Lübcke-Prozess - Am 28. Januar fällt das Urteil gegen Stephan E. Trotz Geständnis bleibt vieles unklar

Von 
Jens Bayer-Gimm
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Frankfurt. Es war der erste rechtsradikal motivierte Mord an einem Politiker der Bundesrepublik: Am 1. Juni 2019 um 23.20 Uhr wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha erschossen. Der Prozess gegen die beiden Angeklagten Stephan E. (47) und Markus H. (44) bot Überraschungen: Die widersprüchlichen Geständnisse des Hauptangeklagten E. tauchten diesen in ein zweifelhaftes Licht, ebenso zwei seiner mehrfach gewechselten Rechtsanwälte. Die Rolle von H. blieb unklar, der Mitangeklagte schwieg zu den Beihilfe- und Mittätervorwürfen. Nach 44 Verhandlungstagen soll am 28. Januar das Urteil fallen.

Ungeklärte Rolle im Mordfall: Markus H. vor dem Oberlandesgericht. © epd
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Es gibt keine Zeugen des Verbrechens, erst kriminalistischer Spürsinn brachte die Ermittler auf die heiße Spur. Am Hemd des Getöteten fanden sie eine Hautschuppe, und die DNA-Spur war gespeichert: Stephan E. war ein mehrfach vorbestrafter Rechtsradikaler. Am 15. Juni 2019 nahmen die Beamten E. fest. Er gestand die Tat und belastete seinen Freund Markus H. aus der rechtsradikalen Szene, ihm Waffen verkauft und mit ihm Schießübungen gemacht zu haben. H. wurde daraufhin ebenfalls verhaftet und der Beihilfe zum Mord angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, Lübcke wegen seines beruflichen Einsatzes für Flüchtlinge aus rechtsradikaler, fremdenfeindlicher Gesinnung getötet zu haben.

Am 16. Juni vergangenen Jahres begann der Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main, die Angeklagten schwiegen. Zwei Geständnisse E.s vom 25. Juni 2019 und vom 8. Januar 2020 widersprachen sich grundlegend. Im ersten von Weinkrämpfen unterbrochenen beschuldigte E. sich selbst. Ein halbes Jahr später trug er emotionslos eine andere Fassung vor, nach der H. ihn begleitet und dieser geschossen habe. Am 5. August ließ E. seinen zweiten Anwalt, Mustafa Kaplan, eine dritte Erklärung vortragen. Demnach hätten er und H. die Tat gemeinsam vorbereitet, sie seien zu zweit am Tatort gewesen, aber er, E., habe geschossen. Im Anschluss brach E. sein Schweigen. Die Version des ersten Geständnisses gehe auf seinen damaligen Anwalt Dirk Waldschmidt zurück, das zweite Geständnis sei die Idee seines Anwalts Frank Hannig gewesen.

Markus H. reagierte nicht auf die Darstellung E.s, er sei der ideologische Kopf des Anschlags gewesen. Das Gericht fand die widersprüchlichen Angaben E.s zweifelhaft, so dass es H. Anfang Oktober aus der Untersuchungshaft entließ. An den Verhandlungen musste er weiter teilnehmen.

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Bewegend waren die Auftritte von Walter Lübckes Familienangehörigen in der Verhandlung. „Wir werden damit nie fertig werden, was unserem Vater angetan wurde“, sagte sein Sohn Jan-Hendrik bei der Schilderung, wie er den Toten fand. „Die Tat hat die Familie innerlich zerrissen.“ Ähnlich äußerte sich seine Mutter, Irmgard Braun-Lübcke. Sie flehte Stephan E. an: „Sagen Sie uns die Wahrheit, nur das kann uns noch helfen!“ Der Angeklagte stammelte nur: „Es tut mir unendlich leid.“ epd