„Das ist israelisches Land, das ist unser Land“

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Die Jungen Ahmad und Omar hüten eine Schafherde auf einem Weidehügel des palästinensischen Dorfes Al-Auja im Tal des Jordan. Wenig später werden sie von der Stelle vertrieben. © Keren Manor-Lauken

Sowohl Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch sein Kontrahent Benjamin Gantz wollen das Jordantal annektieren. Nach den Wahlen an diesem Montag könnte es soweit sein. Ein Besuch bei israelischen Siedlern und palästinensischen Hirten.

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Von den Diskussionen um die Annexion ist morgens um acht in den Hügeln des Jordantals, ein wenig außerhalb des palästinensischen Dorfes Al-Auja, nicht viel zu spüren. Bevor die Schaf- und Ziegenherden zum Weiden kommen und das Militär mit seinen Jeeps auf die steinigen Hügel fährt, herrscht eine Stille, die es nur in der Wüste gibt.

Mit viel Pomp hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Fall eines Wahlsieges am 2. März die Annexion des Jordantals angekündigt. Auch Oppositionsführer Benjamin Gantz unterstützt eine solche Annexion. Schon vor den vergangenen Wahlen im September war die Aneignung des Gebiets Thema. Doch weder Netanjahu noch Gantz hatten eine Mehrheit zur Regierungsbildung zustande gebracht. Im Januar dieses Jahres, nach der Verkündigung des Friedensplans des US-Präsidenten Donald Trump, sah es kurz nach einer raschen Annexion aus. Doch das Weiße Haus verkündete, dies vor den Wahlen nicht zu unterstützen.

Der Wind, der im Wahlkampf gemacht wird, legt nahe, dass sich mit einer Annexion alles ändern würde. Doch ein Tag im Jordantal zeigt: Die Siedler, Hirten und Aktivisten im Jordantal sehen das anders. Der Klang von Schafglocken kündigt Naima Omm Khaled kurz vor neun Uhr morgens an. Kurz darauf treibt sie ihre 50 Schafe hinter einem steinigen Hügel hervor und lässt sie auf den Weiden vor Al-Auja, in der Nähe von Jericho, grasen. Eingehüllt in dunkle Tücher schwingt sie ihren Stock, um die Herde zusammenzuhalten. Zwei palästinensische Jungen reiten auf Eseln durch die Herde.

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Seit Generationen lässt die Familie von Omm Khaled die Tiere auf den Hügeln vor Al-Auja weiden. Sie lebt davon, verkauft Milch und Butter. Wie die meisten Palästinenser in diesem wenig besiedelten Gebiet ist Omm Khaled Beduinin. Doch im Unterschied zu vielen anderen Beduinen in dieser Gegend lebt sie nicht in einem Zelt, sondern in einem kleinen Haus. Viel Platz gibt es nicht für ihre neunköpfige Familie. Ihr Mann ist krank und kann nicht arbeiten gehen. „Selbst wenn er könnte: Es ist schwer, Arbeit zu finden“, ergänzt sie. Fließendes Wasser haben sie nicht. „Nur den Regen, der fällt, und Wasserquellen.“ Leicht ist ihr Leben ohnehin nicht. „Doch seit Omer Atidia hier ist“, sagt Omm Khaled und zeigt auf eine Siedlung in der Ferne, „habe ich Angst um unsere Existenz.“

Wenig von Illegalität zu spüren

In etwa einem Kilometer Entfernung sieht man eine Ansammlung von Häusern, Traktoren stehen unter langen, weißen Dächern. Dahinter zieht sich ein Wald von Dattelpalmen entlang. Omer Atidia hat vor 17 Jahren, im Jahr 2003, auf dem Gelände einer ehemaligen Militärbasis jenseits der Straße einen sogenannten Außenposten aufgebaut. Nach israelischem Recht ist ein Außenposten eine illegale Siedlung im Westjordanland. Fährt man die steinige Straße hoch zur Farm von Omer Atidia, ist von Illegalität wenig zu spüren. Der Hof wird mit Elektrizität und Wasser von israelischen Betrieben beliefert und kann eine Dattelplantage, Tausende von Schafen, grünes Gras und Gemüsegärten durch ein Bewässerungssystem versorgen.

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Unterstützt wurde er von der Siedlerbewegung Amana, die sich auf die Fahne geschrieben hat, das Westjordanland mit israelischen Siedlungen zu bevölkern. Den Nachnamen Atidia hat sich der Siedler, ein ranghoher Reserveoffizier, selbst gegeben. Zukunft Gottes heißt er übersetzt.

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Omer lasse die Tiere nicht dort grasen, wo es genug zu futtern gibt. Als sie einmal mit ihrem Sohn ihre Schafe auf die Weide geführt hat, seien Siedler mit einem Traktor direkt auf ihren Sohn und die Herde zugefahren. Doch oft seien es gar nicht Omer oder die anderen Siedler, die die Hirten davon abhalten, ihre Tiere auf die Weide zu führen. Meistens kämen Soldaten und vertrieben sie von den Weiden.

Omm Khaled holt ihr Handy hervor und spielt ein Video ab. Man sieht Soldaten, die die Herde auf die andere Seite des Hügels treiben. Noch ist Winter, und auch auf der anderen Seite des Hügels lugt zwischen den Steinen auf dem trockenen Boden mitunter grünes Gras hervor. Doch bald wird Sommer sein, und die Hirten werden darauf angewiesen sein, die Schafe auch auf der anderen Seite grasen lassen können. „Futter für sie kaufen – das können wir uns nicht leisten.“

Vor zwei Jahren haben die Hirten eine Gruppe von Aktivisten um Hilfe gebeten, Ta’ayush heißt die Gruppe, auf Arabisch heißt das Koexistenz. Erst seitdem sie kommen, um die Hirten und ihre Schafe zu beschützen, traut Omm Khaled sich wieder, ihre Schafe auf die Weiden vor Al-Auja zu bringen.

Eine der Aktivisten von Ta’ayush ist Ada Bilu. Die 57-jährige Israelin blickt den Herden aus dem Tal entgegen und winkt den Hirten zu. Wenn Bilus Arbeit es ihr erlaubt, fährt sie mehrmals in der Woche nach Al-Auja. „Ich denke, wenn du in einem Land leben willst, in dem es eine so große moralische Frage gibt, musst du Stellung beziehen.“ Bilu blickt rüber zu den Hirten, die ihre Herde langsam durchs Tal zum nächsten Hügel führen. „Wir helfen Hirten, ihr Land zu betreten. Das ist meine Form des Aktivismus.“

An diesem Tag ist das Militär früh dran. Schon um zehn kommt ein Jeep angefahren. Er fährt von der Straße ab und kommt auf einem Hügel zwischen der Straße und Omm Khaleds Herde zum Stehen. Im Jeep sitzen drei Soldaten Anfang 20. Sie halten Maschinenpistolen auf ihren Schößen.

„Omer Atidia hat quasi seine Privatarmee hier, die seine Befehle ausführt“, erklärt Bilu, während sie auf den Jeep zugeht: „Er hat Verbindungen in die obersten Einheiten des Militärs. So kann er sich immer mehr ausbreiten und die Hirten verdrängen.“ Eindeutige Beweise für das enge Verhältnis zwischen Atidia und dem Militär gibt es nicht. Doch laut der Aktivisten von Ta’ayush sagen die Soldaten oft selber, dass Atidia sie gebeten hätte, auf die Weide zu fahren.

Hier, auf den Weideflächen vor Al-Auja, ist das Vorgehen nahezu jeden Tag das Gleiche: Das Militär erklärt das Gebiet zur militärischen Zone, so können sie den Hirten den Zugang zu dem Gelände verbieten. „Nach israelischem Recht muss es einen Grund geben, um das Gebiet zur militärischen Zone zu erklären. Den gibt es nicht“, sagt Bilu, während Omm Khaled ihre Tiere zurück hinter den Hügel treibt. „Unsere Anwesenheit sorgt dafür, dass die Soldaten die Hirten nicht ganz so weit vertreiben“, sagt Bilu. „Ohne uns würden sie sie noch über den nächsten Hügel schicken.“

Die Soldaten schweigen lieber

Der Soldat auf dem Beifahrersitz kurbelt das Fenster herunter: „Das Papier mit dem Befehl ist unterwegs. Können wir das hier und jetzt klären oder müssen wir ihn herbringen?“ Die Soldatin auf dem Rücksitz lächelt unsicher. „Was ihr macht, ist illegal!“ ruft einer der Aktivisten. „Warum illegal?“ ruft der Soldat zurück: „Das ist israelisches Land.“ Bilu korrigiert ihn: „Das ist Land der Waqf.“ „Land von wem?“, fragt der Soldat. Man glaubt ihm, dass er nicht weiß, wovon die Rede ist.

Bilu, die Aktivistin, breitet mit einem Schwung ihre Arme aus: „Ich sage den Rechten und den Soldaten immer: Jalla, annektiert bitte. Dann müssten wir den Palästinensern wenigstens die gleichen Rechte geben, etwa das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft, Zugang zu Wasser, zu Elektrizität.“ Genau deswegen aber glaubt sie nicht daran, dass es in nächster Zeit zu einer Annexion kommt. „Die Politiker machen großen Wind mit der Idee, um zu zeigen, dass sie die Rechtesten, Patriotischsten sind. Aber am Ende haben die Israelis vor einer Annexion doch viel mehr Angst als die Palästinenser.“ Sie macht eine Pause. Dann ergänzt sie: „Ohnehin verhalten sich alle so, als sei das Jordantal schon annektiert.“

Fragt man die Soldaten, was sie von einer Annexion halten, schütteln sie den Kopf. Sie möchten sich lieber nicht äußern, sagen sie. Doch dann platzt es doch aus der Soldatin heraus: „Das ist unser Land. Nichts Besseres zu tun, als solche Fragen zu stellen?“ Kurz darauf erhalten sie einen Anruf und fahren auf Omm Khaleds Herde zu. Die drei Aktivisten laufen hinterher. „Wenn sie in die Herde hineinfahren“, ruft Bilu im Laufen einer anderen zu: „filme es.“ Der Jeep fährt nicht in die Herde. „Das ist nicht immer so“, sagt Bilu. „Einmal sind sie mitten hineingefahren.“ Sie zeigt auf den nächsten Hügel, weg von Atidias Außenposten. „Da ist A-Gebiet“, sagt Bilu, „unter palästinensischer Kontrolle. Mal sehen, ob sie die Schafe auch von dort vertreiben.“

Auch dem Soldaten ist offensichtlich nicht wohl dabei, die Herde noch vom nächsten Hügel zu vertreiben. Er steht neben dem Jeep und telefoniert. „Aber da ist doch A-Gebiet“, ruft er entrüstet ins Handy und zeigt auf den Hügel unter palästinensischer Verwaltung, auf den die Schäfer gerade ihre Herde treiben. „Selbst wenn die Hirten die Schafe dort grasen lassen“, fährt der Soldat fort, „beschwert sich Omer.“ Bilu lacht bitter auf: „Immerhin hat der Soldat Skrupel.“

Mittlerweile sinkt die Sonne. Die Soldaten auf dem Weideland, auf der anderen Seite der Straße, haben sich zurückgezogen. „Die Tiere haben gegessen“, sagt Ada Bilu und lächelt. „Das ist das Wichtigste. Ein relativ ruhiger Tag.“ Kurz danach herrscht im Jordantal wieder diese Stille, die es nur in der Wüste gibt.

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