Gesundheit: 8000 Mediziner und Helferinnen demonstrieren in Stuttgart gegen die Honorarreform Praxen bleiben geschlossen

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Stuttgart. Rund 8000 Ärzte und Helferinnen haben gestern in Stuttgart dem Unmut über ihre Bezahlung Luft gemacht. Tausende Praxen im Land blieben geschlossen, wie der Ärzteverband Medi mitteilte. Auch Ärzte, die nicht zur Kundgebung in die Stuttgarter Schleyer-Halle gekommen waren, hätten ihre Praxen aus Protest gegen die seit Januar gültige Arztreform nicht geöffnet. Landesweit sei wohl jede zweite Praxis geschlossen geblieben, sagte eine Medi-Sprecherin. Bei der Kundgebung in Stuttgart schwenkten die Ärzte Plakate mit Aufschriften wie "Wahltag ist Zahltag" oder "Yes, we can - Systemausstieg".

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Auslöser für den Unmut ist die seit 1. Januar 2009 geltende Honorarreform, die laut Medi im Schnitt 35 Prozent Honorareinbußen nach sich zieht, in Einzelfällen bis zu 60 Prozent. Die Ärzte seien nicht bereit, "ein unterfinanziertes System aus eigener Kraft zu unterstützen". Die Honorarreform sei gescheitert, sagte Medi-Landeschef Werner Baumgärtner. Ein Drittel der Praxen in Baden-Württemberg könne so nicht arbeiten. "Sie sind nicht mehr finanzierbar." Das Praxissterben werde weitergehen. Hinzu komme, dass der Nachwuchs fehle und immer mehr Ärzte ins Ausland gingen.

"Nagen nicht am Hungertuch"

Der Präsident des Marburger Patientenverbandes, Christian Zimmermann, nannte den Unmut der Ärzte verständlich. Sie hätten sich von der Honorarreform Zuwächse erhofft. Er kritisierte aber die Auswirkungen auf die Patienten: "Ich habe erhebliche Bedenken, wenn Konflikte zwischen Ärzten und Politik in dieser Art auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden". Er fügte hinzu: "Es ist ja nicht so, dass die Ärzte am Hungertuch nagen."

Nach seinen Worten haben Ärzte im Durchschnitt 5000 Euro netto im Monat. Allerdings sei das Spektrum sehr groß. Manche Ärzte hätten nur 2000 Euro netto, andere "verdienten sich eine goldene Nase". Das Problem der Ärzte sei, dass sie zwar Unternehmer seien, aber durch die Gesetzgebung stark eingeschränkt würden. Sein Verband schlage vor, alle Ärzte sollten ein einheitliches Grundgehalt bekommen. Für besonders gute Leistungen könnte es dann Bonuszahlungen geben.

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Als "völlig überzogen" kritisierte die SPD-Landtagsfraktion den Protesttag der Ärzte. Wer seine Praxis schließt, verstoße gegen seine Pflichten als Vertragsarzt und trage Kampfmaßnahmen auf dem Rücken der Patienten aus. "Das ist für uns nicht hinnehmbar", sagte Fraktionschef Claus Schmiedel. Er kritisierte die Kassenärztlichen Vereinigungen, die er am liebsten abschaffen würde. Schließlich hätten sie das Honorarsystem selbst entwickelt und auch unterschrieben. lsw