Kitas - Kritik an unverbindlichen Vorgaben des Landes Hoher Bedarf an Notbetreuung

Von 
Michael Schwarz
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Stuttgart. Während darüber diskutiert wird, wann und unter welchen Voraussetzungen Kitas und Grundschulen in Baden-Württemberg wieder generell öffnen sollen, steigt parallel die Nachfrage nach der Notbetreuung an. Das Stuttgarter Kultusministerium spricht zwar von einem größtenteils reibungslosen Ablauf. Dies sehen einige Verbände anders.

Da Kitas geschlossen sind, steigt die Nachfrage nach Notbetreuung. © dpa
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Eltern oder Alleinerziehende können die Notbetreuung in Grundschulen oder Kitas nur dann beanspruchen, wenn sie zwingend darauf angewiesen sind, also in ihrer beruflichen Tätigkeit unabkömmlich sind und dadurch ihr Kind nicht betreuen können. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Beruf in Präsenz oder im Homeoffice ausgeübt wird. So lautet die Regelung in den sogenannten Orientierungshilfen, die das Kultusministerium am 6. Januar herausgegeben hatte.

Anteil schwankt regional

Laut Kultusministerium lag in der Woche nach den Weihnachtsferien die Zahl der Grundschüler, die notbetreut werden, zwischen zehn und 25 Prozent. „Allerdings schwankt der Anteil regional“, so eine Sprecherin. Momentan fragt das Haus von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) aktuelle Zahlen ab. „Wir haben Anzeichen dafür, dass die Inanspruchnahme an Grundschulen um etwa fünf Prozent zugenommen hat“, so die Sprecherin.

Auch in den Kitas würden immer mehr Kinder in die Notbetreuung gegeben. Von den 450 000 Kindern, die in Baden-Württemberg in Kitas oder in der Tagespflege sind, befinden sich mehr als 100 000 in einer Notbetreuungsgruppe. Diese hohe Zahl zeige, dass das Angebot zunehmend von Eltern beansprucht werde, die eigentlich nicht zur Zielgruppe gehörten, so der Verband Bildung und Erziehung. „Es gibt Eltern, die bringen ihre Kinder in die Notbetreuung, damit sie Freizeit haben – und nicht, weil sie arbeiten müssen“, sagt der Landesvorsitzende Gerhard Brand. Und da es keine verbindlichen Vorgaben des Landes gebe, werde regional unterschiedlich entschieden, welche Kinder ein Recht darauf haben. „Bei uns melden sich Kitas, in denen schon 60 bis 70 Prozent der Kinder in Notbetreuung sind. Dann können sie eigentlich gleich wieder in den Vollbetrieb gehen“, so Brand. Er fordert, zu der Regelung des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 zurückzukehren, als nur Eltern mit systemrelevanten Berufen die Betreuung nutzen durften.

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„Bei uns sind die Kitas in der Notbetreuung durchschnittlich mit rund 60 Prozent belegt“, erklärt Romano Sposito vom Deutschen Kitaverband, der in Baden-Württemberg Dachverband von mehreren hundert Einrichtungen ist. Es gebe vereinzelt die Kritik, dass Eltern die Notbetreuung nutzen würden, obwohl die Erzieherinnen nicht den Eindruck hätten, dass dies zwingend notwendig sei, sagt auch Matthias Schneider, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Südwesten. Der Verband sieht jedoch ein größeres Problem in den Grundschulen. Schneider: „Viele Lehrkräfte müssen die Notbetreuung sicherstellen und gleichzeitig den Fernunterricht organisieren. Beides zusammen geht aber nicht.“

Korrespondent