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Migration - Mehr als 1000 Afghanen sind seit 2016 aus Deutschland in ihre Heimat zurückgebracht worden – viele wollen wieder weg

Abgeschoben – und dann?

Von 
Emran Feroz
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Kabul. Während Farhad (Name von der Redaktion geändert), Anfang 20, durch den Kabuler Stadtteil Shar-e Naw spaziert, wirkt er etwas verloren. Er trägt auffällige Sneaker, einen Adidas-Pullover und einen modischen Undercut. Außerdem hat er stets einen vollgepackten Rucksack dabei. Manche Menschen starren ihn an. „Wahrscheinlich merken sie, dass ich nicht von hier bin“, sagt er. Vor rund fünf Monaten musste Farhad gemeinsam mit 25 weiteren jungen Männern in Deutschland in ein Flugzeug steigen, das ihn in die afghanische Hauptstadt Kabul brachte. Es war der 36. Abschiebeflug der deutschen Bundesregierung.

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45 abgelehnte Asylbewerber wurden im Juli 2019 per Sonderflug in Afghanistans Hauptstadt Kabul abgeschoben. © dpa

Für die meisten Abgeschobenen ist Kabul eine fremde Stadt voller Gefahren, in der es kaum Anlaufstellen für deren Belange gibt. Ein Hotel in der Innenstadt ist eine Ausnahme. Hier tauchen abgeschobene Geflüchtete auf. „Viele von ihnen kommen aus Deutschland, Frankreich, Österreich oder Schweden. Wir kümmern uns um sie, doch unsere Ressourcen sind begrenzt“, sagt der Hotelmanager, der mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zusammenarbeitet. Eine Nacht im Hotel kostet 1000 Afghani, etwas mehr als zehn Euro, die IOM trägt die Kosten.

Im Sommer 2015 geflohen

Auch Farhad hat niemanden in Kabul. Seine Verwandten sind vor Jahren geflüchtet. Viele von ihnen leben in der Türkei oder in Deutschland, wo sie Asyl bekamen. Farhad floh im Sommer 2015 aus Afghanistan, da war er 15 Jahre alt. Über Pakistan, den Iran und die Türkei kam er nach Europa. In Süddeutschland fand er seine „neue Heimat“. „Es war etwas völlig Neues, endlich in Sicherheit zu leben. Wir konnten ruhig schlafen und hörten keine Explosionen mehr“, erzählt er.

Es sind traumatische Erinnerungen die Farhad mit Kabul verbindet. Hier wurde sein Bruder von Unbekannten, womöglich Taliban-Anhängern, ermordet. Er hatte für eine ausländische NGO gearbeitet. „Ich war damals ein Kind. Doch ich wusste, dass ich hier keine Zukunft haben würde“, sagt Farhad.

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In Deutschland schloss er die Mittelschule ab und begann eine Ausbildung zum Koch. Farhad plante seine Zukunft. Doch dann holte ihn die deutsche Asylpolitik ein. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Die Behörden glaubten ihm nicht, dass sein Leben wie das seiner Familie bedroht ist. Etwa 62 Prozent der aus Afghanistan Geflüchteten erhielten 2020 Schutz vor Abschiebung. Farhad nicht.

Nachdem ihm klar wurde, dass eine Abschiebung drohte, flüchtete Farhad ein weiteres Mal – diesmal aus Deutschland. „Ich hatte Angst und fragte mich, warum sie mich abschieben wollten. Ich hatte nichts verbrochen“, sagt er. Nach über einem Jahr in Frankreich kehrte Farhad nach Deutschland zurück – und kam in Abschiebehaft. Zwei Wochen später landete er in Kabul. Hier fühlt sich Farhad nicht sicher. Neben dem Vormarsch der Taliban kommen für Abgeschobene weitere Gefahren, etwa Räuberbanden, die nach den „Europäern“ Ausschau halten. Sie wissen, dass diese meist ein Smartphone und Bargeld dabei haben. Nicht selten enden derartige Hinterhalte mit dem Tod. Dass die Bundesregierung die Abschiebeflüge trotz Krieg und Corona weiterhin durchführt, findet Farhad „unmenschlich“.

Farhad ist mit seinem Schicksal nicht allein. Die Mehrzahl der aus Deutschland abgeschobenen Afghanen verlässt Afghanistan wenig später erneut. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann von der Universität Bern. Sie führte Interviews mit 113 Abgeschobenen – nur einer plante, in Afghanistan zu bleiben. Die Mehrheit hatte das Land wieder verlassen. Mehr als 1000 abgelehnte Asylbewerber wurden seit Ende 2016 aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben.

„Die Politik spielt mit uns“, sagt Farhad. Die Geflüchteten seien längst verkauft worden. Er meint das „Joint Way Forward“-Abkommen zwischen der EU und Afghanistan von 2016. Seitdem gehören Abschiebungen zum Alltag.

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