Landtagswahl - Unter Corona-Bedingungen verlagern sich die Aktionen der Parteien verstärkt ins Digitale – das sieht man auch an den dafür verwendeten Budgets TV-Studio wird zur Kampagnen-Zentrale

Von 
Michael Schwarz
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Die Parteien setzen vermehrt auf digitale Formate: Susanne Eisenmann, Spitzenkandidatin der baden-württembergischen CDU für die Landtagswahl am 14. März, beim Online-Parteitag der CDU Baden-Württemberg. © dpa

Stuttgart. Die Zeiten ändern sich. Die Welt wird digitaler – und die Pandemie zwingt zum Umdenken. Dies gilt auch im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg. Kundgebungen auf den Marktplätzen entfallen genauso wie große Infostände in den Fußgängerzonen. Nur die Wahlkampfplakate sind als die letzten Überbleibsel der analogen Welt geblieben. Stattdessen hat sich der Landtagswahlkampf komplett ins Digitale verlagert. Und dort müssen die Parteien einiges an personellem und finanziellem Aufwand leisten, um wahrgenommen zu werden.

Mehr als 40 000 Zuschauer

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Zunächst ein Blick auf die baden-württembergische CDU. Zentrale Figur ihres digitalen Wahlkampfes ist Manuel Hagel. Als Generalsekretär der Südwest-Christdemokraten ist er qua Amt zuständig für den Wahlkampf. Und mit 32 Jahren hat er auch das richtige Alter, um in einer Welt erfolgreich zu sein, der eher etwas Jugendliches anhaftet. Hagel selbst postet auf seinem Facebook- und Instagram-Account täglich Bilder von zahllosen Videokonferenzen, mal als Talkgast bei der IHK, mal bei einer Jägervereinigung.

Doch klassische Videokonferenzen dienen vor allem dem internen Betrieb. Wie also versucht die CDU, digital zu punkten? Da wäre zunächst „Eisenmann will’s wissen“ – das zentrale Wahlkampfformat von CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann. Eigentlich war EWW, wie sie in der Landesgeschäftsstelle in Stuttgart sagen, nur analog als Besuch in allen 70 Wahlkreisen geplant. Wegen Corona wird die Reihe jetzt aber komplett im Studio der Landesgeschäftsstelle produziert. Mehr als 40 000 Zuschauer hätten sich EWW inzwischen angeschaut – live oder danach über die sozialen Medien, sagt Hagel. Eine Zahl, die man mit Veranstaltungen vor Ort wohl nie hätte erreichen können.

Hagel selbst ist seit Wochen omnipräsent in der digitalen Welt. Unter anderem lädt er alle Landtagskandidaten zum Talk ein. Ansonsten läuft der Marketingapparat der Partei rund um die Uhr. Wie andere Parteien versucht auch die CDU, mit Datenerhebung und Algorithmen in den sozialen Medien ihre Botschaften zu präsentieren. Rund ein Fünftel des 2,5 Millionen Euro hohen Wahlkampfbudgets der Südwest-CDU fließt ins Digitale – rund 25 Mal so viel wie bei der Landtagswahl 2016. Fünf Personen sind ausschließlich mit dem digitalen Wahlkampf beschäftigt – alle unter 30.

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Kreativ „Sag mal,...“ – das ist der Titel des zentralen Digital-Formats der baden-württembergischen Grünen. Hier werden Spitzenköpfe der Landes- und Bundespartei überwiegend im eigenen Studio in der Landesgeschäftsstelle, das im Wohnzimmer-Stil eingerichtet ist, befragt. Die Grünen sind kreativ und haben sich eine Reihe von Formaten ausgedacht: Bei „Behind the greens“ erhalten User Einblicke hinter die Kulissen und Erklärvideos, bei „Wähl doch, wo du willst“ können mit Blick auf die Briefwahl Fotos von den Orten hochgeladen werden, an denen man seinen Stimmzettel ausfüllt. Und es gibt noch die Podcast-Reihe „Sonntags-Ausflug“, bei der sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann an speziellen Orten tiefgründige Gedanken macht.

Die Grünen haben jedoch mit 100 000 Euro deutlich weniger ins Digitale investiert als die CDU, ihre Hauptkonkurrenz bei der Landtagswahl. Bei allen Formaten sei es ein zentrales Anliegen, aus der „eigenen Blase herauszukommen“, erklärt Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand.

Stoch beim Berufeschnuppern

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Etwa ein Drittel des Gesamtbudgets in Höhe von 1,8 Millionen Euro investiert die Südwest-SPD in den digitalen Wahlkampf. „Unser Spitzenkandidat Andreas Stoch wird immer mit der Kamera begleitet und kann sofort in einem Video aktuell kommentieren“, sagt Generalsekretär Sascha Binder. In der Reihe „Unterwegs mit“ begleitet Stoch zudem Landtagskandidaten – oder arbeitet als Aushilfskraft, um sich einen Eindruck von Berufen zu verschaffen. In den sozialen Medien gelte laut Binder die Regel: Inhalte fürs Fachpublikum auf Twitter, Emotionen auf Instagram und Informationen auf Facebook.

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Auch bei der FDP fließt ein Drittel des 800 000-Euro-Wahlkampfbudgets in Digitales. Sei es Tik Tok, Clubhouse, Instagram oder auch YouTube – die Landtagskandidaten entscheiden selbst, welche Plattformen sie nutzen. Generalsekretärin Judith Skudelny: „Man braucht viel Vertrauen in die Kandidaten, weil sie im Wahlkampf viel autonomer vorgehen können als früher.“

Korrespondent