Geschichte - Ende März 1945 überquerten US-Truppen bei Oppenheim den Rhein / Hessische Bevölkerung leistete kaum Widerstand Vor 75 Jahren endet der Krieg

Von 
Oliver Pietschmann
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Das durch Bomben verwüstete Frankfurt am Main im Jahre 1945 mit der Katharinenkirche (r) und dem Eschersheimer Turm (rechts dahinter). © dpa

Darmstadt. Als Ende April 1945 in Berlin der Häuserkampf tobte und Adolf Hitlers letztes Aufgebot gegen die Rote Armee kämpfte, war auf dem Gebiet des heutigen Hessens der Krieg schon vorbei. Die Städte lagen in Trümmern, Zehntausende Menschen waren obdachlos, auf der Flucht, irrten umher. Deutschland stand nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur vor der sprichwörtlichen Stunde Null. Auf dem Gebiet des heutigen Hessen verlief das Kriegsende vor 75 Jahren weitestgehend ohne große Kämpfe, und es gab nur noch wenig Widerstand gegen die vorrückenden Westalliierten.

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Das Kriegsende bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 vollzog sich dem Historiker Volker Ullrich zufolge in den verschiedenen Teilen Deutschlands unterschiedlich. „Während die Alliierten in den eroberten westlichen Gebieten vielerorts als Befreier begrüßt wurden, war in den östlichen Provinzen die Angst vor den Russen vorherrschend“, schreibt der Historiker in seinem neuen Buch „Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches“. Die Besetzung des heutigen Hessen vollzog sich binnen weniger Tage.

Nachdem Hitler bereits getobt hatte, weil es der US-Armee am 7. März 1945 in Remagen gelungen war, den Rhein zu überqueren und die dortige Brücke dabei nicht zerstört wurde, soll er gut zwei Wochen später vor einem weiteren möglichen Brückenkopf bei Oppenheim gewarnt haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten die US-Truppen unter General George S. Patton am 22. März den Fluss überquert und auf der hessischen Seiten bei Trebur einen zweiten Brückenkopf gebildet.

Verheerende Luftangriffe

Binnen weniger Tage rollten alliierte Panzer durch die zerstörten Städte Darmstadt, Offenbach, Hanau, Frankfurt, Wiesbaden, Gießen, Fulda und am 4. April dann durch die letzte hessische Großstadt Kassel. Vereinzelte und mit schlecht bewaffneten Mitgliedern der Hitlerjugend und des Volkssturms aufgefüllte Verbände des deutschen Militärs ergaben sich meist schnell. Auch im zur Festung erklärten Kassel kapitulierte der Kommandant, um ein Blutvergießen zu vermeiden. Mehr als 1300 Soldaten gingen in Gefangenschaft. „Im Großen und Ganzen gab es keinen großen Widerstand“, sagt Lutz Vogel vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde.

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Doch auch, wenn für die Menschen im heutigen Hessen anders als in anderen Regionen das Kriegsende ohne große Gefechte näher rückte, so erlebten sie doch zuvor die volle Wucht des Krieges. Schon knapp ein Jahr nach Kriegsausbruch gab es vereinzelt Luftangriffe. Als eine der ersten Städte in Deutschland traf es in der Nacht zum 11. August 1940 das Dorf Bruchköbel bei Hanau. Getroffen wurden laut dem Wehrmachtsbericht: „Vier Wohnhäuser und eine Scheune“. Was noch kommen sollte, war dagegen ein Inferno. „Es gab weit mehr als 100 Luftangriffe auf hessische Städte“, sagt Vogel. Noch kurz vor Kriegsende trifft es Hanau. Am 19. März werfen weit über 200 Bomber in weniger als 20 Minuten mehr als 1000 Tonnen Bombenlast auf die Stadt und legen sie in Schutt und Asche.

20 KZ-Außenlager im Land

Mehr als 2000 Menschen verlieren ihr Leben. Nur neun Tage später marschiert die US-Armee ein. Auch viele andere Städte wie Kassel, Darmstadt, Gießen oder Frankfurt liegen in Trümmern, und Altlasten finden sich bis heute. Auch der NS-Terror hinterlässt seine Spuren. In Hessen liegen auf verschiedenen Gräberfeldern mehr als 10 600 Opfer des vom NS-Regime auch als „Euthanasie“ bezeichneten Vernichtungsprogramms begraben. Insgesamt wurden in Hadamar bei Limburg 15 000 Menschen ermordet. Das NS-Regime tötete organisiert seelisch leidende, körperlich oder geistig behinderte Menschen und chronisch Kranke. Nach Angaben des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde gab es zudem rund 20 KZ-Außenlager, in denen insbesondere Zwangsarbeiter untergebracht waren. Und die Deportationen von Juden liefen bis kurz vor den Einmarsch der Alliierten. So wurde in Frankfurt am 14. Februar 1945 ein Transport mit 300 Menschen ins Konzentrationslager Theresienstadt losgeschickt. lhe