Großbritannien - Tausende Freiwillige helfen Pflegern und Ärzten Armee der Gutherzigen

Von 
Katrin Pribyl
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London. Nach Thronfolger Prinz Charles hat es auch den britischen Premierminister erwischt: Boris Johnson hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Kurz darauf wurde bekannt, dass auch Gesundheitsminister Matt Hancock infiziert ist. Der konservative Premier nutzte die Möglichkeit, um – ganz Johnson – etwas Optimismus zu verbreiten trotz der täglich steigenden Zahl von Todesopfern. Würden die Bürger die beschlossenen Maßnahmen einhalten, zu Hause bleiben und jegliche Kontakte vermeiden, könne man das Coronavirus bald besiegen. „Wir werden es schlagen und wir werden es gemeinsam schlagen“, sagte Johnson. Er dankte allen Mitarbeitern des staatlichen Gesundheitsdiensts NHS, den Behörden sowie den Zehntausenden Freiwilligen, die sich gemeldet haben, um das marode, jetzt schon überlastete Gesundheitssystem im Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen.

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Die gezeigte Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung sorgt für Freude in diesen angespannten Zeiten. So überschlug sich die Presse nur so vor Anerkennung. „Volksarmee der Güte“, lobte ein Blatt, eine andere Zeitung titelte „Armee der Gutherzigen“. Innerhalb von nur 24 Stunden hatten mehr als 400 000 Bürger auf den Appell der Regierung geantwortet, seitdem werden es stündlich mehr.

Zunächst hatten der Premier sowie Gesundheitsminister Matt Hancock nach eigenen Angaben gehofft, dass sich eine Viertelmillion Menschen melden würden. Johnson führte aus, die Ehrenamtlichen könnten eine „einfache, aber entscheidende“ Rolle einnehmen. So sollen sie vor allem die Mitarbeiter des NHS entlasten bei der Betreuung jener 1,5 Millionen Menschen, die aufgrund ihres Alters, wegen Vorerkrankungen oder gesundheitlichen Problemen besonderen Schutz benötigen und auf Anweisung der Regierung zwölf Wochen lang zu Hause bleiben sollen. Dabei geht es um unterschiedliche Tätigkeiten: Lebensmittel und Medikamente von entsprechenden Stellen einsammeln und an Bürger in Quarantäne ausliefern, Patienten aus dem Krankenhaus abholen, Vorräte transportieren oder Ansprechpartner sein für allein lebende Menschen, die sich aufgrund ihrer Selbstisolation einsam fühlen.

Politik setzt auf Mithilfe

Überfüllte Kliniken, fehlendes Personal, verschobene Operationen, nicht genügend Betten – die Politik ist sich des desolaten Zustands bewusst, in dem sich das aus Steuermitteln finanzierte Gesundheitssystem, das auch ohne Corona jeden Winter kurz vor dem Kollaps steht, befindet. Und baut in der jetzigen Krise deshalb auch auf den Einsatz der Zivilbevölkerung. Die Massenmobilisierung erinnert an jene in den beiden Weltkriegen, wie etliche Beobachter sofort anmerkten.

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„Zu den wundervollen Eigenschaften der Briten gehört, dass, wenn es hart auf hart kommt, das ganze Land an einem Strang zieht“, sagte Lady Sara Bathurst gegenüber einer Zeitung. Die Gräfin hat sich – ohne zu zögern, wie sie hinzufügte – mit ihrem Ehemann ebenfalls zum ehrenamtlichen Dienst bereiterklärt. Schon die Urgroßmutter von Graf Bathurst habe während des Ersten Weltkriegs als freiwillige Pflegerin geholfen. „Ich denke, wir haben jetzt diese geistige Kriegshaltung.“ Damals wurden die Massen mobilisiert, auch Tausende Frauen folgten als Lazarett-Schwestern dem Ruf an die Front. Berühmt wurde ein Poster im 1914, auf dem der britische Kriegsminister Lord Kitchener mit dem Finger auf den Betrachter zeigt, darunter steht: „wants you“ (Deutsch: will dich“. Tausende Freiwilligeunterstützten die britische Armee. Nun soll in der Gesundheitskrise wieder eine gemeinsame nationale Anstrengung helfen.

Korrespondent