„Ältere können jetzt schneller geimpft werden“

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Er gilt als der ins Taumeln geratene Krisenmanager der Corona-Pandemie: Gesundheitsminister Jens Spahn. Im Interview mit dieser Redaktion spricht der CDU-Politiker über den Impf-Start und mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

Jens Spahn

Jens Georg Spahn (40) ist seit März 2018 Bundesgesundheitsminister und seit Januar stellvertretender CDU-Chef. Seine Kandidatur für den Parteivorsitz war im Dezember 2018 gescheitert.

Der Münsterländer, dem Mitschüler in der Abizeitung als Berufswunsch „Bundeskanzler“ zuschrieben, ist gelernter Bankkaufmann. Seit 2002 sitzt er im Bundestag, parallel studierte er Politikwissenschaft.

Spahn war Mitglied im Gesundheitsausschuss. max

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Die Tür zum Ministerbüro in Berlin geht mit etwas Verspätung auf. Jens Spahn hat sich gerade noch per Video mit dem Virologen Alexander Kekulé ausgetauscht. Enttäuschung über den Impfgipfel, der in der vorigen Nacht mit mageren Ergebnissen zu Ende gegangen ist, lässt sich der Gesundheitsminister nicht anmerken.

Herr Spahn, wie viele Menschen in Deutschland können mit Corona-Impfung in den Sommerurlaub fahren?

Jens Spahn: Wenn wie geplant weitere Impfstoffe zugelassen werden und Produktion und Lieferungen aus den Bestellungen der EU so laufen wie angekündigt, dann werden wir im Sommer jedem Erwachsenen in Deutschland die Möglichkeit geben, eine Impfung zu bekommen.

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Andere Länder – auch in Europa – kommen deutlich schneller voran. Und der Impfgipfel hat keine großen Fortschritte gebracht …

Spahn: Ja, es gibt Länder, die im Moment eine höhere Impfquote haben als wir. Aber wir sollten bei allen Diskussionen schon wahrnehmen, dass bei 194 Staaten auf der Welt nicht einmal in 50 überhaupt gegen Corona geimpft wird. Außerdem haben die Tagesvergleiche keinen hohen Aussagewert, weil die Staaten unterschiedliche Strategien anwenden. Wir sind bewusst zuerst in die Pflegeheime gegangen. Das ist aufwendiger. Und die Bundesländer haben bewusst eine Rücklage gebildet für die Zweitimpfung, weil wir auf den Vollschutz setzen. Das tut Großbritannien beispielsweise nicht. Wir haben in Deutschland schon über 700 000 Zweitimpfungen. Ein Drittel aller Geimpften haben damit den vollständigen Schutz, in den Pflegeeinrichtungen sogar über 40 Prozent – da liegen wir in Europa ziemlich weit vorn.

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Sie wollen jetzt nicht sagen, dass es gut läuft.

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Spahn: Ich verstehe die Debatte und sage ja auch, dass der Start schwierig war. Aber so richtig vergleichen kann man die Fortschritte beim Impfen eben erst mit etwas Abstand. Wichtig ist, dass wir bei dem Impfgipfel eine gemeinsame, realistische Einschätzung bekommen haben, wo wir stehen. Die letzten Wochen waren davon geprägt, dass jeder jeden kritisiert hat. Aber die wirksamste Aufstellung innerhalb der Regierung und zwischen den Ländern ist: gemeinsam gegen das Virus.

Welche Fehler haben Sie bei der Impfstoffbeschaffung gemacht?

Spahn: Ich hätte öffentlich noch deutlicher machen müssen, was uns erwartet. Der Impfstoff ist am Anfang knapp und wir müssen priorisieren. Das habe ich wochenlang vor Start der Impfungen immer wieder betont, aber scheinbar nicht genug. Denn viele hatten an Weihnachten die verständliche Sehnsucht, einfach schnell aus dieser Pandemie raus zu kommen. Dazu kamen dann die Schwierigkeiten bei Lieferungen und den Terminvergaben. Das führte zu Unzufriedenheit und das kann ich gut verstehen. Ich will aber auch noch einmal hervorheben: Am Montag haben die Hersteller deutlich gemacht, dass mehr Geld nicht automatisch mehr Impfstoff für die EU bedeutet hätte – und dass auch jetzt nicht mehr Geld das eigentliche Problem der knappen Rohstoffe und Kapazitäten löst.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki sagt es so: Viele Menschen werden sterben, weil die Impfstoffbeschaffung für den Gesundheitsminister keine Priorität hatte.

Spahn: Es sterben viele Menschen, weil diese Jahrhundertpandemie über uns gekommen ist. Wenn man anfängt, Entscheidungen und Vorschläge mit Toten aufzuwiegen, ist das das Ende jeder konstruktiven Debatte.

Sie ändern die Regeln für die Impfungen – weil Ältere in Deutschland das Präparat von Astrazeneca nicht bekommen sollen. Was sagen Sie den vielen Enttäuschten?

Spahn: Dass wir drei überdurchschnittlich wirksame Impfstoffe haben. Alle schützen vor einer Covid-19-Erkrankung. Nur weil es von Astrazeneca noch keine ausreichenden Studien mit Älteren gibt, gibt es hier eine Altersbegrenzung. Aber so können Ältere jetzt schneller geimpft werden. Denn wenn wir den vielen Jüngeren in der ersten Impf-Gruppe ein Impfangebot mit dem Impfstoff von Astrazeneca machen können, stehen für die über 80-Jährigen mehr Impfstoffe von Biontech und Moderna zur Verfügung. So schützen wir die Gruppe der besonders Gefährdeten insgesamt schneller. Im Übrigen will Astrazeneca in absehbarer Zeit Studien vorlegen, um die Wirksamkeit des Impfstoffs auch bei Älteren zu zeigen. Sobald das geschieht, wird die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung überarbeiten.

Was tun Sie für die 80-Jährigen, die tagelang in der Warteschleife hängen und doch keinen Impftermin bekommen?

Spahn: Wir sind dazu mit den Ländern im ständigen Austausch, um die Situation zu verbessern. Vielerorts läuft die Terminvergabe vorbildlich. Davon können andere lernen. Aber die Aufgabe ist nicht einfach. Die Zahl der Terminanfragen ist enorm hoch. Der Impfstoff ist knapp. Und langfristige Termine sind deshalb nur bedingt verlässlich.

Der Lockdown ist bis 14. Februar befristet. Was sagen Sie den Menschen, die auf Lockerungen hoffen?

Spahn: Die Zahlen sind ermutigend, es gibt bei den Neuinfektionen einen spürbaren Trend nach unten. Aber man kann noch nicht abschließend sagen, wo wir am 14. Februar stehen. Vor dem nächsten Treffen von Bund und Ländern am 10. Februar wird das Robert Koch-Institut erste Ergebnisse mitteilen, wie sich die Mutationen bisher verbreiten. Klar ist: Wir brauchen einen verantwortungsvollen Übergang vom Lockdown in einen neuen Normalzustand. Je mehr wir Schutzmaßnahmen in unseren Alltag integrieren und wir uns alle daran halten, desto leichter fällt es, in bestimmten Bereichen wieder zu öffnen …

… und zwar in welchen?

Spahn: Aus meiner Sicht sind auf jeden Fall zuerst Kitas und Schulen dran. Das ist wichtig für die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Eltern. Und danach wird nach und nach auch in anderen Bereichen gelockert. Ob das schon ab dem 15. Februar oder erst später geht, wird nächste Woche entschieden.

Geht das erst, wenn das erklärte Ziel – ein Inzidenzwert unter 50 – erreicht ist?

Spahn: Im Zweifel müssen wir sogar noch weiter runter mit den Zahlen. Die Stufenpläne, die in manchen Bundesländern erarbeitet werden, halte ich für klug. Man muss regional unterschiedlich agieren und reagieren können. Wir können nicht den ganzen Winter in diesem harten Lockdown bleiben. Das würden wir nicht gut aushalten als Gesellschaft. Deswegen müssen wir – unter den erschwerten Bedingungen der Mutation – die neuen Alltagsregeln klären.