Interview - Der Mainzer Resilienzforscher Klaus Lieb hofft, dass die Gesellschaft gestärkt aus der Corona-Krise hervorgeht „Alte Menschen sind häufig weniger belastet als junge“

Von 
Stefanie Ball
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Mannheim. Die Alten gehören zur gefährdeten Gruppe in der Corona-Pandemie. Und doch fürchten sie diese weniger als die Jungen. Der Grund: Es ist nicht die erste Krise in ihrem Leben. „Wir haben in unseren Untersuchungen gesehen, dass alte Menschen häufig weniger belastet waren“, sagt Professor Klaus Lieb, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) in Mainz. Er fordert, vor allem Menschen im Blick zu behalten, die sich um ihre finanzielle Situation sorgten.

Erforschung der Psyche

Klaus Lieb ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) in Mainz.

Er ist außerdem Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.

Das LIR ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut; es gehört seit Anfang 2020 zur Leibniz-Gemeinschaft. Ziel ist die Erforschung der Resilienz, also der Fähigkeit, die psychische Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen aufrechtzuerhalten. sba (Bild: LIR)

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Herr Lieb, die Corona-Pandemie dauert fast schon ein Jahr an. Wie belastend ist das?

Klaus Lieb: Wir haben Studien weltweit ausgewertet, und es ist nachweislich so, dass die Menschen belastet sind, das Stresserleben ist deutlich erhöht, und wir haben auch vermehrt depressive Symptome sowie Gefühle der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit gesehen. Es gibt aber auch positive Aspekte.

Welche?

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Lieb: An unserem Institut liefen schon vor Corona Langzeitstudien zum Thema Resilienz, Stressempfinden und Widerstandsfähigkeit. Die haben wir genutzt und bei einer Gruppe von 500 Personen durch wiederholte Befragung geschaut, wie sie mit dem ersten Lockdown umgegangen sind. Ein Ergebnis war, da waren wir erst einmal perplex, dass für einen großen Anteil der Befragten der Lockdown eher einen positiven Effekt hatte. Die waren nicht mehr so im Stress, arbeiteten von zu Hause, mussten nicht mehr stundenlang im Stau stehen, haben sich nicht sonst irgendwie geärgert oder waren unter Druck.

Auf der anderen Seite fühlten sich Menschen belastet. Wodurch konkret?

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Lieb: Da gibt es mehrere Faktoren. Ein Faktor ist die Angst, sich selbst mit Corona zu infizieren oder dass ein naher Angehöriger erkrankt und vielleicht sogar stirbt. Einer der größten Risikofaktoren für spätere psychische Erkrankungen aber ist die Sorge, durch die Pandemie finanziellen Schaden zu nehmen. Wir haben das in der Weltwirtschaftskrise 2008 gesehen, danach waren viele Menschen so verzweifelt, dass sie nicht mehr weiterleben wollten. Die müssen wir im Auge behalten.

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Stress ist ja relativ, was der eine als stressig empfindet, ist für den anderen normal. Warum ist das so?

Lieb: Früher wurde angenommen, dass Widerstandsfähigkeit, Stressresilienz den Menschen in die Wiege gelegt ist. Tatsächlich hängt dies aber weniger von der genetischen Ausstattung ab als von verschiedenen Faktoren und Verhaltensweisen, die Menschen mitbringen und die sich während ihres Lebens auch unterschiedlich ausprägen. Das heißt, ein gutes Maß an Resilienz lässt sich lernen.

Was sind das für Faktoren, die sich erlernen lassen?

Lieb: Unsere Studien zur Corona-Situation zeigen, dass diejenigen allgemein gut mit der Situation zurechtkommen, denen es gelingt, ihre sozialen Kontakte trotz des Lockdowns aufrechtzuerhalten, die Alltagsroutinen beibehalten, die gleichmäßig aufstehen, für Bewegung und Schlaf sorgen. Ein anderer Faktor ist, sich nicht von negativen Emotionen hinreißen zu lassen und nur zu sehen, wie schlimm und schrecklich alles ist, sondern zu erkennen, dass es auch positive Aspekte gibt, man kann die Zeit nutzen, um innezuhalten, zur Ruhe zu kommen, über die Prioritäten in seinem Leben nachzudenken.

Hängt Resilienz auch vom Alter ab? Sind alte Menschen widerstandsfähiger?

Lieb: Das ist eine interessante Frage, weil wir uns zunächst einmal besonders um die Alten Sorgen machen. Wir haben aber in unseren Studien gesehen, dass alte Menschen häufiger weniger belastet waren als junge. Auch weil sie zurückgeschaut und gesagt haben, das ist ja nicht die erste Krise, die wir in unserem Leben hatten. Vielleicht haben sie sich auch erinnert, wie sie mit früheren Krisen umgegangen sind. Interessanterweise hat das dazu geführt, dass zu Beginn der Pandemie gerade die Alten weniger bereit waren, Vorsichtsmaßnahmen zu befolgen, etwa einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen – weil sie sorgloser waren.

Was ist mit den Jungen?

Lieb: Aus Studien wissen wir, dass Erwachsene, die als Kind nie Belastungen ausgesetzt waren, später eher Schwierigkeiten haben, Krisen zu bewältigen. Insofern werden die Kinder und Jugendlichen zwar unter den Umständen leiden, aber wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, haben sie möglicherweise etwas fürs Leben gelernt und können sich in späteren Krisen auf das zurückbesinnen, was ihnen jetzt geholfen hat.

Im besten Fall gehen wir also gestärkt aus der Krise hervor?

Lieb: Den Resilienzblick zu haben, heißt ja, nicht nur auf das Negative zu schauen, sondern auch auf das, was positiv daraus hervorgeht. Wir haben gerade einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt, um diese unerwarteten, möglicherweise positiven Effekte auf die Gesellschaft zu untersuchen. Werden wir nach der Pandemie sozialer sein? Werden wir mehr auf unsere Mitbürger achten? Uns klimafreundlicher verhalten? Ich bin sehr gespannt, ob wir sogenannte positive „Spill-over-Effekte“ der Krise finden werden.

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