Sieben-Tage-Inzidenz und R-Wert steigen wieder – der Wettlauf gegen die Mutationen hat begonnen Coronavirus erreicht neue Stufe

Von 
Julia Emmrich
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Berlin. Bis vor wenigen Tagen sah es noch gut aus: Zwei Monate harter Lockdown – und Deutschland konnte endlich wieder aufatmen. Die Infektionszahlen gingen zurück, die vorsichtige Öffnung vieler Schulen und Kitas an diesem Montag schien ein überschaubares Risiko zu sein. Doch spätestens seit dem Wochenende ist mit dem Abwärtstrend vorerst Schluss. Die Sieben-Tage-Inzidenz stagnierte erst, seit zwei Tagen steigt sie wieder und lag am Sonntagmorgen erneut bei über 60 Fällen pro 100 000 Einwohner. Sorge bereitet auch der R-Wert: Er lag am Sonntag mit 1,10 zum dritten Mal hintereinander über der kritischen Marke von 1.

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Treiben die hochinfektiösen Mutationen das Land in die dritte Pandemiewelle? Oder gelingt es, mit schnellen Impfungen den Wettlauf gegen die Mutationen zu gewinnen? Experten sind besorgt: „Der Inzidenzwert zeigt, wo wir aktuell stehen. Der R-Wert zeigt, wohin wir gerade gehen“, sagt der Mediziner Frank Ulrich Montgomery. „Bei einem Wert klar über 1,0 droht wieder exponentielles Wachstum – und genau das ist jetzt der Fall.“ Der Vorsitzende des Weltärztebundes ist besorgt: Das Virus habe mit seinen Mutationen eine neue Stufe erreicht. Es sei nicht nur ansteckender, sondern führe wahrscheinlich auch zu schweren Krankheitsverläufen. „Wer in Zeiten steigender R-Werte über Lockerungen spricht, handelt absolut unverantwortlich“, sagte Montgomery dieser Redaktion.

Unmut über Bund-Länder-Treffen

Eine Krankenpflegerin in Schutzkleidung auf der Intensivstation des Uniklinikums Essen. Der Weltärztebund fürchtet, dass die neuen Coronavirus-Formen nicht nur ansteckender sind, sondern auch zu schwereren Krankheitsverläufen führen. © dpa

In den kommenden Tagen wird sich entscheiden, wer Recht behält: Die Vorsichtigen unter den Länderchefs, die mit Blick auf die Mutationen vor schnellen Lockerungsschritten warnen – oder die Zuversichtlichen, die bereits jetzt mit ersten regionalen Öffnungen begonnen haben. Generell gilt: Die bundesweiten Lockdown-Regeln gehen vorerst bis zum 7. März, beim nächsten virtuellen Treffen am 3. März wollen die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten die nächsten Schritte verabreden. Ob die Öffnung von Kitas und Schulen ein Infektionstreiber ist, wird dann allenfalls in Ansätzen sichtbar sein. Ob eine Einigung auf weitere bundesweite Öffnungsschritte gelingt, ist offen. Das liegt nicht nur an den grassierenden Mutationen. Das liegt auch an der Bund-Länder-Runde selbst.

Scharfe Kritik daran übte jetzt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer: „In dieser großen Runde ist eigentlich gar keine abschließende und offene Diskussion möglich, weil alles, jeder Satz, sofort nach außen dringt. Es ist eine absolut nichtvertrauliche Runde. Das hat das Beratungsklima zerstört“, sagte die SPD-Politikerin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Auch Montgomery ärgert sich über das Verhalten vieler politischen Entscheidungsträger: „Es geht sehr oft nicht um epidemiologische Fakten, sondern vor allem um Eitelkeiten“, sagte der Mediziner. Das Problem seien vor allem die Länderchefs. „Ich habe die große Sorge, dass diese Entwicklung mit dem heraufziehenden Bundestagswahlkampf noch eskaliert.“

Lehrer kommen früher dran

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Grundschüler und Schüler der Abschlussklassen kehren an diesem Montagmorgen in vielen Bundesländern in die Schulen zurück, auch in vielen Kitas geht der Regelbetrieb wieder los. Es ist ein Risiko – auch für Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher. Wenn sich an diesem Montag die Gesundheitsministerinnen und -minister der Länder zusammenschalten, werden sie deswegen voraussichtlich grünes Licht geben für eine Änderung der Impfreihenfolge zugunsten des Personals in Schulen und Kitas. Bislang sind sie in der 3. Prioritätsstufe eingeordnet, künftig sollen zumindest Erzieher und Grundschullehrer in die zweite Stufe aufrücken. Montgomery sprach sich dafür aus, erst gar nicht zu warten, bis die zweite Gruppe formal an der Reihe sei: „Wichtig ist jetzt, die Impfungen zu beschleunigen. Impfstoffdosen, die in der ersten Prioritätsgruppe nicht abgerufen werden, müssen jetzt sofort in der zweiten Gruppe zum Einsatz kommen. Wir dürfen uns hier nicht sklavisch an die Impfreihenfolge halten.“

An diesem Montag soll das Corona-Kabinett der Bundesregierung entscheiden, ob die verschärften Grenzkontrollen nach Tschechien und dem österreichischen Bundesland Tirol verlängert werden – Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist für eine Verlängerung bis zum 3. März, bislang laufen sie in der Nacht zu Mittwoch aus.

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In der vergangenen Woche waren bei Grenzkontrollen an den Übergängen zu Tschechien und Tirol fast 16 000 Menschen zurückgewiesen worden, davon allein 4522 Personen ohne negativen Corona-Test. An diesem Montag könnte nun auch das französische Department Moselle an der Grenze zum Saarland dazu kommen.

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Bisher gilt Frankreich als „Risikogebiet“. Nun allerdings könnte die an das Saarland grenzende Region als „Hochinzidenzgebiet“ oder sogar als „Virusvariantengebiet“ eingestuft werden.

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dpa/sba
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