Analyse: Mannheimer Psychologe warnt davor, Hinterbliebene mit falschen Rückschlüssen zu belasten "Amoklauf fällt nicht vom Himmel"

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Karolin Rösel

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Mannheim. Nach dem Amoklauf von Winnenden warnt Harald Dreßing (Bild), Leiter des Bereichs Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, vor voreiligen Erklärungsversuchen. "Wenn man rückblickend analysiert, ergeben sich plötzlich viele Hinweise. Doch Amokläufe sind glücklicherweise so selten, dass man die Gründe wissenschaftlich gar nicht belegen kann - entgegen dem menschlichen Bedürfnis nach Logik und Erklärung", sagte der Experte dieser Zeitung.

Mit Schuldzuweisungen ("Ihr hättet euch um ihn kümmern müssen") und falschen Rückschlüssen ("Man hätte die Tat verhindern können") sei Angehörigen und Augenzeugen deshalb am wenigsten geholfen. Zumal diese durch die Tat ohnehin ein Trauma erlitten hätten, das psychische Störungen nach sich ziehen könne. "Die Annahme, dass man sämtliche Amokläufe verhindern kann, würde ja bedeuten, dass man all den Menschen, die mit dem Täter zu tun hatten, einer unglaublichen Schuld aussetzt", so Dreßing. Solange es Menschen gebe, seien solche Taten nicht zu verhindern.

Trotzdem: "Ein Amoklauf fällt nicht vom Himmel." In aller Regel werde eine solche Tat vorher in der Fantasie durchgespielt, und es gebe Warnsignale wie Ankündigungen im Internet oder Äußerungen über "Vorbilder" wie Amokläufer in den USA. "So etwas sollte man sehr ernst nehmen und dem auch nachgehen. Ordnet man diese Warnzeichen richtig ein, könnte Prävention eventuell hier ansetzen", meint Dreßing. Auch die von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) angeregten "Erziehungs-Partnerschaften" zwischen Schulen und Eltern bewertet er positiv. "Wichtig ist, sich intensiv um isoliert wirkende Jugendliche zu kümmern." Aber letztlich werde auch das nicht alle Amokläufe verhindern.

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Spätere Täter seien häufig "auffällig unauffällig", sozial nicht gut integriert und könnten ihre Gefühle schlecht ausdrücken. Tatsächliche oder vermeintliche Kränkungen sammelten sich an. "Die psychische Situation eines Amokläufers ist häufig ähnlich der eines Selbstmörders: Er fühlt sich verzweifelt, gedemütigt." Für einen Amoklauf reicht das natürlich nicht aus: "Hinzu kommt ein übertriebenes Geltungsbedürfnis." Mit dem Amoklauf erzeuge der Täter Aufmerksamkeit, die er im realen Leben vermutlich nie erreichen werde. Die Selbstzerstörung, die nahezu immer mit der Tat einhergehe, gehöre zu diesem dramatischen Ablauf. Im Englischen spreche man vom "Suicide by Cop": Selbstmord durch einen Polizisten.