Italien - Der Gründer der Fünf Sterne schwört die Bewegung auf eine große Koalition unter Mario Draghi ein Beppe Grillo als der Königsmacher?

Von 
Julius Müller-Meinigen
Lesedauer: 

Rom. Wenn man italienische Politiker als Clowns bezeichnet, dann macht man bei Beppe Grillo gewiss keinen Fehler. Der 72-jährige Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung ist ein Komiker, der im Lauf seiner Karriere immer politischer wurde und nun die entscheidende Figur bei der Bildung einer neuen italienischen Regierung unter Mario Draghi ist. Der Gründervater der Sterne verfügte, die bereits angesetzte Mitgliederbefragung über eine Regierungsbeteiligung noch einmal zu verschieben. Alles in Rom hängt nun von den Sternen und von Beppe Grillo ab.

AdUnit urban-intext1

Seine Karriere als Komiker begann Grillo beim italienischen Staatsfernsehen in den 80er Jahren. „Wenn die Chinesen alle Sozialisten sind, wen bestehlen sie dann?“, provozierte der gebürtige Genovese 1987 den damaligen sozialistischen und der Korruption beschuldigten Ministerpräsidenten Bettino Craxi. Seine satirischen Proteste mündeten 2009 in die Gründung der Fünf-Sterne-Bewegung, die sich den fünf Themen Wasser, Umwelt, Transport, Netz und Entwicklung verschrieb. Vielen Italienern sprach Grillo mit seiner Kritik aus der Seele. Ebenso legendär wie ordinär waren seine V-Days („Vaffanculo“ – dt. Leck mich am Arsch), auf denen Tausende gegen korrupte und vorbestrafte Politiker protestierten.

Vom Komiker zum Politiker

Beppe Grillo, Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung. © dpa

Seit 2018 sind die „Grillini“ stärkste Partei im Parlament. Der Gründervater selbst bekleidete jedoch nie ein Amt. Grillo ist vorbestraft und darf den Statuten seiner Bewegung zufolge damit nicht für politische Ämter kandidieren. 1981 verschuldete er fahrlässig einen Unfall, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Für ihn wurde deshalb die Rolle des „Garanten“ der Bewegung geschaffen, eine Art Übervater und Koordinator im Hintergrund. Jetzt, wo der ehemalige EZB-Chef Draghi an der Bildung einer Regierung arbeitet, ist Grillo als Guru um Hintergrund besonders gefragt. Er ist der letzte gemeinsame Nenner in der zerstrittenen Bewegung. Die Sterne sind Mehrheitspartei im Parlament, der Ex-Bankier Draghi und andere Koalitionäre sind in der Bewegung nicht einfach zu vermitteln.

Zweimal ist Grillo in den vergangenen Tagen nach Rom zu den Sondierungsgesprächen mit Draghi gereist, der am Mittwoch mit den Gewerkschaften beriet. Der 72-Jährige aus Genua begleitete den Interimschef der Sterne, Vito Crimi, sowie die Fraktionschefs. Die Verschleißerscheinungen bei den Sternen sind nach drei Jahren Regierung deutlich, nach Umfragen kämen sie heute auf weniger als die Hälfte der Stimmen von 2018. Die Partei ist nach der Regierungserfahrung zuerst mit der rechten Lega und anschließend mit den Sozialdemokraten in einem Linksbündnis weiter auf Identitätssuche. Während die Führungsriege um Grillo den Eintritt in die Koalition unter Draghi befürwortet, gibt es auch kritische Stimmen. Der Partei droht der Bruch.

AdUnit urban-intext2

„Ich habe den Bankier Gottes erwartet, aber er ist ein Grillino und will Mitglied werden“, scherzte Grillo über die Sondierungen mit Draghi, der im linken Flügel der Bewegung als Ausdruck des Großkapitals verachtet wird. „Ich habe mit ihm gesprochen und er hat immer genickt“, sagte Grillo. Die bereits angesetzte Mitgliederbefragung soll nun erst stattfinden, wenn Draghi sein Regierungsprogramm öffentlich gemacht habe. Grillo und die Sterne spielen auf Zeit.