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Corona - Die Bundeskanzlerin will die Impfquote hochschrauben – erst dann seien höhere Inzidenzen beherrschbar

85 Prozent sind das erklärte Ziel

Von 
Miguel Sanches
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Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte am Dienstag mit Gesundheitsminister Jens Spahn das Robert Koch-Institut. © dpa

Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kann auch anders. Gefühlig. Allen, die sich noch unsicher sind, ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen, redet die Kanzlerin ins Gewissen: „Eine Impfung schützt nicht nur sie, sondern auch immer jemanden, dem sie nahestehen, der ihnen wichtig ist, den sie lieben.“ Die Impfung – als Akt der Nächstenliebe.

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Dienstagmittag, Robert Koch-Institut (RKI), großer Bahnhof, die Kanzlerin kommt und verteilt Lob („ganz wunderbar“), aber die Seuchenbehörde ist nur eine Kulisse für eine Botschaft: „Die zentrale Frage ist: Wie viele Menschen lassen sich impfen?“ Deswegen der gefühlige Appell, deswegen auch lockt Merkel: „Je mehr geimpft sind, umso freier werden wir sein, werden wir wieder leben.“

Eine Impfpflicht, auf die Staaten wie Frankreich setzen, ist für sie keine Alternative. In den nächsten Wochen wolle sie stattdessen für das Impfen werben. „Dann diskutieren wir weiter.“ Öffnet sich da ein Hintertürchen, zumindest für Teilpflichten für einige Gruppen? RKI-Chef Lothar Wieler warnt: „Das Virus macht keine Pause. Es gönnt auch uns keine Pause.“ Die Zahl der Neuinfektionen wird wohl steigen. Und die Kanzlerin hält höhere Inzidenzen auch dann für „beherrschbar“, wenn 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen geimpft sind.

Beim RKI erfährt die Regierungschefin aus erster Hand, wo wir stehen: 10,9 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, 51,9 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und gar 83,1 Prozent der über 60-Jährigen sind mindestens einmal geimpft. Der Hinweis auf die Erstimpfung ist in diesem Zusammenhang aus einem Grund wichtig: Bei diesen Menschen nimmt man an, dass sie keine grundsätzlichen Bedenken haben. Sie müssen nicht überzeugt werden, sondern nur bequem zur Zweitimpfung kommen.

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Der Rest ist eine Frage der Ansprache. Der neben Merkel sitzende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt einen kategorischeren Ton als seine Chefin an: „Es gibt keine Ausreden mehr – Impfstoff ist da, Termine sind leicht zu bekommen.“ Wo steht nun die Impfkampagne? Es ist die sprichwörtliche Frage danach, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Anfangs sagt Merkel: „Von diesen Impfquoten sind wir weiter entfernt.“ Später wird sie präzisieren: „Wir sind nicht mehr so weit entfernt.“ Sie meint die über 60-Jährigen. Zur Erinnerung: 83,1 Prozent sind einmal geimpft – 90?Prozent sollten vollständig geimpft sein. Größer ist die Lücke bei den 12- bis 59-Jährigen – von 51,9 auf 85 Prozent. Das Impftempo sei hoch. Aber man sehe, „dass es nachlässt“, so Spahn.

Drive-in-Impfen auf dem Parkplatz

Am Morgen hatte Merkel in der Zeitung gelesen, dass in Berlin auf einem Ikea-Parkplatz das erste Drive-in-Impfzentrum in der Hauptstadt entsteht. So was gefällt ihr. „Da haben wir noch Potenzial. Der Kreativität sind kleine Grenzen gesetzt.“ Sie kennt die Befindlichkeiten. Sie weiß, dass die Vakzine manchen Menschen überflüssig, ja bedrohlich erscheinen, dass manche unsicher und uninformiert sind.

Mit einer Impfpflicht müsste die Bundesregierung bei sich selbst anfangen. Bei der Bundeswehr besteht eine „Duldungspflicht“ von Soldatinnen und Soldaten bei den grundlegenden Impfungen gegen klassische Krankheiten wie Tetanus, Polio, Diphtherie, Hepatitis A und B, Influenza. Aber bis heute zögert man bei der Truppe, ein Vakzin gegen Covid-19 mit aufzunehmen. Es gibt auch Berufsgruppen, in denen eine hohe Impfquote zum Schutz anderer besonders wichtig ist und die deutlich weniger Anzeichen von Impfmüdigkeit zeigen als die Gesamtbevölkerung. Die Gewerkschaften verweisen auf die hohe Impfbereitschaft des Lehrpersonals. „Wir gehen davon aus, dass bislang alle Lehrkräfte, die sich impfen lassen wollen, ein Impfangebot erhalten und dies knapp 90 Prozent auch wahrgenommen haben“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Das hätten Umfragen des Verbands in einigen Bundesländern ebenso ergeben wie individuelle Rückmeldungen aus Lehrerkollegien.

Auch bei der Bildungsgewerkschaft GEW geht man „nach unseren Rückmeldungen“ davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Lehrer immunisiert sind. Impfen sei zwar die beste Möglichkeit, die Pandemie zu überwinden, sagt GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Es bleibe aber die Entscheidung des oder der Einzelnen. Das ist auch der Grund, warum es keine exakten Zahlen über Impfquoten in Lehrerzimmern gibt. Lehrkräfte müssen den Ländern darüber keine Auskunft geben.

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Hohe Impfquote in Kliniken

Auf einer gesicherteren Basis argumentieren die Krankenhäuser. Sie haben ihren Ärzten und Pflegern Impfangebote gemacht und wissen ganz genau, wie diese angenommen wurden. Für sie sei die Debatte um eine Impfpflicht „kaum relevant“, versicherte ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) unserer Redaktion. Anhand einzelner Rückmeldungen von 90 Prozent und mehr „gehen wir von sehr hohen Impfquoten in den Krankenhäusern aus“. Bei der DKG sind sie sich sicher: „Es dürfte keinen anderen Bereich geben, in dem die Beschäftigten sich selbst und ihr Umfeld so gut schützen, wie im Krankenhaus.“

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