Statt der geplanten 15 000 Menschen erhalten derzeit täglich nur etwa 7000 im Land eine Dosis / Ministerium verweist auf geringe Lieferungen Scharfe Kritik an Impfstrategie

Von 
Michael Schwarz
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Stuttgart. Warum wurden bislang in Baden-Württemberg gemessen an der Gesamtbevölkerung bundesweit am wenigsten Menschen gegen das Coronavirus geimpft? Diese Frage erhöht den Druck auf Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) – die Opposition im Landtag übt heftige Kritik.

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„Minister Lucha unternimmt nichts, um an mehr Impfstoff zu kommen. Außerdem funktioniert die Organisation nicht. Dieser Minister ist überfordert und muss dringend von der Impforganisation abgezogen werden“, poltert FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke. „Baden-Württemberg muss beim Impfen endlich mehr Dampf machen, so kann es nicht weitergehen“, fordert auch SPD-Landtagsfraktionschef Andreas Stoch. Lucha müsse erklären, warum der Südwesten „beim Impfen allen anderen Bundesländern hinterherläuft“.

50 Prozent werden zurückgehalten

Das Stuttgarter Sozialministerium verweist auf die spezielle Impfstrategie des Landes. „Die Impfzentren sollten circa 50 Prozent der Impfstoffe zurückhalten, um die Zweitimpfung sicher zu stellen. Darüber hinaus sind sie angehalten, den verfügbaren Impfstoff bis zur nächsten Lieferung zu verimpfen“, erklärt ein Sprecher. Durch regionale Unterschiede oder wegen Terminabsagen könne es zwischen den Impfzentren zu Unterschieden in der Auslastung kommen. Hauptproblem sei, dass der Bund noch wenig Impfstoff zur Verfügung stelle.

Zuletzt hatten der Mainzer Hersteller Biontech und sein US-Partner Pfizer erklärt, in dieser Woche die Liefermengen zu reduzieren – und ab 25. Januar wieder zur ursprünglichen Menge zurückzukehren. Momentan können laut dem Sprecher in Baden-Württemberg täglich rund 7000 Menschen geimpft werden. Dabei waren in den zehn zentralen Impfzentren im Südwesten eigentlich pro Tag zusammen rund 15 000 Impfungen vorgesehen. Die Zeit drängt: Allein die Über-80-Jährigen und das medizinische Personal, die zuerst geimpft werden sollen, machen im Land rund eine Million Menschen aus.

Brief an sechs Millionen Haushalte

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Lucha selbst sieht sich weiter auf dem richtigen Weg. „Baden-Württemberg hat sich bewusst dazu entschieden, die Hälfte der Lieferungen für die Zweitimpfung zurückzuhalten. Unser Ziel ist es, dass jeder, der einen Termin vereinbart, auch wirklich die notwendige Erst- und Zweit-impfung erhält, obwohl unsere Impf-Infrastruktur deutlich mehr zulässt“, sagt er. Die Impfungen verlaufen schleppend – und am Freitag gehen die landesweit 50 regionalen Kreisimpfzentren an den Start. In diesen, so der ursprüngliche Plan, sollen pro Standort bis zu 800 Personen täglich geimpft werden.

Doch auch hier fährt das Sozialministerium die Strategie, zunächst nur 50 Prozent des Impfstoffes zu verabreichen – wegen drastischen Mangels. Wie es weitergeht, will das Sozialministerium am 29. Januar in einem Schreiben informieren, das an sechs Millionen Haushalte in Baden-Württemberg versandt wird. Laut der Kabinettsvorlage Luchas, die dieser Redaktion vorliegt, kosten Erstellung und Übersendung des Bürgerbriefes mehr als eine Million Euro. In dem Brief bittet Lucha um Geduld – und verspricht: „Jeder in Baden-Württemberg eintreffende Impfstoff wird sofort der Bevölkerung zur Verfügung gestellt.“

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