichtige Gesten. Sie merken, dass sie nicht vergessen sind. Doch sie wissen auch, dass sie am Ende des Tages mit ihrem Schmerz wieder allein sein werden.

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Von
Christian Unger
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