Pandemie - Regierungschef Winfried Kretschmann geht von einer stärkeren Belastung des Gesundheitssystems aus Südwesten erwartet Anstieg

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Michael Schwarz
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Ministerpräsident Winfried Kretschmann erläutert auf einer im Internet übertragenen Pressekonferenz die Corona-Vorbereitungen. © dpa

Stuttgart. Die grün-schwarze Landesregierung will Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sowie Arztpraxen im Südwesten möglichst gut auf die Welle an schwerer an dem Coronavirus Erkrankten vorbereiten. „Die Experten sagen uns, dass wir in der kommenden Woche eine Welle an Erkrankten in unseren Krankenhäusern erleben werden“, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gestern bei der virtuellen Regierungspressekonferenz in Stuttgart. Wer heute als infiziert bekannt sei, habe sich schließlich schon vor einigen Tagen – die Inkubationszeit des Coronavirus kann bis zu 14 Tagen gehen – angesteckt.

Vorschlag zur Anerkennung

  • Der SPD-Gesundheitsexperte Rainer Hinderer schlägt angesichts des Ärztemangels in der Corona-Krise vor, Ärzten in Baden-Württemberg, die alle Anerkennungen ihrer im Ausland erworbenen Ausbildung vorweisen können und nur noch eine Fachsprachenprüfung bei der Landesärztekammer ablegen müssen, sofort eine befristete Berufsausübungserlaubnis zu erteilen.
  • Zudem fordert er, auch Ärzte zu rekrutieren, die ihr Anerkennungsverfahren noch nicht fertig durchlaufen haben.
  • Diese könnten für die Fachärzte im Südwesten zumindest unterstützend tätig sein. 
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In Baden-Württemberg bewegt sich die Zahl der Infizierten in großen Schritten auf die 15 000er Marke zu. „Unser Gesundheitssystem wird in nächster Zeit an seine Belastungsgrenze kommen. Wir tun alles Mögliche, damit diese Grenze nicht überschritten wird“, erklärte Kretschmann weiter. Eine große Rolle spiele dabei, dass sich viele Baden-Württemberger über Fasching in den Skiferien im Süden befunden hätten. „Die jungen Skifahrer haben es mitgebracht, haben jetzt die Eltern infiziert, und es geht weiter auf die Großeltern.“

Eines der größten Probleme ist, dass an allen Ecken und Enden die Schutzausrüstung fehlt. Hier arbeite man rund um die Uhr mit Hochdruck an der Verbesserung der Situation, sagte Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne). So habe das Land am vergangenen Sonntag einen Vertrag über die Lieferung von 30 Millionen Schutzmasken abgeschlossen, so Lucha. Die Kosten sollen sich auf einen Betrag zwischen 50 und 100 Millionen Euro belaufen. Auf dem weltweiten Markt spitze sich die Situation jedoch immer weiter zu.

Ausrüstung wird verteilt

Aufgrund der extrem hohen Nachfrage gehe es wie im Wilden Westen zu, sagte Lucha. Wiederholt hatten Ärzte und Kliniken darüber geklagt, dass sie zu wenig Schutzausrüstung hätten. Lucha beteuerte, man habe in den vergangenen Tagen zunehmend Material beschaffen können – größere Mengen kämen bald. Dafür nehme man „einen Haufen Geld“ in die Hand.

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Das Sozialministerium hat ein Logistikzentrum damit beauftragt, die Weiterverteilung der Schutzausrüstung zu organisieren. Laut einem Verteilungsschlüssel erhalten die Stadt- und Landkreise 70 Prozent der Schutzausstattung, die fünf Universitätskliniken im Südwesten 15 Prozent, das Innenministerium für die Polizei zehn Prozent und der Justizvollzug fünf Prozent. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen oder auch ambulanten Dienste bekommen ihre Schutzausrüstung über die Stadt- und Landkreise.

In Baden-Württemberg gibt es laut Lucha aktuell rund 54 000 stationäre Krankenhausbetten und etwa 2200 Beatmungsplätze. Man sei gerade dabei, die Zahl der Beatmungsplätze auf 2800 zu erhöhen, so Lucha weiter. Zudem könne man auf rund 25 000 Plätze in Reha-Einrichtungen zurückgreifen. „Bislang reichen die Krankenhauskapazitäten noch aus“, erklärte Kretschmann. Bei schwereren Verläufen einer Erkrankung müssten die Patienten allerdings damit rechnen, „bis zu vier Wochen beatmet zu werden“, sagte Kretschmann.

Debatte um Mundschutz

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In Baden-Württemberg sind seit nunmehr zwei Wochen alle Schulen und Kindergärten und Tagespflegeeinrichtungen geschlossen. Durch etliche Verordnungen wurde das öffentliche Leben nahezu komplett heruntergefahren. „Die Lage ist unverändert ernst“, erklärte der Regierungschef. Er könne zwar verstehen, dass sich viele eine schnelle Rückkehr zum Alltag wünschen würden. Eine Diskussion über ein Ende der Verbote und Maßnahmen zur Reduktion der Ansteckungsgefahr hält er aber zum jetzigen Zeitpunkt für unseriös.

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Im Gegenteil: Kretschmann sagte, er könne sich sogar die Umsetzung einer freiwilligen Handy-Ortung vorstellen. So könnte festgestellt werden, mit welchen Personen Infizierte Kontakt hatten. Eine Pflicht für die Bevölkerung in Baden-Württemberg, Mund- oder Nasenschutz zu tragen, will die grün-schwarze Landesregierung zunächst nicht einführen. Kretschmann: „Wir brauchen die hochwertigen Schutzmasken für den medizinischen Bereich, den Pflegebereich und Menschen in anderen wichtigen Institutionen.“ (mit dpa)

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