Pandemie - Von Angestellten in Krankenhäusern und Pflegeheimen sollen auch ohne Symptome Abstriche genommen werden Land weitet Corona-Tests aus

Von 
Michael Schwarz
Lesedauer: 
Eine Mitarbeiterin bereitet im Labor der Universitätsmedizin Mannheim Proben für einen Test auf das Coronavirus vor. © Thomas Rittelmann

Stuttgart. Das Land will deutlich mehr Menschen als bisher auf das Coronavirus testen. Überprüft sollen verstärkt auch Personen werden, die selbst keine Symptome haben, aber in Kontakt mit Infizierten gekommen sind – vor allem in Krankenhäusern und in Pflegeeinrichtungen. Das Ziel: Die Zahl der Tests in Baden-Württemberg soll von momentan mehr als 80 000 pro Woche auf 160 000 verdoppelt werden. Ein Vorhaben, an dessen schneller Umsetzung es noch Zweifel gibt.

Freie Kapazitäten

  • Nach Angaben des Verbandes Akkreditierter Labore in der Medizin lag die Positiv-Rate der in Baden-Württemberg durchgeführten Tests auf das Coronavirus in der 16. Kalenderwoche (13. bis 19. April 2020) bei 10,5 Prozent.
  • Damit war etwa jeder zehnte Test positiv. Das ist ein höherer Wert als in den anderen Bundesländern
  • Allerdings seien die Testkapazitäten in den vergangenen Wochen nicht ausgeschöpft worden, heißt es weiter. Alleine bei den privaten fachärztlichen Laboren wären in der Kalenderwoche 16 rund 40 000 Tests zusätzlich möglich gewesen. mis
AdUnit urban-intext1

In Baden-Württemberg werden in Laboren laut Stuttgarter Sozialministerium aktuell an jedem Werktag rund 16 650 Corona-Tests ausgewertet – mehr als 15 300 davon in fachärztlichen Laboren. Von den Unikliniken werden rund 1000 Tests pro Tag durchgeführt. Hinzu kommen noch einige Hundert Tests des Landesgesundheitsamts in Kooperation mit dem Chemischen- und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Getestet werden bislang nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts schwerpunktmäßig Personen, die für das Coronavirus spezifische, grippeähnliche Symptome haben.

Die grün-schwarze Landesregierung will nach eigenen Angaben hier einen neuen Weg einschlagen – und bezeichnet die Erweiterung der Test-Kapazitäten in einer Pressemitteilung als „bislang bundesweit einmalig“. Zudem würden die Laborkosten bei der Testung von Personen ohne Symptome „nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen“, heißt es weiter. Das Land wolle die Extrakosten selbst übernehmen – und hoffe, dass der Bund für die Finanzierung aufkomme.

Unklare Finanzierung

Für die Kassenärztliche Vereinigung in Baden-Württemberg, die auch die Interessen der mehr als 130 Laborärzte im Südwesten vertritt, sind noch viele Fragen offen. „Unsere Labore können nicht einfach die Kapazitäten verdoppeln“, sagt Sprecher Kai Sonntag auf Anfrage dieser Redaktion. Dies liege schlicht daran, dass es nur eine begrenzte Zahl an Laboren gebe. Auf diese kämen zudem nun weitere Belastungen zu, weil die Hausärzte den Betrieb ab sofort wieder hochfahren würden – und dadurch das Alltagsgeschäft sukzessive zunehme. „Die Labore müssen wieder mehr Blut-, Stuhl- und Urinuntersuchungen durchführen“, so Sonntag.

AdUnit urban-intext2

Völlig unklar ist laut Sonntag zudem, wie die Laborärzte die zusätzlichen Tests vergütet bekämen. „Die Abrechnung ist völlig unklar. Testen Laborärzte jetzt Mitarbeiter in Pflegeheimen oder Bewohner ohne Symptome, wissen sie nicht, wie die Finanzierung funktioniert“, sagt er. Hier bedarf es einer klaren Regelung des Landes. Dasselbe Problem hätten die aktuell rund 50 Fieberambulanzen im Südwesten.

Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) sieht dies ähnlich. „Wichtig wäre, dass nun schnell geklärt wird, wer etwa die Tests bei Mitarbeitern und Patienten ohne Symptome bezahlt“, sagt BWKG-Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag. Der Löwenanteil der vom Land vorgesehenen Aufstockung der Testkapazitäten betreffe nach BWKG-Informationen jedoch den ambulanten Bereich, also die niedergelassenen Ärzte. Dies liege daran, das es verstärkt zu zusätzlichen Tests von Personen mit milden Erkrankungssymptomen kommen werde. „Die bei den Krankenhäusern vorgesehene Erhöhung der Testanzahl dürfte von diesen zu bewältigen sein“, erklärt Einwag.

AdUnit urban-intext3

Sven Girgensohn ist Landesobmann des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL), bei dem in Baden-Württemberg 70 Mediziner Mitglied sind. Er hält das Ziel der Verdopplung der Testkapazitäten „für anspruchsvoll, aber nicht für unmöglich“. Ob die Anzahl der Tests auf einem hohen Niveau gehalten werden könnte, hänge davon ab, „ob wir genügend geschulte und einsatzfähige Laboranten haben – und ob wir dauerhaft genügend Material, zum Beispiel Geräte, Reagenzien oder Abstriche, zur Verfügung haben“, so Girgensohn. Dies seien limitierende Faktoren.

Mehr zum Thema

Nach Urteil in Bayern Generelle Öffnung von Geschäften?

Veröffentlicht
Von
pre
Mehr erfahren

Pandemie Bürger können den Computer befragen

Veröffentlicht
Von
Peter Reinhardt
Mehr erfahren

Corona Streit um Nullrunde

Veröffentlicht
Von
pre
Mehr erfahren

Thoraxklinik Heidelberger Chefarzt schildert Erfahrungen mit Corona-Patienten

Veröffentlicht
Von
Madeleine Bierlein
Mehr erfahren

Coronavirus Länder gehen eigene Wege

Veröffentlicht
Von
dpa/pre
Mehr erfahren

Das Wichtigste auf einen Blick Die aktuelle Corona-Lage im Liveblog

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Karte und Grafiken Coronavirus: Fallzahlen aus Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Rhein-Neckar

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Service Täglicher Themen-Newsletter "Coronavirus"

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Korrespondent

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren