Jahrestag: Lotto Hessen feiert 60-jähriges Bestehen / Acht Milliarden Euro Gewinne ausgeschüttet Gewinner per Hand ausgezählt

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Michael Biermann

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Wiesbaden. Am Anfang der hessischen Lottogeschichte standen Sorgen um Moral und Sittlichkeit und die Sportwette Toto. Als der Landtag am 9. Februar 1949 das Sportwetten-Gesetz verabschiedete, lehnten aber nur einzelne Bedenkenträger eine staatliche Lotterie ab, geht aus einer Chronik der Lottogesellschaft hervor. Dann ging es Schlag auf Schlag: Am 14. März wurde die "Staatliche Sportwetten GmbH Hessen" gegründet. Der Spielbetrieb begann am 10. April. Zuvor waren in vier Wochen 180 Annahmestellen geschaffen, Mitarbeiter angeworben und Wettscheine gedruckt worden. 60 Jahre danach kann "Lotto Hessen" stolze Zahlen nenne: Acht Milliarden Euro wurden seitdem als Gewinne ausgezahlt und 3,1 Milliarden Euro für Sport, Kultur und Soziales.

Kein Laut nur raschelndes Papier

Die Umstände der ersten Auslosung waren nach der Chronik abenteuerlich. Schon der Transport der 70 000 Spielscheine für die erste Toto-Fußballwette war ein Problem, weil in der Nachkriegszeit Autos rar und Benzin rationiert waren. Die Scheine trafen in Säcken, Taschen und Kisten ein. Ausgezählt wurde per Hand in einer Turnhalle in Wiesbaden, das Mobiliar war von einer nahen Gaststätte ausgeliehen. Von 19 Uhr bis zum nächsten Morgen um 5 Uhr suchten die Auswerter mit Schablonen nach Treffern.

"Kein Laut, kein Zigarettenrauch, nur das Rascheln des Papiers" schilderte ein Zeitzeuge die Atmosphäre. Jeder Auswerter hatte pro Stunde mindestens 1100 Tippreihen durchzusehen. Der erste Tag brachte der Sportwetten GmbH 117 000 D-Mark Einnahmen und das Jahr 1949 einen Gesamtumsatz von 8,6 Millionen D-Mark. Zum Vergleich: 2008 setzte Lotto Hessen 617 Millionen Euro um. 1949 erhielten Auswerter ein damals stattliches Monatsgehalt von 80 D-Mark. Heutzutage gibt es keine Auswerter mehr, ihre Arbeit erledigt die Elektronik.

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Schon kurz nach dem Start wurde das Spielangebot ausgeweitet. Zur Fußballsaison 1949/50 ergänzten Autos, Motorräder und Fahrräder das Gewinnspektrum und steigerten so den Umsatz. Für zehn Pfennig zusätzlichen Einsatz winkte der Gewinn eines Häuschens. Bis 1954 gab es das Angebot, und die Gewinner wurden nach der Ziehung ihres Loses aus einer hölzernen Trommel namentlich genannt. Schon damals dienten stattliche Summen aus den Spielerträgen der Sportförderung und flossen etwa in den Bau von Sportanlagen in Darmstadt und ins Frankfurter Waldstadion.

Die Zahlenlotterie "Lotto" mit der Spielformel 6 aus 49 wurde in Hessen erst 1956 eingeführt - knapp ein Jahr nach deren Start in Hamburg. Schon im ersten Jahr übertraf Lotto beim Umsatz die ältere Sportwette, die inzwischen nur noch 0,7 Prozent zum Gesamtumsatz von "Lotto Hessen" beiträgt. Am 4. September 1965 übertrug der Hessische Rundfunk erstmals die Ziehung live aus dem Studio 4. Erste "Lottofee" war Karin Dinslage. Sie wurde zwei Jahre später von Karin Tietze-Ludwig abgelöst, die danach 30 Jahre lang die Ziehungen begleitete.

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Trotz steigender Umsatzzahlen, immer neuen Angeboten und großer Popularität gab es auch kritische Zeiten für die landeseigene Lotteriegesellschaft. Mitte der 90er Jahre überschattete eine Affäre das Spiel, bei der es um hohe Abfindungen und teure Dienstreisen von leitenden Lotto-Mitarbeitern ging. Der damalige Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) sprach von einem "Sumpf", seine Finanzministerin Anette Fugmann-Heesing (SPD) trat 1994 zurück, ihr Staatssekretär wurde in vorzeitigen Ruhestand geschickt und es gab einen Untersuchungsausschuss. Zwei Strafverfahren gegen den Ex-Staatssekretär und einen früheren Geschäftsführer wegen Untreue wurden aber später eingestellt.

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Eine Gefahr für das staatlich organisierte Glücksspiel drohte jüngst mit Glücksspielen im Internet, die aber gegen das staatliche Wettmonopol verstießen. Das konnte Anfang 2008 mit einem neuen Staatsvertrag der Länder für zunächst vier Jahre gerettet werden. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts hatte das Monopol für zulässig erklärt unter der Bedingung, dass die Lottogesellschaften alles tun, um die Spielsucht zu bekämpfen.